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AfD gewinnt auch dank Opferrolle

Marcus Knill

In einer neuen Wahlumfrage (INSA-Meinungstrend) holt die AfD (Alternative für Deutschland) erneut zusätzliche Punkte. Bundesweit könnte die missliebige Partei jeden vierten Wähler gewinnen. Moderatorin Anne Will versuchte in ihrer Sendung vom 4. Juni der Frage nachzugehen, weshalb die Ampel den Rückhalt in der Bevölkerung verloren hat und was die Gründe für den Zulauf zur AfD sind. Anstatt den vielfältigen Ursachen auf den Grund zu gehen, stand die Klimapolitik im Fokus der Diskussion.

Die AfD steht so gut da, wie seit fünf Jahren nicht mehr. Nicht nur, weil die anderen Parteien schlecht kommunizieren und keinen Plan haben. Es gibt internationale sozialwissenschaftliche Forschungen, die beweisen, dass die Grünen mit ihrer Klima- und Identitätspolitik die AfD nähren. Je ideologischer und militanter die Grünen auftreten und ihre Politik durchpauken wollen, desto stärker wird, sozialpsychologisch gesehen, die rechte Reaktion (Reaktanz).

Jahrelang wurde bei Fernsehdiskussionen versucht, die missliebige Partei auszuklammern und sie vor allem in den Medien zu ignorieren, nach dem Motto: «Was nicht sein darf, darf es nicht geben.» So weigerten sich Anne Will und Co AfD-Mitglieder an Diskussionsrunden mit einzubeziehen. Auch an der letzten Runde fehlte die Sicht der AfD. Diese gezielte Isolation und manipulative Ausgrenzung kommt schlecht an und wirkt kontraproduktiv.

Möglicherweise will die ARD der missliebigen Partei jede Plattform verunmöglichen. Doch profitiert heute die AfD von ihrer Opferrolle. Bei Anne Will wäre es eigentlich in der letzten Sendung um die zentrale Frage gegangen: Warum hat die AfD Erfolg? Leider liess die Moderatorin wichtige Argumente nicht gelten und wollte sie wegwischen. Beispielsweise, dass sich die Menschen auch bei der Genderfrage nicht mitgenommen fühlen. Es ist ein No-Go, wenn eine Moderatorin Beiträge der Teilnehmer wertet und selbst Stellung bezieht.

Anstatt die zahlreichen Gründe gelten zu lassen, stand bei der konfusen Diskussion vorab die Klimapolitik im Fokus. Es ist genau die Fülle von Unzulänglichkeiten, die zum Erfolg der AfD führten und nicht nur die Klimapolitik. In der Diskussion fehlten viele wichtige Gründe. Bei Anne Will war kein roter Faden erkennbar. Hier der Versuch einer Vervollständigung:

  • Die Ampel kündigte den Bau von jährlich 400'000 Wohnungen an. Dann folgten die Krisen (Ukraine-, Energie-, Kostenkrise) mit dem Ergebnis:  Das Ziel wird nicht erreicht. Das Bauversprechen wurde gebrochen. Wohnungen werden signifikant knapper.

  • Im Koalitionsvertrag wollte die Ampel die irreguläre Migration reduzieren. Doch die Migrationszahlen stiegen (bis Ende April auf 110'000 Anträge). Es fehlt an Wohnungen. Heime sind überfüllt. Die Grenzen sind löchrig. Sie bleiben meist unbewacht. Abgeschoben wird selten.

  • Eine Minderheit will der Bevölkerung das Gendern aufzwingen. Nach dem Prinzip: «Bist du nicht willig, brauch ich Gewalt.» Dozenten, die sich nicht an die hirnrissigen Regeln der Sprachpolizisten halten wollen, verlieren den Job. Prüfungen und Arbeiten, die nicht den Forderungen der militanten Sprachdiktatoren entsprechen, werden mit schlechten Noten abgestraft. Links-grün unterstützt die unsinnigen Genderforderungen.

  • Habecks Heizungsdiktat stösst den Häuslebauern und Mietern sauer auf. Die Wutwelle spült die AfD nach oben. Die Menschen stellen sich die Frage: Kann ich mir die Miete oder das Haus nach der Pensionierung noch leisten? Der Heizungsfrust ist gross. Es kommt zu Existenzängsten.

  • Otto Normalverbraucher kann sich das alte Auto oder einen Gebrauchtwagen nicht mehr leisten. Verbrenner sollen aus dem Programm gestrichen werden. Bei den E-Autos fehlt aber immer noch die Ladeinfrastruktur. Die Anti-Autopolitik gibt der AfD zusätzlichen Aufwind.

  • Saubere Kernkraftwerke werden abgestellt. Die Dreckschleuder Kohlekraftwerke werden gutgeheissen.

  • Alles wurde teurer. Es mangelt an Handwerkern.


Dies alles stützt die AfD. Leider kamen diese Begründungen bei Anne Will zu kurz oder blieben unerwähnt.

Würden die Medien und die politischen Instanzen die AfD bewusst einbinden, müsste die missliebige Partei beweisen, dass sie Probleme besser lösen kann. Die Isolation einer so grossen Partei war ein Fehler. Wird er nicht korrigiert, ist ein weiterer Aufstieg der AfD programmiert.



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Berater und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Peter Eberhard, 07.06.2023 10:11 Uhr
    Markus Lanz hatte kürzlich den energiepolitischen Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag in seiner Sendung. Und siehe da: eine einzige Blamage. Der Herr glänzte mit unübertrefflicher Unkenntnis. Also: Lädt sie ein und entwaffnet sie in der Diskussion.
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