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Chacun à son goût

von Fibo Deutsch

Am Montagabend letzter Woche schaltete das ARD in den Netflix-Modus, sechs Stunden auf Wunsch an einem Stück. Die Art Fernsehen, der heute alle nacheifern, Serien mit Folgen à discrétion, jeder schaut sich was und wann er will, chacun à son goût, Streaming-TV halt eben.

Zu sehen gab es «Eldorado KaDeWe», ein Sittengemälde, ein Wirtschaftsepos, die Saga der Familie Adolf Jandorf im Berlin der 1920er-Jahre im Kampf um Erhalt und Zerfall des berühmten Warenhauses «KaDeWe», Kaufhaus des Westens. Bisher bestimmte der ARD-Programmdirektor die Reihenfolge der einzelnen Formate, jetzt kann der Zuschauer auch im Hauptproramm Intendant spielen. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, Play Suisse und andere Mediatheken ebnen den Weg.

Ist die neuste ARD-Serie nun der grosse Hit? Sie bedient sich der gleichen Stilmittel wie viele quotenerfolgreiche amerikanische Streamingmuster: Sex, Provokation, überzogene Reize. Das KaDeWe-Drehbuch ist eine Klitterung zwischen Dichtung und Wahrheit, viele Hauptpersonen sind erfunden.

In den Mittelpunkt gerückt wird die Geschichte einer lesbischen Liebe zwischen «Fritzi», einer fiktiven Jandorf-Tochter, allerdings als eindrückliches Ereignis gespielt von Schauspielerin Lia von Blarer, hemmungslos verliebt in die mittellose Verkäuferin «Hedi».

Der Zürcher Joel Basman («Stürm» u.a.) gibt sehenswert die weitere Hauptfigur mit «Harry» als sittenlosem Jandorf-Junior-Erbe. Da ist nun alles drin in diesem Sechsteiler, was Zuschauende angeblich so lieben: Nazis, Homophobie, Antisemitismus, Weltwirtschaftskrise, weisses Pulver auf nackter Haut, Domina-Peitschen und Brustwarzen-Nahaufnahmen in Fülle. Von allem ein bisschen zu viel – für meinen Geschmack.

In einer ersten Bewertung erhielt «Eldorado KaDeWe» eine eher mittelmässige Note. Folge 1 um 20:15 Uhr verfolgten rund 3 Millionen Zuschauer. Bei Folge sechs nach Mitternacht waren es noch 1,6 Millionen. Den Sieg am Montag holte sich Konkurrent ZDF mit dem Krimi «Mord in der Familie – der Zauberwürfel» mit einer Quote von über 5 Millionen Zuschauer.

Am Tag vorher, am Stephanstag, entschieden sich die deutschen Zuschauer noch nach klassischem Programmmuster mit 6,9 Millionen Einschaltungen für den «Tatort» mit Maria Furtwängler und leicht abgeschlagen beim ZDF mit 5,9 Millionen Zuschauern für das «Traumschiff» mit Florian Silbereisen.



Hans Jürg (Fibo) Deutsch arbeitete seit 1960 für Ringier und hatte die verschiedensten Funktionen, unter anderem Chefredaktor der Schweizer Illustrierten.

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