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Den Werberinnen vor der Sonne

von Edith Hollenstein

Haben Sie schon einmal eine Capri-Sonne aufgeschnitten, um die darin enthaltene Flüssigkeit aus einem Glas zu trinken statt durch den mitgelieferten Strohhalm? Dann wissen Sie, dass der Beutel nicht ohne Grund undurchsichtig ist. Statt Saft aus Orange und Karotten sprudelt nämlich eine dünne Brühe, die man eher im Spülbecken vermutet als in einer mit fröhlichen Früchten bedruckten Verpackung. So in etwa «Etikettenschwindel à la Capri-Sonne» könnte man das Verhalten der Werbeagenturen vor dem Frauenstreik bezeichnen. Denn jetzt geben sich viele von ihnen betont frauenfreundlich, weil es gerade zum guten Ton gehört für Chancen- und Lohngleichheit einzustehen. Hinter dieser Fassade oder wenn man den Inhalt aus der Umhüllung kippt, sieht es anders aus. Oder kennen Sie eine Schweizer Agentur mit gleich vielen Frauen in der Unternehmensleitung wie Männer?

«Wir arbeiten aktiv am Thema Diversity, etwa an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie an der Förderung von Frauen in Führungspositionen. Lohngleichheit und der Schutz vor Diskriminierung sind für uns selbstverständlich», so Roman Geiser, CEO von Farner in unserer persoenlich.com-Umfrage zum Frauenstreik. In seiner Agentur beträgt der Frauenanteil in der Unternehmensleitung 27 Prozent (10 Männer/3 Frauen). Und Publicis Communcations (4/3) führt ihre «äusserst erfolgreiche» Lohngleichheitskampagne für die Frauenzentrale aus dem Jahr 2015 ins Feld, um ihre Bemühungen diesbezüglich zu illustrieren. Inflagranti (3/1) aus Lyss motiviert die weibliche Belegschaft aktiv dazu, die Arbeit niederzulegen. Jung von Matt/Limmat (6/0) offeriert einen zusätzlichen freien Halbtag, und zwar für alle Mitarbeitenden. Man fragt sich, wofür genau.

Wer nun glaubt, origineller geht es nicht, hat vergessen, dass wir hier ja mit Kreativspezialisten zu tun haben: Y&R Wunderman (5/0) überraschte nämlich am Donnerstag mit einer Zmorge-Einladung an «alle Frauen der Schweizer Werbe- und Kommunikationsagenturen». Sie erhalten am Freitagmorgen am Sitz von Y&R in Zürich gratis Kaffee und Gipfeli offeriert. Auch hier ist der Zweck verworren: Ist das eine nett gemeinte Hilfeleistung für Benachteiligte? Oder der Start einer Selbsthilfegruppe?

Wirkungsvoller als dieser opportunistische Aktionismus wären konkrete Massnahmen. Erst wenn Geschäftsleitungen zu 50 Prozent aus Frauen bestehen, wenn auch Männer Vollzeitstellen im Job-Sharing besetzen und Agenturchefs zum Wohle ihrer Frauen und Kinder ihr Pensum reduzieren, können sich Werberinnen tatsächlich gleichberechtigt fühlen. Noch stehen ihnen die Männer vor der Sonne.



Edith Hollenstein ist Redaktionsleiterin bei persoenlich.com.


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