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Der Generationenkonflikt 3.0

von Manfred Klemann

Ich bin in den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts aufgewachsen. Also inmitten von dem, was man den grossen Generationenkonflikt nannte, als Erwachsene das Sagen hatten, die während der Nazidiktatur und mit entsprechenden Nazilehrern herangebildet wurden und dann die Erziehungsanstalten und die Behörden und die Politik und natürlich die Wirtschaft bestimmten. Klotzköpfige alte Männer, der Beat, Umweltschutz, freie Sexualität, Gleichberechtigung, politische Teilhabe und freie Medien als des Teufels Werkzeuge sahen. Sie bauten munter Atomkraftwerke, Dieselfahrzeuge, Asbest-Wohnbunker und Plastikverpackungen. Unsere Demonstrationen damals galten je nach Standort als kommunistische Propaganda (im Westen) oder faschistische Aufwallungen (im Osten). Die heiligen Kühe dieser Generation waren Atom (auch Raketen dazu), Asbest und Beton und «ein starker Führer». Denn dieser, ob er nun Hitler oder Stalin oder Mao oder Pol Pot oder Ho Chi Minh hiesse, würde mit diesen adoleszenten Aufwallungen aufräumen. Jetzt kommt mir die Zeit für unsere Heranwachsenden der Generation Digital Natives und Z(wanzig.10) sehr ähnlich vor. An der Macht, vor allem der Gesetzgeber und der Exekutive, sind technologische Greise, für die Internet noch immer «Neuland» ist, die Plastikmüll für ein Zeichen des Umweltschutzes halten, die ihre alten Diesel- und Verbrenner-Fahrzeuge bis zum Untergang retten wollen. Vor allem aber wollen sie ihre Privilegien, ihre Fahrer, ihr Geld, ihre Frauen, ihre Macht auf keinen Fall aufgeben. Sie geifern, sie kämpfen, sie lobbyieren, und als Besitzer von Medien, der Politik und der Produktionsmittel werden sie voraussichtlich die Oberhand behalten. Und doch, ein junges Mädchen aus Schweden macht sie nervös und zänkisch …

Aber ich will gar nicht über Greta schreiben, die fantastische Streiterin für ihre Generation und ihr Überleben. Das tun andere – und wenn sie denn dürfen, auch wohlwollend und freundlich. Die Greta-Revolution braucht mich nicht, und das ist gut so. Etwas anderes aber, das im März 2019 passierte und wo alte Männer wieder mal ihren Knüppel aus dem Sack holen konnten, muss hier angesprochen werden. Das Zensurgesetz gegen das Hochladen von Inhalten im Internet. Vorangetrieben von schrecklichen Juristen im EU-Parlament, bezahlt von uns Steuerzahlern natürlich (will die Schweiz nicht einfach mal eine Milliarde ohne Zweckbindung dorthin überweisen?), aber vor allem auch von den ganz grossen Medienhäusern und den Urheberrechtsverbänden. Sie haben ein Gesetz konstruiert, das – und hier schliesst sich der Kreis – solche Phänomene wie Greta erst gar nicht entstehen lassen soll.

Denn diese «Zensurmaschine» «Die Zeit», die hier Gesetz geworden ist, wird jedes freie Hochladen von Inhalten auf Social-Media-Plattformen in Europa unmöglich machen. Wie sich das konkret im täglichen Leben der (jüngeren) Menschen in Europa auswirken kann, will ich wieder an unserer Greta zeigen:

Nehmen wir an, Ihnen gefällt ein Video, das Greta bei einem Auftritt zeigt und das Sie in der SRG-Mediathek gefunden haben. Nun möchten Sie es mit Ihren Freunde teilen. Um Gottes willen, tun Sie es nicht! Das könnte Urheberrechtsverletzung sein. Denn haben Sie dazu die Genehmigung von SRG, aber vor allem von allen auf dem Video zu sehenden Personen und dem Kameramann und den Musikern, deren Klänge ganz leise zu hören sind, eingeholt? Natürlich nicht, wie sollten Sie das können? Nun wird der Upload-Filter von Facebook, Google oder Instagram mal schön aktiv. Blockiert Ihren Upload, denn es ist jetzt ungesetzlich. Keine Chance, dieses Video zu verbreiten.

Nun gut, dann machen Sie ein eigenes Video in Ihrer dunklen Kammer und erzählen von Klimaschutz, der tollen Greta, der nächsten Demo. Auch das aber wird wieder nicht hochgeladen in den sozialen Medien. Warum das? Wenn es nicht wegen der Inhalte ist, die mit Algorithmen erforscht werden (und die Kombination Klimaschutz, Greta und Demo steht sicher auf dem Index), dann ist es, weil Sie vergessen haben, die Coca-Cola-Flasche vom Tisch zu nehmen, und die ist nun fünf Sekunden auf dem Video zu sehen. Ungesetzliche Werbung, die nicht mehr verbreitet werden darf.

Dies sind einfache Beispiele für meine Generation. Aber jeder sollte sich mit Schrecken ausdenken, was für – nach diesem Gesetz – strafbewehrte Dinge er in der Vergangenheit im Internet, in den sozialen Medien, in seinen Blogs und Meinungsbeiträgen angestellt hat. Schuldig sind wir da alle (aus Sicht der EU).

Dieses Gesetz ist eine Zensur in feinster Verpackung, wie man sie eigentlich in China oder Nordkorea erwarten könnte. Und ich kann hier in diesem Ur-Schweizer Medium nur einen Appell aussprechen: Bitte, Schweiz, mach da jetzt nicht auch noch mit. Helft alle, dass in unserem kleinen gallischen Dorf Vernunft und Freiheit und Volksdemokratie erhalten bleiben. Danke von Herzen. (Versuchen Sie, diesen Betrag nicht zu teilen. Es könnte ungesetzlich sein.)      


Manfred Klemann ist Serial Entrepreneur und einer der Pioniere des europäischen Internets (wetter.com). Er ist mit 20 Prozent an C-Films beteiligt, welches den «Zwingli»-Film produziert hat. Zudem ist er Miteigentümer des «persönlich»-Verlags.


Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.


 


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