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Die Bigotterie der Selfie-Medien

von Regula Stämpfli

Sophie Hingst, die Preisträgerin des «Blogger des Jahres» von 2017, ist tot. Einige Wochen zuvor wurde sie vom deutschen «Spiegel»-Autor Martin Doerry in einer riesig aufgemachten Geschichte als Hochstaplerin entlarvt. Die bekannte Journalistin Lea Rosh gibt für die promovierte Historikerin Hingst eine Todesanzeige auf mit dem Text: «Keine jüdische Familie. Keine Slum-Klinik in Indien. Keine Aufklärungsrunde. Nur ein gutes Herz, das zu früh aufhörte zu schlagen, weil es nicht mehr krank sein wollte.» Hingst hätte laut Rosh mehrere Realitäten gehabt, doch das Narrativ der «Spiegel»-Enthüllung wollte nur die eine. Denn die eignete sich ja auch besonders gut für eine typische «Spiegel»-Geschichte.

Das journalistische Agenda-Setting rund um Hingst ist Ausdruck einer Selfie-Mediengesellschaft, die sich um Relevanz schert und Prominenz hinterherhechelt. Selbstverständlich hätte Sophie Hingst «entlarvt» werden sollen und können, doch: Was bringt ein Magazin wie den «Spiegel» dazu, seitenlang eine promovierte Historikerin zu verheizen, die darüber hinaus an einer Krankheit litt (worauf die Mutter Sophie Hingst den Journalisten Doerry offensichtlich hingewiesen hat)? Weshalb lesen wir im «Spiegel» statt über die Akteure des Berliner Flughafens, statt über den Stand der McKinsey-Beratermilliarden von der Leyens oder der neuen EU-Kommissionspräsidentin eine sehr unglückselige Geschichte über eine einzelne Bloggerin – und das auf mehreren Seiten? Weshalb lesen wir nichts über die italienische Terrorbande, die junge Leute beim Discobesuch mit Pfefferspray und anderen Gasen wehrlos macht und sie ausraubt? Wie steht es nun eigentlich um Monsanto und Bayer? Jede, wirklich jede Woche sollten Journalisten über die Demokratie, in der sie leben, berichten, Alternativen aufzeigen, kritisch hinterfragen, entscheidende Themen setzen, die nicht Politikverdrossenheit oder Personality-Exzesse beleuchten, sondern den Informationstand der Lesenden erhöhen.

Seitenlange Berichte über eine Bloggerin, die mit eindrücklichen Shoa-Geschichten eine riesige Followergemeinschaft mehrere Preise gewonnen hat, dabei aber nur die Phantasie hat walten lassen, sind relativ angesichts der wirklich wichtigen Themen der Gegenwart. Doch wie Hingst wissen auch die Selfie-Medien, dass es kaum ein Newsbusiness gibt, das sich so gut «verkauft» wie der Holocaust, ja wie alle «Geschichten» rund um den Zweiten Weltkrieg. Information wird mittlerweile nach SEO-Kriterien gestrickt: Wenn, dann Frau, Shoa, Blog, History, Fake auftauchen, my God, die Klickraten steigen bis zum Mond! Die Währung von Information ist für viele Magazine ja leider schon länger nicht mehr die Demokratie, sondern Klicks, Quotes und Preise.  

Der Fall Hingst, wie der Fall Relotius, könnten nun Anlass sein, die Mediendemokratie als zutiefst dysfunktionales System zu analysieren. Er könnte Exempel sein dafür, dass es nicht die Aufgabe eines Magazins wie der «Spiegel» ist, die Medienjagd auf eine einzelne Person zu richten, selbst wenn diese gelogen hat, sondern die Aufgabe von Qualitätsjournalismus darin besteht darin, der Kontrolle der Mächtigen nachzukommen.

Doch einige Selfie-Medien kaprizieren sich in den letzten Jahren auf Selfie-Stories und Fertigmacher-Journalismus gegen die Kleinen. Ist ja auch einfacher: Die Grossen befragt man lieber, als dass man sie sorgfältig recherchiert. Denn Investigation braucht Wissen, Mut, Geld und gute Anwälte. Es scheint fast so als ob sich dies der «Spiegel» – wie auch der Fall Relotius zeigte – dies nicht mehr wirklich leisten kann und will.



Regula Stämpfli ist Historikerin, Politikwissenschaftlerin und Medienexpertin.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 


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