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Die Journalisten an der Hotel-Bar

von Christian Beck

Bei den diesjährigen Bundesratswahlen brauchte es keine hellseherischen Fähigkeiten, um den Ausgang vorherzusagen. Vermutlich deshalb verzichteten einige Journalisten freiwillig auf einen klaren Blick.

Die Wahlen wurden medial heisser gekocht, als sie wirklich waren. Von «grosser Spannung bis zum Schluss» war im Vorfeld zu lesen. Mit dem Resultat, dass am Mittwochmorgen sowohl die FDP- als auch die CVP-Kandidatin bereits im ersten Wahlgang ins Amt gewählt wurden. Während bei Karin Keller-Sutter das klare Ergebnis erwartet wurde, überraschte immerhin die rasche und deutliche Wahl von Viola Amherd. Und etwas Historisches gab es auch noch: Erstmals in der Schweizer Geschichte wurden zwei Frauen gleichzeitig vereidigt. Damit aber schon genug der Spannung.

«Bundesratswahlen elektrisieren viele Journalistinnen und Journalisten», stellte Politbeobachter Mark Balsiger schon im letzten Jahr fest. Seit Mitte der 90er-Jahre seien Bundesratswahlen zu einem Medienspektakel geworden, «das nicht zu unserem republikanisch geprägten Land passt». Die Personalisierung und Medialisierung der Politik habe sich auch in der Schweiz festgesetzt. «Was an Inszenierung noch fehlt: Dass dem frisch Gewählten – oder der frisch Gewählten – eine Krone aufs Haupt gesetzt wird», so Balsiger.

Keine Krone aufs Haupt, sondern die Flasche an den Mund setzte der «Watson»-Reporter Nico Franzoni in der Bellevue-Bar während der «Nacht der langen Messer». «Ein bisschen mobiler und social-media-affiner als bei der Konkurrenz» werde die Berichterstattung sein, kündigte «Watson»-Chefredaktor Maurice Thiriet auf persoenlich.com an. Was in der Umsetzung bedeutete: Franzoni betrank sich und dokumentierte dies im Live-Ticker. Und er versuchte – ausgerüstet mit Mikrofon und Flachmann – Politiker zum Mittrinken zu bewegen. CVP-Nationalrat Martin Candinas machte mit, SP-Präsident Christian Levrat hingegen ging wortlos am Reporter vorbei. Franzoni nahm die Verfolgung auf, begleitet mit den immer lauter werdenden Ausrufen: «Herr Levrat. Herr Levrat! HERR LEVRAT!!»


Unflätig? Respektlos? Trifft das tatsächlich den Nerv des Zielpublikums von «Watson»? Das Glas in der Hand scheint bei den «Watson»-Machern zwar nicht gerade Dauerzustand, aber immerhin Usus zu sein. Unter den Benefits für die Mitarbeitenden wird das «legendäre Freitagsbier» erwähnt. Und im Format «Wein doch!» betrinken sich Angestellte und Gäste vor laufender Kamera, damit sie anschliessend ihr Leid von der Seele reden. Aber ob eine Bundesratswahl den richtigen Rahmen für jugendliche Trinkspiele bietet, wage ich zu bezweifeln.

Immerhin: «Watson»-Journalisten mussten in Bern nicht alleine dem Alkohol frönen, ihre Kollegen von anderen Redaktionen leisteten ihnen Gesellschaft. Weil während der «Nacht der langen Messer» keine Kandidierenden an der Bar des Luxushotels Bellevue aufgetaucht seien, hätten sich verschiedene Journalisten stattdessen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit satirischen Kommentaren überboten – «und tranken sich an der Hotel-Bar warm», wie die Nachrichtenagentur Keystone-SDA in einem Bericht schilderte.

Vielleicht brainstormten sie dabei auch über originelle Zugänge bei der Berichterstattung über die Gesamterneuerungswahlen im Oktober 2019. Hoffentlich geht es dabei wieder vermehrt um Politik statt um Promille.



Christian Beck ist Redaktor bei persoenlich.com.


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