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Die Quoten-Schocker

von Roger Schawinski

Das Schweizer Fernsehen ist im Visier. Nach dem Vorwurf der Gebührenverschwendung und des Linksdralls ist es nun die Quotenflaute. Eingeläutet durch die NZZ am Sonntag stürzt sich das kümmerliche Häufchen der verbliebenen Medienjournalisten auf diesen Knochen. Kurt W. Zimmermann, Urheber der grössten TV-Pleite der Schweizer Geschichte mit TV 3, was ihn in der Selbstwahrnehmung automatisch zum Fernsehexperten macht, hebt in der Weltwoche den Warnfinger, indem er von der "magischen" 30-Prozent-Grenze faselt, von der ausser ihm noch nie jemand etwas gehört hat und unter die SF während zwei Monaten gerutscht ist. Diese weitgehend unqualifizierten Diskussionsbeiträge, bei denen langfristige Trends, kurzfristige Flops und kürzliche Managementwechsel munter durcheinandergemischt werden, beweisen eines: In der Schweiz gibt es keine ernsthafte Diskussion der quantitativen TV-Daten. Das ist in Deutschland ganz anders. Einerseits ist dies der vielfältigen deutschen TV-Landschaft geschuldet, in der weit über ein Dutzend Sender um die Gunst des Publikums buhlen. Sie liefern nicht nur eine Vielzahl von Stars, Geschichten und Sendungen, sondern täglich Storys um Quoten und Neustarts. Im Internet widmen sich nicht weniger als drei Sites beinahe ausschliesslich diesem Thema. Neben kress.de sind es dwdl.de und quotenmeter.de. Sie liefern jeden Morgen kurz nach 9 Uhr nicht bloss die Daten des Vorabends, sondern auch die dazugehörenden Analysen. Zeitungen wie Süddeutsche, FAZ oder Tagesspiegel behandeln auf ihren täglichen Medienseiten das Auf und Ab im deutschen Fernsehmarkt, was einem breiten Publikum die Chance eröffnet, sich über dieses Thema seriös zu informieren. Bei uns ist dies anders. Keiner der immer zahlreicheren Mediendienste übernimmt in der Schweiz eine ähnliche Funktion. Und in den Tageszeitungen sind die Medienressorts schon längst weggespart worden. Natürlich gibt die SRG-Übermacht viel weniger her, als es eine lebendige einheimische TV-Landschaft tun würde. Aber in einer Zeit, in der die SRG immer stärker ins Fadenkreuz gerät, wäre es für alle interessierten Kreise sinnvoll, wenn es ein kontinuierliches Angebot von Daten und Interpretationen gäbe. Zwar liefert die Publicadata eine Top-Ten-Liste der meistgesehenen Sendungen, aber dieses dürftige Angebot erfolgt, anders als in Deutschland, mit erheblicher Verspätung. So werden etwa die Daten von Freitag erst am frühen Montagabend kommuniziert, was eine schnelle Information und Analyse verunmöglicht. Diese Informationen finden bei uns journalistisch kaum Beachtung. Deshalb gibt es bei uns auch kein echtes Bewusstsein für die quantitativen Leistungen der einzelnen Sender. Das ist dann aber - dies ist die Kehrseite - der Nährboden für unvermittelte Schreckschüsse über angeblich bedrohliche Entwicklungen, die das uninformierte Publikum gar nicht richtig einzuordnen vermag. Als Quoten-Junkie, der ich selbst Jahre nach meinem Abgang als Geschäftsführer von Sat.1 immer noch bin, wünsche ich mir deshalb nicht weniger solche Diskussionen, sondern mehr. Aber bitte auf professioneller Basis! Dies hätte zur Folge, dass eine ganze TV-Nation nicht mit Schlagzeilen, die kaum richtig nachvollziehbar sind, so kinderleicht zu verunsichern wäre. Fernsehen ist ein sehr teures und damit ein sehr ernst zu nehmendes Medium. Und zudem ist es wegen des Gebührenmonopols der SRG zu Recht unter besonderer Beobachtung. Fernsehen in der Schweiz braucht deshalb nicht nur attraktivere Programme, sondern auch eine bessere Berichterstattung über seine Wirkungsmechanismen. Ich warte darauf, dass sie endlich kommt.

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