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Rettet den Pfauensaal

von Matthias Ackeret

André Odermatt ist Zürcher Stadtrat, Hochbauvorsteher und eigentlich ein netter Mensch. Am Donnerstag verkündete er sein Konzept zur eigenen Unsterblichkeit: den Abriss des 94-jährigen Theatersaals im Zürcher Schauspielhaus und einen Neuaufbau. Als Trost fügte er bei, dass die Aussenansicht des Theaters selbstverständlich gleich bleibe. Willkommen im Disneyland!

Nun muss man wissen, dass der Pfauensaal eine historische Bedeutung hat. Während des Zweiten Weltkriegs war es ein Hort des Widerstandes. Viele Künstler, wie Therese Giehse, Kurt Horwitz, Leopold Lindtberg, die aus dem faschistischen Ausland in die Schweiz flüchteten, fanden hier eine Bühne. Verschiedene Stücke von Bertolt Brecht, die im Ausland verboten waren, wurden hier erstmals gespielt. Später waren es Stücke von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, oder – um in der Jetztzeit anzukommen – solche von Christoph Marthaler, die auf internationale Beachtung stiessen. Auch Anne-Marie Blanc, die Mutter von Condor-Chef und ADC-Hall-of-Fame-Mitglied Martin Fueter, feierte auf diesen Pfauen-Brettern grosse Triumphe. Dürrenmatt selbst bekannte in seinem Gedicht «Kronenhalle», dass er sich auf der Bühne des Schauspielhauses – «umstellt von Kulissen» – «daheim gefühlt» habe. Der gefeierte Weltautor empfand also keine Platz- oder Raumnot, wie jetzt Odermatt und seine Leute als eine der Begründungen für den geplanten Abriss lieferten. Ein Mitarbeiter des Schauspielhauses, den ich heute Morgen zufällig traf, hatte Tränen in den Augen, als er von den Plänen der Stadtzürcher Exekutive erzählte. Und dies nicht aus Freude.

Kostenpunkt des ganzen Wahnsinns: rund 115 Millionen Franken. Dies ist mehr als ursprünglich der Schiffbau, die moderne Dependance des Schauspielhauses in Zürich-West vor 20 Jahren kostete. Gegenüber all den corona-geschädigten Theatern und Kulturhäusern in Zürich und der Restschweiz ist diese Summe ein Hohn. Das ist eine Seite. Die andere aber wäre, dass durch diese unsensible Wahnsinnstat, die nach einigen Jahren sicherlich als solche angesehen wird, ein Kulturdenkmal erster Güte verschwinden würde. Zürich ist – abgesehen vom Grossmünster, von der ETH und vielleicht den Luxushotels – nicht reich an Örtlichkeiten mit geschichtsträchtiger Ausstrahlung. Das Wohnhaus von Lenin an der Spiegelgasse wurde auch abgerissen, was praktisch in jedem Artikel beiläufig und mit grösstem Bedauern beigefügt wird. Spätestens jetzt stellt sich die Frage nach dem Warum? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) – immerhin ein Gradmesser für kulturelle Sensibilitäten – bezeichnete die Stadtzürcher Pläne als «Demolierung des Erbes» aufgrund «pseudoprogressiver Vorstellungen». Dies trifft höchstwahrscheinlich die Motivation von Odermatts Plänen am besten.

Die Opposition gegen den Abriss des Pfauensaals ist bis jetzt noch verhalten – und sehr heterogen. Von den politischen Parteien haben sich die Alternative Liste (AL) und die städtische SVP – les extrêmes se touchent –  gemeldet. Daneben rekurriert die Zürcher Sektion des Schweizer Heimatschutzes gegen die stadträtlichen Pläne. Beim städtischen Denkmalschutz dürfte sich das Problem beim obersten Chef stellen: sein Name André Odermatt. Empört ist auch die NZZ («Noch ist der Pfauensaal nicht verloren!»), eine andere urzücherische Institution. Aber auch der ehemalige Intendant Gerd Leo Kuck oder der Starschauspieler Burghart Klaussner, der sehr gute Jahre in Zürich erlebte, wie die Zeitung weiss. Ob dies reicht, ist offen. Im Gemeinderat, dem städtischen Parlament, hat Rot-Grün die Mehrheit. Es ist kaum anzunehmen, dass sich deren Parlamentarierinnen und Parlamentarier gegen die Pläne ihrer Regierung stellen. Gerade deswegen braucht es eine ausserparlamentarische, parteiunabhängige Opposition. Es stünde der Kommunikations-, Kreativ- und Werbebranche gut an, würde sie sich auch gegen den Abriss des Traditionshauses einsetzen, das symbolisch für das Schweizer Kulturschaffen steht.

André Odermatt selbst «bedauert» laut NZZ die Zerstörung des traditionsbeladenen Saals. Doch auch mit einem Neubau – so der Zürcher Hochbauchef – werde die Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit aufrechterhalten. Das ist – mit Verlaub – sarkastisch und erinnert an jene Jägerin, die vergangene Woche im Blick gestand, dass sie immer weinen müsse, sobald sie ein Reh schiesse. Nach Odermatts Logik könnte man höchstwahrscheinlich auch das Grossmünster durch einen Herzog-De-Meuron-Bau ersetzen, die Erinnerung an Zwingli bliebe erhalten. Zugegebenermassen ein schlechter Vergleich, vor allem, weil er Odermatt zu neuen städtebaulichen Taten inspirieren könnte.



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.

 


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