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Sieg an der Sexismus-Front

von René Zeyer

Es gibt gute Nachrichten. Das Recherchedesk des «Tages-Anzeigers» startet eine #MediaToo-Aufklärungsserie. In einer Umfrage wollten die Investigativ-Journalisten mit der Unterstützung von «Daten-Teams» wissen, selbstverständlich sind Journalistinnen und Team*Innen mitgemeint, wie es denn mit sexuellen Belästigungen in der Medienbranche stehe. Damit waren sie monatelang beschäftigt.

Herausgekommen ist, dass 244 Frauen und 34 Männer von «mindestens einem Vorfall» berichteten. Anonym natürlich, was bekanntlich die Wahrheitsliebe ungemein fördert. 600 Teilnehmer hätten zudem «Vorfälle» geschildert, die zwar nicht als Belästigung einzustufen seien. Aber als Sexismus. Daraus wird gefolgert: Jede zweite Frau im Journalismus sei schon mal belästigt worden.

Damit hat der Recherchierjournalismus die höchste Stufe der Selbstzerstörung erreicht. Journalisten recherchieren über Journalisten, und das auch noch schlecht. Eine Software habe sichergestellt, dass es pro verwendete E-Mail-Adresse nur eine Teilnahme geben könne. Darf man diese «Daten-Teams» vielleicht darauf aufmerksam machen, dass jeder problemlos eine, zehn, hundert oder tausend E-Mail-Adressen haben kann?

Es geht noch toller. Wann ist Sexismus zu konstatieren? Ganz einfach: «Nicht die Absicht ist entscheidend. Ist ein Verhalten mit sexistischem Bezug für die betroffene Person unerwünscht, gilt dies als Belästigung.» Hier ist nun Vorsicht angebracht, denn das Zitat stammt von einer Journalistin. Also formulieren wir mal so: Endlich ist die Welt als abhängig vom Ich definiert.

Wer einen anderen beschuldigt, dass der ihm hundert Franken aus dem Portemonnaie geklaut habe, kann auf die Gegenwehr des Beschuldigten nun antworten: Gut, also beweisen kann ich meine Verleumdung nicht, aber ich hab’s so empfunden. Wer also zum Beispiel die Absicht hat, einer Frau ein freundliches Kompliment zu machen, entgeht damit im Zweifelsfall nicht der Anschuldigung, ein sexistischer Lustmolch zu sein. Was natürlich auch für Frauen gilt. Sagt sie zum Beispiel: «Ist das eine Pistole in Ihrer Tasche, oder freuen Sie sich nur, mich zu sehen», dann kann der Mann sofort den Totschläger namens Sexismus aus der Tasche ziehen.

Gut, dass das Mae West nicht mehr erleben muss, die für solche Anzüglichkeiten geliebt wurde. Aber wieso sind das gute Nachrichten? Ganz einfach: Genderwahn, dauererregte Sprachpolizei, das eigene Empfinden als Massstab aller Dinge, das sind solche Steigerungen ins Absurde und Unsägliche, dass damit meistens der Scheitel einer Welle erreicht ist. Und danach geht’s bergab. Das war schon bei der Inquisition so, das ist bei #MeToo nicht anders. Wie bei der Inquisition sind da auch schon die ersten Bannerträgerinnen selber der sexuellen Belästigung beschuldigt worden. Sie sind sozusagen Opfer ihrer eigenen Kampagne. Denn wenn jeder für sich bestimmen kann, was Sexismus oder Belästigung ist, dann ist keiner mehr vor dieser Beschuldigung sicher.

Der monatelang recherchierten #MediaToo-Kampagne fehlt eine Kleinigkeit: Die Möglichkeit der Beschuldigten, auch nur in anonymisierter Form Stellung zu nehmen. Wilde Behauptungen in den Raum stellen, ohne dass die Kritisierten etwas dazu sagen dürfen: Das Todesurteil im seriösen Journalismus.

Laut dieser «Studie» hätten sich lediglich 15 belästigte Frauen bei Fachstellen oder der Polizei gemeldet. Und damit ihr gutes Recht in Anspruch genommen, sich gegen übergriffige Männer zu Wehr zu setzen. Die ihrerseits die Gelegenheit haben, sich gegen allenfalls unbegründete Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Die übrigen 229 Frauen, die Belästigungen vermeldeten, taten das nur bei dieser Umfrage.

Damit soll keinesfalls unterstellt werden, dass hier aus Rache oder anderen unedlen Motiven geflunkert und übertrieben wird. Aber aus einer mit solchen fragwürdigen Methoden erhobenen Umfrage zu schliessen, dass jede zweite Frau im Journalismus schon mal belästigt worden sei, das ist, gelinde formuliert, nicht seriös. Sondern effekthascherisch und zur Sensation aufgepumpt.

Niemand ist mehr vor Vorwürfen sicher. Sie als Leser, ja, auch Sie als Leserin, also alle Leser*Innen, womit ich ausdrücklich auch Transgender anspreche, sie alle sind auch gemeint. Ich fühle mich nämlich von Euch allen belästigt. Missbraucht. Vergewaltigt, geradezu. Warum? Nun, ich empfinde Eure Art, wie Ihr diesen Text lest, halt so. Und aufgepasst bei allfälligen Kommentaren. Jemanden «in grober Weise durch Worte sexuell zu belästigen», das ist ein Straftatbestand. Ich werde alle verklagen, also verurteilen, die mich belästigen sollten. Denn endlich darf auch ich Richter in eigener Sache sein.



René Zeyer ist Inhaber von Zeyer Kommunikation in Zürich. Er ist Publizist (BaZ, «SonntagsZeitung», «Weltwoche», NZZ) und Bestsellerautor.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.


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