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Sorry, wir haben uns geirrt!

von Matthias Ackeret

Drei Themen beherrschen momentan den kollektiven Zürcher Small Talk: Die Schweizer Fussballnati, die anstehenden Bundesratswahlen – und der Konkurs des Kosmos. Wobei Letzterer eindeutig den Themenlead übernommen hat. Die Enttäuschung, so Mitgründer Samir im Tagi, dem Seismografen der aktuellen Befindlichkeit, sei bodenlos. Wie kann es geschehen, dass das vielgerühmte und landesweit bekannte Kulturzentrum mit eigenen, multifunktionalen und hypermodernen Kinos, einer grosszügig ausstaffierten Buchhandlung und einem Gourmetlokal plötzlich Pleite geht? Wie ist es möglich, dass ein Lokal, das den fast schon grenzenlosen Goodwill des hiesigen Kulturestablishments geniesst und linke Ideologie in reiner Form zelebriert, unverhofft vom Erdboden verschwindet?

Der «persönlich»-Verlag hat in den vergangenen Jahren einige Veranstaltungen im Kosmos durchgeführt. So 2018 mit der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard, Medienpionier Roger Schawinski und SVP-Nationalrat Gregor Rutz zur «No-Billag»-Initiative oder ein halbes Jahr später mit Grossschriftsteller Martin Walser und meinem Uralt-Freund Manfred Klemann zum 25-jährigen Jubiläum unseres Bestsellers «Die ganze Welt ist Ballermann». Beide mit publikumsmässig grossem Erfolg.

Eine andere Veranstaltung hingegen fand nicht statt. Aus Anlass der neunten Auflage des Führungsbuches «Das Blocher-Prinzip» planten wir vor einem Jahr ein Gespräch mit Christoph Blocher während des Kulturfestivals «Zürich liest». Obwohl bereits alles vereinbart und auf Plakaten angekündigt war, verzichtete das Kosmos kurzfristig aus «ideologischen Gründen» auf deren Durchführung, obwohl es sich keineswegs um eine politische Veranstaltung handelte. Die vermeintliche Toleranz, die im Lokal ständig propagiert wurde, kehrte sich in kommerzielle Intoleranz. Der Grund: Chefideologe Samir agierte aus dem Hintergrund und befand plötzlich, dass Christoph Blocher im Kosmos doch unerwünscht sei und man diese Veranstaltung entgegen jeglicher Abmachung nicht durchführen könne. Was dann auch geschah. Dies sei, so vernahm ich später, kein Einzelfall gewesen. 

Und so ist der Untergang des Kosmos auch ein Lehrbeispiel dafür, was passiert, wenn Ideologie plötzlich landesübliches Geschäftsgebaren bestimmt oder – wie in diesem Fall – sogar ausser Kraft setzt. Im Kosmos bestätigte sich die Lebensweisheit, wonach zu viele Köche den Brei verderben. In der Vergangenheit dominierten immer mehr Streitigkeiten und Führungswechsel die öffentliche Wahrnehmung. Doch auch bei diesem Konkurs werden sich die Gesetzmässigkeiten des bösen Kapitalismus in voller Härte durchsetzen: Leidtragende werden neben den Aktionären, dem Personal, auch Lieferanten oder Handwerker sein, die dem Image des Kosmos – und ihrer Betreiber – vertrauten. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen des Kosmos ihren eigenen Ansprüchen nachkommen, ausstehende Forderungen begleichen und damit zeigen, dass eine tolerante Lebenshaltung manchmal auch kostet.

Die in den sozialen Medien verbreitete Erklärung, wonach das Kosmos nur «Vision ohne nachhaltige Machbarkeit» geblieben sei, tönt zwar gut, mutet aber angesichts der brutalen Realität doch ein bisschen billig an. Getreu der Devise: Sorry, wir haben uns geirrt. Der Untergang des Kosmos steht fast schon exemplarisch für eine politische Haltung, die momentan in Zürich vorherrscht. Alles ist möglich, sofern es politisch korrekt ist, Geld spielt dabei keine Rolle, und wenn doch, zahlen es am Ende die anderen. Doch irgendwann war es beim Kosmos damit vorbei.   

Am Montag um 12 Uhr bot sich vor dem Kulturhaus ein trauriges Bild. Die prägnante, sich immer drehende Leuchtreklame ist bereits ausgelöscht, durch die grossen Scheiben sind aufgedeckte Tische erkennbar, Indiz, dass die Schliessung überraschend kam. Das Kosmos wird trotz seines Scheiterns als grossartiger Ort in Erinnerung bleiben. Und auch als Stätte noch grösserer Visionen. Leider blieben sie Visionen. Wie erkannte bereits Helmut Kohl, die Realität ist anders als die Wirklichkeit. Beim Kosmos hätte er damit recht behalten.


Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich.


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