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Verlegerverband im Blindflug

Ueli Custer

Als langjähriger Beobachter der Medienszene fällt mir auf, dass offenbar auch Verbände so etwas wie eine DNA haben. Im Falle des Verlegerverbandes ist es ein Rückspiegel, der die ganze Frontscheibe einzunehmen scheint und so den Blick in die Zukunft verstellt. Das begann bereits in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts. Damals wuchs die Zahl der Radiobesitzer immer stärker und die SRG wollte die Hörerinnen und Hörer natürlich auch mit Nachrichten versorgen. Das durfte sie allerdings nicht einfach so.

1932 setzten die Verleger durch, dass die Schweizerische Rundspruchgesellschaft (so hiess damals die SRG) nur die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur verlesen durfte. So als kleine Schikane nebenbei richtete man im Dachstock der Depeschenagentur ein Ministudio ein. Dort war es im Winter arschkalt und im Sommer brütend heiss. Ausserdem wurde dafür gesorgt, dass der arme Radioredaktor die Nachrichten immer erst wenige Minuten vor dem Sendetermin erhielt. Erst 1971 durfte die SRG endlich eigene Nachrichtensendungen produzieren. Sie hatte damals immerhin bereits 1,85 Millionen Radiokonzessionäre.

Ähnlich verhielt es sich bei der Einführung der Fernsehwerbung. Hier erreichte der damalige Schweizerische Zeitungs- und Zeitschriftenverlegerverband (SZV), dass die Einführung zunächst über eine Ausgleichszahlung von jährlich zwei Millionen Franken verhindert wurde. Als diese Regelung abgelaufen war, durften sich die Verleger zusammen mit dem VSW (Publicitas etc.), den Papierfabriken und weiteren Aktionären über die gemeinsame TV-Holding zusammen mit der SRG an der damaligen AG für das Werbefernsehen beteiligen. Erst am 1. Juli 1992 erhielt die SRG die Mehrheit an der damaligen Publisuisse. Inzwischen ist die Nachfolgeorganisation Admeira eine 100-Prozent-Tochter von Ringier und hat einen Exklusiv-Vermarktungsvertrag mit der SRG. Eine Lösung, die offenbar für alle Beteiligten stimmt. Aber eben: Nicht immer führt der gerade Weg zum Ziel.

Inzwischen führen die Verleger seit rund 20 Jahren einen Kampf gegen die Einführung der Werbung auf den Websites der SRG. Und zwar mit Erfolg. Aber es ist kaum zu glauben: Im Jahr 2023 beruft sich der Verband Schweizer Medien auf eine seit 150(!) Jahren bewährte Medienförderung. Dass sich die Medienlandschaft in den letzten 20 Jahren total verändert hat, wird ausgeblendet. Inzwischen ist also auch der Rückspiegel zugeklebt.


Ueli Custer hat seit Ende der 80er-Jahre bis im Sommer 2016 für die Fachzeitschrift Media Trend Journal gearbeitet und dabei die Entwicklungen im Leser-, Zuschauer- und Hörermarkt sowie die Trends im Werbemarkt untersucht. Er amtete ausserdem seit der Gründung der Interessengemeinschaft Elektronische Medien (IGEM) für 19 Jahre als deren Geschäftsführer. 

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Arthur Meyer, 13.01.2023 18:26 Uhr
    Danke, Ueli Custer, für die aktuelle Rückblende! Ich denke mit Grausen an die in schlechtem Bernerhochdeutsch heruntergeleierten Nachrichtenbulletins der Schweizerischen Depeschenagentur zurück. Selbst zu meinen Radiozeiten gab es noch Einschränkungen, in welchen Beiträgen O-Töne verwendet werden durften und in welchen nicht...
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