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Wenn ein Korrespondent kein Korrespondent ist

von Thomas Baumann

Vor Kurzem trat der Schweizer Presserat auf eine Beschwerde gegen die Nordamerika-Berichterstattung einer namhaften schweizerischen Tageszeitung nicht ein. Er begründete dies folgendermassen: «Korrespondentenberichte haben es an sich, dass sie die persönlich gefärbte Einschätzung dieser Journalistinnen und Journalisten zum Ausdruck bringen. Und sogar zum Ausdruck bringen sollen. Das ist ihre USP [unique selling proposition]. Der wird von Zuhörern, Lesenden, Zuschauern erwartet und geschätzt.» Obwohl die Beschwerde noch weitere Punkte rügte, beschränkte sich der Presserat in seiner Begründung darauf, eine Verletzung des Gebots der Trennung von Information und Kommentar (Ziffer 2.3 der Richtlinien zum Journalistenkodex) zu verneinen. Die Begründung des Presserats war jedoch nicht nur unvollständig (was hier nichts zur Sache tut) – sondern auch widersprüchlich.

Am 29. Juni 2013 berichtete die NZZ in einer Mitteilung mit dem Titel «Neue Korrespondentin am Bundesgericht»: «Nachfolgerin von Markus Felber als Korrespondentin am Bundesgericht wird Katharina Fontana …» Dass Katharina Fontana offiziell die Bezeichnung Bundesgerichts-Korrespondentin trug, hinderte den Presserat aber nicht daran, sie im Juli 2016 dafür zu rügen, «kommentierende Passagen nicht klar von informierenden» abzugrenzen (Entscheid 22/2016). Offenbar gilt beim Presserat der Freifahrschein bezüglich der Ziffer 2.3 nicht für alle Arten von Korrespondenten. Oder anders gesagt: Vor dem Presserat sind alle gleich – aber einige sind gleicher. Katharina Fontana half es damals sicherlich auch nicht, dass sie sich ausgerechnet mit Alt-Bundesgerichtspräsident Giusep Nay anlegte, der im Initiativkomitee der Konzernverantwortungsinitiative sass. Die mächtige Geschäftsführerin des Presserats, Ursina Wey, war vor ihrer Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit aktiv – da fand sich für einen Gleichgesinnten doch noch ein Zückerchen. Dass dem Presserat das Resultat wichtiger als eine saubere Darlegung war, zeigt noch die folgende Passage aus seiner «Begründung»: «Der Text hat aber klar kommentierende Passagen. […] Für das Publikum ist es schwierig zwischen Information und Wertung zu unterscheiden.» «Klar kommentierend» und «schwierig zu unterscheiden» – bei der offensichtlichen Klarheit sollte die Unterscheidung gemäss Adam Riese eigentlich nicht so schwer fallen.

Das grundsätzliche Problem geht aber weit darüber hinaus. Alle Leser wissen, dass eine Buchbesprechung im Feuilleton einer Zeitung nicht nur summarisch den Inhalt eines Buches wiedergibt, sondern auch eine Bewertung enthält – selbst wenn da nicht «Kommentar» oder wenigstens «Buchbesprechung» darüber steht. Insofern hat der Presserat recht: In gewissen Bereichen erwartet die Leserschaft persönlich gefärbte Einschätzungen von Journalistinnen und Journalisten. Aber der Journalistenkodex sieht eben nicht vor, dass seine Richtlinien oder einzelne davon nur für gewisse Ressorts gelten – und für andere nicht. Wenn der Presserat je nach Gemengelage ex post und ad hoc den Geltungsbereich des Journalistenkodex punktuell einschränkt oder erweitert, wie es ihm weltanschaulich gerade in den Kram passt, so mag das zwar nachvollziehbar sein – aber seiner Glaubwürdigkeit und vor allem derjenigen des Journalistenkodex tut er damit keinen Gefallen.

Doch auch die Erwartungen der Leser, auf die sich der Presserat hier beruft, sind ein überaus zweischneidiges Schwert. Treffen wir einmal die – zugegebenermassen extreme – Annahme, der Zeitgeist verändere sich so unglücklich, dass in Zukunft wieder eine Hetzpostille von der Art des «Stürmer» auftrete. Kein Mensch las wohl jemals den Stürmer, weil er sich informieren wollte. Sondern ausschliesslich wegen der persönlich gefärbten Einschätzung der Journalistinnen und Journalisten – oder mit anderen Worten: wegen der Hetze. Nun ist eine Verletzung des Diskriminierungsverbots (Ziffer 7 des Journalistenkodex) unzweifelhaft wesentlich schwerwiegender als eine Vermischung von Information und Kommentar. Trotzdem: Eine argumentative Lücke im Verteidigungsdispositiv ist geschlagen und der Herausgeber einer Hetzpostille könnte mit Fug und Recht auf die eingeschränkte Gültigkeit des Pressekodex pochen – und dazu auf das Präjudiz des Presserats selbst verweisen, wonach der Umstand, dass eine bestimmte Art von Berichterstattung von Zuhörern, Lesenden, Zuschauern erwartet und geschätzt werde, von der Beachtung des Pressekodex dispensiere.

Der deutsche Presserat hat das Problem übrigens auf seine Art gelöst: Dort gibt es das Gebot der Trennung von Information und Kommentar gar nicht. Angesichts der viel beklagten «Beschwerdeflut» beim Presserat – obwohl die Zahlen diese langfristig kaum bestätigen – wäre es vielleicht an der Zeit, die Ziffer 2.3 aus dem Journalistenkodex zu streichen. Wobei: Häufig wird bei Beschwerden auch rein subsidiär noch eine Verletzung der Richtlinie 2.3 gerügt. Dass dies eine durchaus sinnvolle Strategie ist, zeigt nicht zuletzt der erwähnte Fall Nay gegen Fontana. Wenn nun  der Presserat in schwierigen Fällen einfach salopp eine Verletzung von Ziffer 2.3 in Abrede stellt anstatt sich mit mühsameren Punkten wie der Verletzung der Wahrheitspflicht (Ziffer 1 des Journalistenkodex) auseinanderzusetzen, kann er damit nicht wenig Zeit und Mühe sparen. Allerdings tut er auch dies letztlich auf Kosten seiner Glaubwürdigkeit.



Thomas Baumann ist freier Autor und Ökonom.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 


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