16.01.2023

Januar/Februar 2022

Ignazio Cassis

Ignazio Cassis ist erst der fünfte Bundespräsident aus der italienischsprachigen Schweiz. Was sagt dies über den Zustand der Schweiz und deren Befindlichkeit? «persönlich» hat sich mit dem ehemaligen Arzt im Bundeshaus über seine neue Tätigkeit, Minderheiten, Medien und die Pandemie und ihre Folgen unterhalten.
Januar/Februar 2022: Ignazio Cassis

Herr Bundespräsident Cassis, Sie sind nun seit einem Monat in Ihrer neuen Funktion. Wie bereitet man sich auf die Rolle des 
Bundespräsidenten vor?
Zum Glück kommt dieses Amt nicht abrupt, sondern Schritt für Schritt. Schon während der Zeit als Vizepräsident bekommt man viel von der Arbeit des Bundespräsidenten mit. Man muss sich der Verantwortung bewusst sein. Es ist in erster Linie eine grosse Ehre, aber auch eine Bürde. Auf der einen Seite bringt das Amt zusätzliche Verantwortung und Mehrarbeit mit sich, da das Geschäft im eigenen Departement weiterläuft. Andererseits ist es eine spezielle Freude, die Schweiz im In- und Ausland als Primus inter Pares vertreten zu dürfen.

Aber Macht hat man keine …
Nein, man hat keine besondere Macht als Präsident, aber von der Symbolik her ist das Amt wichtig, und in meinem Fall ganz besonders, da ich es in Verbindung mit der Sprachgemeinschaft bringe. Nach einem Vierteljahrhundert ist die italienische Sprachgemeinschaft wieder an der Spitze des Landes, und das erfüllt mich mit besonderem Stolz.

Sie sind erst der fünfte Bundespräsident 
aus dem Kanton Tessin.
Ja, ich bin der achte Tessiner Bundesrat und erst der fünfte Bundespräsident.

Hat man im Tessin das Gefühl, von der 
restlichen Schweiz diskriminiert und 
benachteiligt zu werden?
Benachteiligt ja, diskriminiert nein. Diskriminierung würde bedeuten, dass dies absichtlich geschieht, und dies macht die Restschweiz sicher nicht. Aber wir Tessiner haben manchmal schon das Gefühl, etwas benachteiligt zu werden. Wir leben jenseits des Gotthards, werden oft darauf reduziert, die Sonnenstube der Schweiz zu sein, und nicht immer ernst genommen. Dieses Gefühl kennt jede Minderheit, auch die Romands, obwohl die französischsprachige Schweiz viel grösser ist als die italienischsprachige.

Was bedeutet diese Erkenntnis mit Blick auf Ihr Amtsjahr?
Ich versuche bereits als Bundesrat – und jetzt noch mehr als Bundespräsident –, die Vielfalt unseres Landes mit Leben zu füllen. Dies geschieht mit meiner Präsenz, aber auch mit Gesprächen und Interviews. Für mich bedeutet Vielfalt auch Respekt für unterschiedliche Meinungen, was aber heute nicht mehr gottgegeben ist. Meinungsunterschiede werden oft nicht mehr als Reichtum, sondern als Bedrohung empfunden, was sich gerade in der Covid-Pandemie zeigt. Die einen sind fürs Impfen, die anderen dagegen, miteinander gesprochen wird aber kaum mehr. Doch gerade diese Meinungsvielfalt ist es, die die Schweiz ausmacht. Darauf möchte ich im Präsidialjahr meinen Fokus legen. Dazu kommt ein zweites Element, das mir wichtig ist – die rätoromanische Schweiz. Ich habe mich bisher schon stark für die rätoromanische Sprache engagiert und werde dies auch im Präsidialjahr tun, obwohl ich leider nur sehr wenig Rätoromanisch spreche.

Was heisst das konkret?
Es wird zum Beispiel eine Extrasitzung des Bundesrats in Val Müstair geben, und geplant sind auch verschiedene Veranstaltungen in der rätoromanischen Schweiz. Von den Organisatoren höre ich immer wieder, dass sich die Menschen sehr freuen, dass der Bundespräsident bei ihnen auftritt. Ich komme auch gerne, weil mir die Minderheiten sehr am Herzen liegen.



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