16.01.2023

August/September 2022

Markus Gross

ETH-Professor Markus Gross gehört zu den international besten Kennern des Metaverse. Welches Potenzial steckt darin? Und wie viel ist bloss Hype? Darüber spricht er am SwissMediaForum. «persönlich» hat ihn vorab interviewt – per Zoom in San Francisco.
August/September 2022: Markus Gross

Herr Gross, gibt es schon Anwendungen oder Tätigkeiten, die Sie selber routinemässig im Metaverse ausüben?
Ich bin noch nicht als Avatar aktiv. Wir forschen an der ETH und auch bei Disney an digitalen Avataren und digitalen Versionen von Menschen, die sich dann im Metaverse bewegen. Diese digitalen Menschen werden nicht nur von echten Menschen gesteuert, sondern auch von künstlicher Intelligenz. Ein kleiner Vorgeschmack dafür ist der «digi
tale Einstein».
 
Wie werden Sie das Metaverse später, wenn es ausgereifter ist, nutzen?
Lassen Sie mich erst mal klären, welche Definitionen des Metaverse eigentlich existieren. Ein Verständnis stammt von Meta, also dem Facebook-Konzern, das besagt: Jeder bewegt sich im Metaverse, im Internet der Zukunft, einem Social Space, mit seinem Avatar. Dann gibt es aber auch Metaverse-Definitionen, wie sie Gamehersteller sehen, etwa Epic oder Unity, wo man in eine komplett virtuelle Welt eintaucht, mit seinem Avatar Abenteuer erlebt und aktives Storytelling betreibt. Darüber hinaus sind da noch viele andere Vorstellungen im Sinne von virtuellen Marktplätzen, die dort digitale Güter verkaufen oder andere Tätigkeiten ausüben. Im Grunde kann man sich das «eine» Metaverse auch als eine Vernetzung all dieser individuellen dreidimensionalen Welten vorstellen.
 
Gibt es hier Pioniere?
Die Sportartikelhersteller Nike und Adidas beispielsweise entwerfen ganze Kollektionen mit limitierten Auflagen von Kleidern und Schuhen. Die kann man dann erwerben, so wie NFTs in der Kunst.
 
Das Metaverse, an dem Sie forschen, ist nochmals ein anderes …
Mein Forschungsgebiet ist vor allem die erweiterte Realität (Augmented Reality), mich interessiert das Metaverse nicht primär als rein virtueller Raum, sondern die Überlagerung von virtueller und effektiver Realität. Diese Kombination hat grosses Potenzial, uns zu jeder Zeit und an jedem Ort kontextualisierte und personalisierte Information zur Verfügung zu stellen.
 
Wie sieht eine konkrete Anwendung aus?
Wenn Sie in einen Raum hineinkommen und eine intelligente Brille tragen, sehen Sie bei jeder Person, die sich dort aufhält, ihren Namen angezeigt. Und vielleicht erscheint dazu noch die Information, wann Sie diese Person das letzte Mal getroffen haben. Das erleichtert und bereichert die reale Kommunikation mit dieser Person enorm. Ein anderes konkretes Beispiel ist die Telepräsenz.
 
Wie muss man sich Telepräsenz vorstellen?
Sie wollen einen Kollegen anrufen. Dann sagen Sie Ihrem Avatar, er soll den Kollegen kontaktieren. Dann erscheint Ihr Avatar lebensecht im Büro Ihres Kollegen und sitzt neben ihm, während sein Avatar mit mir durch die Bahnhofstrasse geht. Heute ist die Technik noch nicht so weit. Darum sind auch die Avatare von Meta sehr stilisiert. Es wird aber möglich sein, dass wir die Avatare künftig lebensecht machen können, ähnlich wie bei Spezialeffekten im Film, sodass sie nicht mehr unterscheidbar sind von der realen Person.



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