23.04.2016

FCB

«Wir haben ja keine rechtsradikalen Kunden»

Dennis Lück und FCB wollten etwas gegen rechte Hetze unternehmen und hatten eine denkbar einfache wie geniale Idee, die gerade viral geht. Im Interview mit persoenlich.com spricht Lück darüber wie es ist, sich als Werbeagentur in gesellschaftspolitische Diskussionen einzuschalten.
FCB: «Wir haben ja keine rechtsradikalen Kunden»
von Lucienne Vaudan

Herr Lück, Sie haben mit Ihrer Kampagne mit Flüchtlingen gegen Rassismus einen viralen Hit gelandet. Wie sind die Reaktionen auf Ihr Engagement?
Es ist der Wahnsinn, die Idee wandert gerade um die ganze Welt. Wir sind am letzten Dienstag live gegangen und seither haben alle grossen deutschen Medien darüber berichtet. Aber auch BBC, Mashable und viele andere haben unsere Idee aufgenommen. Wir sitzen gerade mit sehr grossen Augen vor unseren Bildschirmen und sehen, wie Medien in Mexiko, Spanien, Holland, Frankreich und sonst wo darüber berichten.

Haben Sie im Vorfeld der Kampagne mit einer solchen Resonanz gerechnet?
Damit gerechnet vielleicht nicht, aber gehofft haben wir das natürlich schon. Die Kampagne hat ja ein klares Ziel, nämlich eine Botschaft gegen Hetze und Vorurteile in die Welt zu tragen und ein Umdenken zu erzielen. Dass nun so viele Menschen darüber sprechen, hat zum einen mit der Idee zu tun, zum anderen aber auch mit der guten PR-Arbeit.

Sie engagieren sich als Agentur da ja gerade politisch. Haben Sie sich kurz überlegt, ob das bei allen Kunden gut ankommt?
Wir haben ja keine rechtsradikalen Kunden, denen das sauer aufstossen könnte. Ganz im Gegenteil, die Idee findet auch bei unseren Kunden grosse Anerkennung. Der clevere Umgang mit Media und Targeting, das kommt, unabhängig von der Idee, sehr gut an.

Die Idee ist ja so simpel wie genial: Wer sich eine Hetzbotschaft auf Youtube ansehen will, muss zuerst an einem Menschen vorbei, den die Hetze betrifft. Wie sind Sie darauf gekommen?
Wir haben einfach beobachtet, was in der Gesellschaft gerade passiert: Je mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen, desto mehr Hass und Hetze wird gesät. Dagegen wollten wir etwas tun. Wir haben dann festgestellt, dass viele dieser Hetzvideos Werbung zulassen, schliesslich verdienen sie auch Geld damit. Die meisten Marken stören sich daran, wenn ihre Werbung vor einen Clip mit rechtsradikalen Inhalten platziert wird. Also haben wir diese unbeliebten Sendeplätze gebucht und 20-sekündige Videos geschaltet, die nicht übersprungen werden können. Von dieser Idee waren alle in unserer Agentur begeistert, wir haben sofort gemerkt, dass die Idee etwas bewegen kann.

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Das Engagement ging von FCB aus?
Genau, wir als Agentur haben uns fest vorgenommen, eine Lösung für ein gesellschaftliches Problem zu finden und unsere Möglichkeiten als Agentur dafür zu nutzen. Als wir die Idee hatten, haben wir uns überlegt, mit wem wir zusammenarbeiten könnten. Über eine Mitarbeiterin ist der Kontakt zu der deutschen Organisation «Flüchtlinge willkommen» entstanden, die direkt mitmachen wollten. Hier muss ich ausdrücklich betonen, wie unfassbar engagiert Mareike Geiling und Jonas Kakoschke auf Kundenseite waren. Ohne deren unermüdlichen Einsatz wäre dies niemals so gekommen, wie es jetzt ist. Danke, Mareike und Jonas, für euren Mut und euer Herz!

Und wie haben Sie die neun Frauen und Männer gefunden, die in den Clips ihre Geschichte erzählen?
Der Kontakt mit den neun Protagonisten entstand durch «Flüchtlinge willkommen», einer Art Vermittlungsplattform für Leute, die ein Zimmer zu vergeben haben und Flüchtlingen, die ein Zimmer suchen. «Flüchtlinge willkommen» integriert aktiv Geflüchtete in die Gesellschaft. Somit kennen sie diese Menschen auch persönlich. Das war sehr wichtig, schliesslich sind alle Geschichten echt, die Menschen geben viel von sich selbst preis. Da kann man nicht einfach sagen, Du spielst jetzt den Flüchtling, das ist jetzt der Satz, den Du sagen musst. Hier ist alles echt.

Wie viel Geld ist für die Kampagne geflossen?
Null. Alle Beteiligten haben gratis gearbeitet, es wurden also auch keine Spendengelder verbrannt. Wir als Agentur haben die Aktion mit 20’000 CHF, sozusagen als unsere Spende an die Aktion, angeschoben. Und wenn man sich jetzt anschaut, das wir dafür für «Flüchtlinge willkommen» globale Aufmerksamkeit erhalten haben, dann ist das gut investiertes Geld.

Welche rechtsradikalen Youtuber können sich denn nun über Ihren Vorspann freuen?
Wir haben mittels Targeting 100 Einzelkanäle ausgesucht und haben dabei wirklich nach Hetz-Parolen und den Lieblingsbegriffen der Nazis gesucht: Ausländer raus, Führerkultur, AfD, Pegida und all diese unappetitlichen Dinge. Der bekannteste Youtube-Hetzer war natürlich der Pegida-Führer Lutz Bachmann, der übrigens gestern wegen Volksverhetzung verhaftet wurde. Auch auf Google haben wir Anzeigen geschaltet. Wer beispielsweise den Suchbegriff «Flüchtlinge raus» bei Google eingibt, der landet auf einem Teaser, der so formuliert sind, dass Hetzer draufklicken – und dann wieder bei unseren Flüchtlingen landen.

Wie haben Google und Youtube reagiert?
Google stand uns beispielsweise beratend zur Seite, wenn es ums Targeting ging. Wir haben ja nicht nur Kanäle anvisiert, sondern einzelne Videos darin. Das wir das geschafft haben, ist ein Media-Wunder. Hier wurde wochenlang recherchiert, zwei Mitarbeitende waren rund um die Uhr damit beschäftigt, neue Hetzvideos zu finden.

Und was meinen die Rechtsradikalen dazu?
Da erleben wir natürlich massive Angriffe, man hat auch versucht unsere Seite zu hacken. Manche schliessen das Werbefenster, wenn sie merken, dass es von uns gebucht wurde. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass sie dann auch kein Geld mehr mit ihren Hetzvideos verdienen. Wir haben also so oder so gewonnen.

Haben Sie sich schon überlegt, was danach kommt?
Die Kampagne ist jetzt erst einmal auf zwei Monate ausgelegt. Wir schauen mal, was in den nächsten Tagen passiert und je nach Resonanz werden wir die Aktion ausweiten.



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Kommentare

  • myriam mundt, 23.04.2016 10:36 Uhr
    bitte.... kommt zu mir und dreht einen clip über khaled aus damaskus, er arbeitet mit mir seit 2 monaten.... allerdings ist das, was er zu berichten hat eher material für einen dokumentarfilm......
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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