31.07.2025

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Gemeinsam gegen Armut in der Schweiz

Das Migros-Kulturprozent unterstützt Organisationen und Projekte, die im Umgang mit Armut in der Schweiz neue Wege gehen. Den diversen Ansätzen gemeinsam ist, dass sie Armutsbetroffenen auf Augenhöhe begegnen und ihnen ermöglichen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
07/2025: Gemeinsam gegen Armut in der Schweiz

Armut ist in der reichen Schweiz wenig sichtbar. Doch rund 708 000 Menschen in unserem Land sind laut Bundesamt für Statistik armutsbetroffen. Zählt man zu dieser Zahl die armutsgefährdeten Menschen dazu, sind es 1,4 Millionen Personen. Das entspricht 16 Prozent der Bevölkerung. In der Schweiz gilt eine Person als arm, wenn das Einkommen nicht reicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.
Jeder Zehnte in der Schweiz hat zudem Schwierigkeiten, bis Ende Monat über die Runden zu kommen. Und bei vielen fehlt auch ein finanzielles Polster: Fast ein Fünftel der Bevölkerung kann unerwartete Ausgaben in der Höhe von 2500 Franken nicht decken. 
Dass Armut kaum sichtbar ist, hat auch damit zu tun, dass sich die Betroffenen vieles nicht leisten können. Ein Billett fürs Kino, ein Eintritt ins Hallenbad oder eine Mitgliedschaft in einem Sportverein liegen häufig nicht drin. «Menschen mit Armutserfahrungen sind vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen», sagt Jessica Schnelle, Leiterin Soziales bei der Direktion Gesellschaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund. Nebst den finanziellen Hürden sorgten auch Vorurteile für einen Rückzug. «Armut wird häufig mit einem persönlichen Versagen verbunden.»
Um dem entgegenzuwirken, unterstützt das Migros-Kulturprozent Organisationen und Projekte, die sich dafür einsetzen, dass alle am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und sich zugehörig fühlen. Dabei sollen Menschen, die Armut selbst erfahren haben, diese Angebote mitgestalten. Die Vorhaben verfolgen auch das Ziel, die Gesellschaft stärker für das Thema Armut in der Schweiz zu sensibilisieren. 
Mit der Ausschreibung «Rein ins Leben!» vom Sommer 2024 wurden etwa Vorhaben gesucht, die sich insbesondere an finanziell benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene richten. Eine Jury aus internen und externen Fachpersonen hat aus 141 Einsendungen 33 Projekte ausgewählt, die nun mit insgesamt 426 000 Franken gefördert werden. Den Organisationen wird auch angeboten, sich zu relevanten Fragen aus ihrer Arbeit zu vernetzen.Den diversen Projekten gemeinsam ist, dass sie das Zielpublikum miteinbeziehen. So richtet sich das «Teatro: Talento e Impiego», zu Deutsch «Theater: Talent und Beschäftigung», an 15- bis 25-Jährige und fördert ihre berufliche Integration. Die Teilnehmenden arbeiten zunächst in einem theoretischen Kommunikationskurs an Softskills wie Teamarbeit, Kreativität, emotionaler Intelligenz und der Fähigkeit, Probleme zu lösen. Das Gelernte wenden sie anschliessend in einem Theaterkurs praktisch an. So können sie persönliche Stärken entdecken und weiterentwickeln. Höhepunkt ist eine gemeinsame Aufführung im Teatro Sociale in Bellinzona.
Das Migros-Kulturprozent unterstützt auch das Projekt «colourkey». Mit dem Freizeitpass erhalten über 13 000 junge Menschen zwischen 14 und 26 Jahren in der Region Basel ermässigten oder kostenlosen Zugang zu Kultur-, Bildungs- Freizeit- und Sportangeboten. Ausserdem realisiert «colourkey» Projekte mit gesellschaftlichem Mehrwert – wie etwa die Medienwerkstatt vom 24. Mai 2025 im Impact Hub Basel. Dort erhielten junge Menschen einen praxisnahen Einblick in journalistische Arbeit. Sie entwickelten eigene Storyboards, filmten, schnitten Beiträge und diskutierten mit Profis über Themen wie Algorithmen, Bildrechte und bezahlte Formate.
Die Association Jeunes Parents wird ebenfalls gefördert. Die Freiburger Organisation richtet sich mit dem Angebot «Programme de soutien à la formation PSF» an sehr junge Eltern, insbesondere Mütter, die ohne Ausbildung sind, und unterstützt sie dabei, eine Ausbildung neu in Angriff zu nehmen oder eine angefangene weiterzuführen und abzuschliessen. Werdende und junge Eltern werden dazu ermutigt, ihr Leben weiterhin selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestalten. 
Während die Ausschreibung «Rein ins Leben!» junge Menschen im Fokus hat, wurde am 23. Juni eine weitere lanciert, welche sich der digitalen Teilhabe widmet. Auch hier geht es darum, Menschen mit knappen finanziellen Mitteln zu erreichen. «Unsere Welt wird täglich digitaler, wer mit dieser Entwicklung nicht mithalten kann, wird schnell abgehängt», sagt Jessica Schnelle. Für Menschen, die in Armut lebten, sei das besonders schwierig. Es fehle das Geld für die teuren Geräte und die Zeit, sich mit digitalen Hürden zu beschäftigen und diese zu überwinden. 
Laut der aktuellen Studie «Digital Seniors 2025» von Pro Senectute Schweiz, die am 4. Juni 2025 veröffentlich wurde, ist rund jede zehnte Person über 65 Jahren nach wie vor offline. Das bedeutet, dass in der Schweiz mehrere zehntausend Menschen von digitalen Angeboten ausgeschlossen sind. «Oft nicht aus freien Stücken, sondern weil ihnen die nötigen Kompetenzen oder der Zugang fehlen», sagt Peter Burri Follath, Leiter Kommunikation bei Pro Senectute Schweiz. «Technik muss noch inklusiver werden.» 
Um dies zu ermöglichen, wird das Migros-Kulturprozent in seiner neuen Ausschreibung «Rein ins Netz!» Projekte unterstützen, die digitale Kompetenzen niederschwellig vermitteln. Ob digitale Cafés oder Peer-to-Peer-Kurse in Bibliotheken – neue Ideen seien willkommen, aber genauso wertvoll sei 
es auch, auf bereits bestehenden Angeboten aufzubauen und diese noch besser auf die Bedürfnisse von Menschen mit Armutserfahrung auszurichten, so Schnelle. 
Nebst diversen lokalen Projekten, welche der Zielgruppe zugutekommen sollen, fördert das Migros-Kulturprozent auch den Dialog zwischen Menschen mit Armutserfahrung und einer breiten Öffentlichkeit. So unterstützt es eine Serie von Veranstaltungen, welche die nationale NGO ATD Vierte Welt Schweiz durchführt. Diese sollen Menschen mit und ohne Armutserfahrung miteinander ins Gespräch bringen. 
Die Abkürzung ATD steht für «All together for dignity», zu Deutsch: gemeinsam für die Würde aller. Die Organisation besteht seit 1957 und ist in rund hundert Ländern vertreten, seit 1967 auch in der Schweiz. Ihr Ziel ist es, die Armut zu überwinden mit Menschen, die diese erleben.  Die Dialogveranstaltungen werden von der Berner Fachhochschule und der Fachhochschule Nordwestschweiz wissenschaftlich begleitet. Bereits abgeschlossen ist das Forschungsprojekt «Armut, Identität und Gesellschaft», das von 2019 bis 2023 durchgeführt wurde. Daran beteiligt waren Menschen mit Armutserfahrung sowie Personen aus der Berufspraxis und aus der Wissenschaft. Sie haben gemeinsam erörtert, was es heute in der Schweiz bedeutet, in Armut und Abhängigkeit von Unterstützung zu leben, und wie sich die Verbindung zwischen Fürsorge und Zwang entwickelt hat. 
An den Dialogveranstaltungen sitzen Menschen mit und ohne Armutserfahrung in kleinen Gruppen an Tischen und werden von den Organisator*innen dazu angeleitet, sich auszutauschen. So suchen sie sich beispielsweise Bilder aus, die für sie etwas mit Armut zu tun haben, und äussern sich dazu. Oder sie gruppieren Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt und diskutieren, wie diese einander bedingen. Oder sie debattieren in Rollenspielen über Vorurteile zu Armut. Die einen vertreten die Aussage «Armut hat es schon immer gegeben», die anderen argumentieren, dass sich die Zukunft durchaus ändern liesse.
Die Dialogveranstaltungen ermöglichen Interessierten, aus ihrer Bubble zu kommen und sich mit Menschen mit ganz andern Lebensrealitäten auszutauschen. «Im direkten Gespräch mit Menschen mit Armutserfahrung lassen sich Vorurteile und die Befangenheit mit dem Thema abbauen», sagt Jessica Schnelle. Das könne dabei helfen, die Art und Weise, wie die Gesellschaft über Armut denkt, zu verändern. «Armut ist kein persönliches Verschulden. Armut ist strukturell bedingt. Und sie kann jeden treffen.» 
Es liege in der DNA der Migros, sich für den Kitt in der Gesellschaft einzusetzen. «Wir bauen hier auf der 10. These von Gottlieb und Adele Duttweiler auf, die besagt, dass es einer Firma nur so gut gehen kann, wie es der Gesellschaft geht», sagt Jessica Schnelle. Gelinge es, das Thema Armut aus der Tabuzone zu holen und vermehrt darüber zu diskutieren und sich auch im eigenen Umfeld stärker zu solidarisieren, könnten Ungleichheiten auch besser angegangen werden. «Wir alle tragen mit Vorbehalten und Vorurteilen dazu bei, dass es für Menschen mit Armutserfahrungen schwierig ist, aus ihrer Lebenssituation herauszufinden. Entwickeln wir unsere Sicht auf Armut weiter, können wir dazu beitragen, dass sie Chancen erhalten.»


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