Wie erforscht das GDI die Trends von morgen?
Johannes Bauer: Am GDI beginnen wir bei den Daten, nicht bei trendigen Buzzwords. Wir versuchen aus Statistiken, Branchen- und Forschungsquellen die zentralen Veränderungsprozesse zu destillieren, die eine langfriste Entwicklung prägen, und setzen sie zu einem verständlichen Gesamtbild zusammen. Dieses spiegeln und validieren wir mit Expert*innen aus der Praxis und der Wissenschaft, um unsere Annahmen zu prüfen, blinde Flecken zu füllen und die Wechselwirkungen zwischen nachhaltig strukturellen Entwicklungen zu verstehen. So werden aus anfänglich schwachen Signalen datenbasierte Erkenntnisse und daraus wiederum konkrete Implikationen für Wirtschaft und Gesellschaft.
Welche geopolitischen Veränderungen zeichnen sich ab?
Johannes Bauer: Die Welt bewegt sich von unipolarer US-Dominanz hin zu Multipolarität: China, Indien und ein selbstbewussterer Globaler Süden setzen eigene Prioritäten. Neue Formate wie die erweiterten BRICS gewinnen an Einfluss, während Institutionen wie der UN-Sicherheitsrat oder die WTO zunehmend blockiert sind. Der Ukraine-Krieg verstärkt die politische Unsicherheit zusätzlich. In der Umwelt fordern uns Klimarisiken und Ressourcenstress heraus: Wasser und Energie sind regional knapp, die Verarbeitung kritischer Rohstoffe teils stark konzentriert – mit geopolitischen Folgen für Preise und Versorgungssicherheit. Technologien wie Künstliche Intelligenz, Robotik und Biotechnologie beschleunigen den Wandel. KI wirkt dabei als Wachstumsmotor und Nachhaltigkeitstool zugleich: Mit zunehmendem KI-Einsatz steigen der Stromverbrauch, die Rechenzentrumsleistung und der Rohstoffbedarf. Gleichzeitig trägt KI dazu bei, Energie- und Materialflüsse effizienter zu gestalten und präziser zu steuern.
Wie wird sich unsere Lebensweise in Zukunft verändern?
Johannes Bauer: Zwei Entwicklungen prägen die nächsten Jahre. Erstens altert die Schweiz sichtbar: Die Geburtenrate lag 2024 bei 1,29 Kindern pro Frau – ein historischer Tiefstwert. Laut Bundesamt für Statistik übersteigen voraussichtlich ab circa 2035 die Todesfälle die Geburten. Das heisst, ohne die Migration von qualifizierten Arbeitskräften und ohne die bessere Nutzung inländischer Potenziale würde die Erwerbsbevölkerung schrumpfen. Dies weil altersbedingt mehr Personen aus dem Erwerbsleben austreten, als junge nachrücken. Zweitens verändert sich unser Alltag: Wir arbeiten zwar flexibler, beispielsweise öfter im Home-Office. Trotzdem steigt für viele Menschen die mentale Belastung. Nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch privat. Städte verdichten, Wohn- und Gesundheitskosten steigen, Pendelwege werden länger. Das verschärft den empfunden Zeitstress, den finanziellen Stress und es schafft räumliche und soziale Trennlinien. Und gleichzeitig schwindet vielerorts das Vertrauen, dass Institutionen diese grossen Herausforderungen lösen können.
Bei welchen Herausforderungen setzt das gesellschaftliche Engagement der Migros an?
Kerstin Klauser: Die Ausführungen von Johannes zeigen es: die Entwicklungen sind vielfältig und komplex. Es ist schwierig, sie isoliert zu betrachten. Bei Migros-Engagement sehen wir vier übergreifende Herausforderungen, mit denen die Bevölkerung in der Schweiz konfrontiert ist: die auseinandergehende ökonomische Schere, eine zunehmend polarisierte Gesellschaft, technologische Beschleunigung und eine sich verändernde Umwelt. Mit dem Kerngeschäft der Migros-Gruppe haben wir einen grossen Hebel auf die Umwelt; Ansatzpunkte dafür sind in der Nachhaltigkeitsstrategie der Migros festgehalten. Mit dem Migros-Kulturprozent und dem Migros-Pionierfonds legen wir den Schwerpunkt auf die anderen drei Herausforderungen: Wir leisten einen wichtigen Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes sowie zu mehr Chancengerechtigkeit und Teilhabe.
Wie geht ihr bei der Planung von Aktivitäten und Fördermassnahmen konkret vor?
Kerstin Klauser: Wir fragen uns in einem ersten Schritt, wie verschiedene Bevölkerungsgruppen von den gesellschaftlichen Herausforderungen betroffen sind und welche positive Wirkung wir mit unseren Aktivitäten erzielen können. Danach überlegen wir uns, welche Hebel wir haben, um diese zu erreichen. Um das an einem konkreten Beispiel aufzuzeigen: Die ökonomische Schere geht auseinander; das trifft vor allem die rund 1.4 Millionen armutsgefährdeter und armutsbetroffener Menschen in der Schweiz. Darunter leiden unter anderem Kinder und Jugendliche stark. Letztes Jahr haben wir deshalb mit der Ausschreibung «Rein ins Leben» Projekte gefördert, die spezifisch Kinder und Jugendliche aus armutsbetroffenen Familien unterstützen. Dieses Jahr haben wir mit unserer Ausschreibung «Rein ins Netz» den Schwerpunkt auf die Förderung von Projekten zur Stärkung digitaler Kompetenzen von armutsbetroffenen Menschen gelegt. Und mit unserer Kampagne «Im Minus» sensibilisieren wir die Bevölkerung für das Thema Armut in der Schweiz.
Ein Beispiel für einen weiteren Förderschwerpunkt war die Mitmach-Initiative zum Thema Vielfalt. Diese hat das Migros-Kulturprozent im September 2024 mit einer Studie des GDI lanciert. Welches waren die wichtigsten Erkenntnisse daraus?
Johannes Bauer: Die Studie zeigt, dass eine Mehrheit der Menschen in der Schweiz Vielfalt positiv und als Bereicherung des eigenen Lebens sieht. Trotzdem bewegen sich viele in eher homogenen Kreisen. Die Hürde für vielfältigen Kontakt ist weniger der fehlende Wille als die fehlende Gelegenheit. Unsere Schlussfolgerung ist deshalb: Es braucht Räume für wiederholte, persönliche Begegnungen. Gelegenheiten, die über den kurzen Gruss im Treppenhaus hinausgehen und stattdessen echte Gespräche und den persönlichen Austausch über Meinungen und Lebensweisen ermöglichen. Denn dann wird Vielfalt zur gelebten Gemeinsamkeit.
Wie hat das Migros-Kulturprozent diese Erkenntnisse umgesetzt?
Kerstin Klauser: Mit der sogenannten #vielfaltsinitiative haben wir ein Jahr lang Aspekte der Vielfalt in der Schweiz thematisiert, um soziale Grenzen zu überwinden. Unter dem Motto «Miteinander statt nebeneinander» starteten wir zunächst einen Wettbewerb für die breite Bevölkerung: Gesucht wurden Ideen und Alltagserfahrungen, wie man zwischenmenschliche Brücken bauen kann. Im nächsten Schritt folgte ein Ideenwettbewerb für Fachorganisationen und Vereine. Diese konnten Projekte einreichen, die darauf abzielen, Gruppen über verschiedene Vielfaltsdimensionen hinweg zu verbinden. Nach einer Jurierung kamen 25 Projekte ins Publikums-Voting, und die Projekte mit den meisten Stimmen erhielten bis zu 50'000 Franken Förderung. So entschied die Bevölkerung aktiv mit, wie die Migros-Kulturprozent-Gelder eingesetzt wurden. Parallel dazu motivierte eine Kampagne im Mai und Juni 2025 Menschen dazu, Neues auszuprobieren, Begegnungen zu schaffen und ihre Erfahrungen zu teilen. Ausgewählte Tipps wie Nachbarschafts-Mittagstische, Vereinsaktivitäten oder die Unterstützung älterer Menschen wurden ab Mitte Oktober schweizweit auf Flyern verteilt, verbunden mit einem Wettbewerb, bei dem Menschen einen Tipp auswählen und umsetzen konnten.
Der Pionierfonds ist neben dem Kulturprozent das zweite grosse Fördergefäss von Migros-Engagement; er fördert unternehmerische Ideen, welche gesellschaftliche Herausforderungen adressieren. Können Sie zwei Beispiele für solche Projekte nennen?
Kerstin Klauser: Soziale Medien fördern Hasskommentare, besonders gegen Frauen und Jugendliche. Das vom Migros-Pionierfonds unterstützte Projekt «Stop Hate Speech» bekämpft dies mit dem Algorithmus «Bot Dog» und bietet Betroffenen Checklisten zur Einschätzung und Bewältigung von Grenzüberschreitungen. Eine freiwillige, mehrsprachige Community greift aktiv in Diskussionen ein, um respektvollen Austausch zu fördern und Hassrede entgegenzuwirken. Ein zweites Migros-Pionierfonds-Projekt namens «Spatz» wiederum ermöglicht Nachbar*innen, lokale Nachrichten selbst zu erstellen – unterstützt von digitalen Tools, geprüft durch die Community und orientiert an journalistischen Prinzipien. Ergänzt werden die Inhalte durch Infos von Ämtern, Schulen und Initiativen. Das Ziel: Nachbarschaften stärken, Medienkompetenz fördern und Vertrauen aufbauen. Aktuell wird Spatz in zehn Schweizer Regionen getestet. Beide Projekte kitten also auf ganz unterschiedliche Weise den Zusammenhalt in der Gesellschaft.
Das Kerngeschäft der Migros ist der Detailhandel. Wo ist sie besonders glaubwürdig als Investorin in die Gesellschaft?
Kerstin Klauser: Als Migros sind wir nahe bei den Menschen, sei es mit unseren Supermärkten, mit Finanzdienstleistungen der Migros-Bank, Energieleistungen der Migrol, mit Gesundheitsleistungen der Medbase-Gruppe, mit dem Migros-Magazin. So haben wir ein vertieftes Verständnis, was unterschiedliche Menschen in verschiedenen Lebenslagen beschäftigt, haben aber auch wichtige Hebel, um einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten und die Menschen zu erreichen.
Und nicht zuletzt haben wir mit dem Migros-Kulturprozent, das seit 1957 in den Statuten verankert ist, eine lange Historie des kulturellen, sozialen und wirtschaftspolitischen Engagements, das bis auf den Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler zurückgeht und das als eigenständiger Unternehmenszweck gleichberechtigt neben dem wirtschaftlichen Zweck steht. Allein mit dem Kulturprozent haben wir in den letzten 67 Jahren über 5,6 Milliarden Franken in die Schweizer Gesellschaft investiert. Das sichert Kontinuität und schafft Vertrauen.
In vielen Lebensbereichen bestehen anhaltende Unsicherheiten. Inwiefern führen diese dazu, dass wir vermehrt Beziehungen pflegen möchten?
Johannes Bauer: Unsicherheit macht Zugehörigkeit wertvoller. Gerade in unsicheren Zeiten suchen Menschen Verlässlichkeit, Nähe und Sinn – privat wie beruflich. Gemeinsame Aktivitäten, beispielsweise das Vereinsleben oder die Nachbarschafts-Tavolata, schaffen echte Kontaktmöglichkeiten. Man «erlebt» sich, baut Vorurteile ab und Vertrauen auf. Darum sind die von Kerstin beschriebenen Programme kein «nice to have», sondern notwendige Kontaktflächen, die als gesellschaftliche Ankerpunkte wirken.
Kerstin Klauser: Es ist erwiesen, dass gemeinsame Aktivitäten ein Gefühl von Gemeinschaft schaffen, viel mehr als das durch reinen Konsum möglich ist. Wenn also verschiedene Menschen zusammenkommen, um sich gemeinsam sozial zu engagieren, Musik zu machen, Sport zu betreiben oder Ähnliches, so treten Unterschiede in den Hintergrund und das Gemeinsame wird sichtbar. Auch so kann Zusammenhalt gestärkt werden.
Inwiefern glauben Sie als Zukunftsforscher, dass Projekte, die uns näher zusammenführen, den gesellschaftlichen Wandel beeinflussen können?
Johannes Bauer: Wo Menschen sich wiederholt treffen, und gemeinsame Aufgaben anpacken, entstehen soziale Netze statt Blasen, werden aus Begegnungen Beziehungen. Das wirkt spürbar im Leben einzelner: Sie empfinden mehr Zugehörigkeit, sehen neue Chancen. Und in der Gesellschaft: es entsteht mehr Zusammenhalt, Gräben verschwinden. Jede gelungene Begegnung ist ein kleiner Systemwechsel. Und viele davon bewegen die Schweiz.
Zu den Personen
Dr. Johannes Bauer (47) ist Head of Think Tank am Gottlieb Duttweiler Institut. Er erforscht Veränderungen im Konsum- und Kaufverhalten, die Zukunft des Handels vor dem Hintergrund langfristiger Konsum-, Technologie- und Geschäftsmodell-Trends sowie Chancen und Risiken der Digitalisierung für Wirtschaft und Gesellschaft.Johannes Bauer hat an der Universität St. Gallen (HSG) in Marketing und Konsumentenverhalten promoviert. Vor seinem Eintritt ins GDI war er als Marketing-Professor und Management Consultant einer Strategieberatung tätig.
Kerstin Klauser (44) leitet seit 2022 den Bereich Gesellschaft beim Migros-Genossenschafts-Bund. Sie verantwortet in dieser Funktion den Migros-Pionierfonds, die Mitmachinitiative sowie die nationalen sozialen Aktivitäten des Migros-Kulturprozent. Zudem ist sie stellvertretende Leiterin der Direktion Gesellschaft & Kultur. Sie studierte Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien, arbeitete viele Jahre in der Strategie- und Organisationsberatung und ist seit 2011 in unterschiedlichen Funktionen bei der Migros tätig.

