25.03.2014

SRF

"Auch im Journalismus kann man Gutes tun"

SRF-VJ Lisa Röösli zur neuen IKRK-"DOK"-Serie "Zwischen den Fronten".
SRF: "Auch im Journalismus kann man Gutes tun"

Am Freitag startet die 6-teilige Dok-Serie "Zwischen den Fronten - IKRK-Delegierte im Einsatz" auf SRF 1. Zum ersten Mal überhaupt hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK dazu für das Fernsehen ein Jahr lang seine Türen geöffnet. Vier Videojournalisten und ein Kamerateam begleiteten IKRK-Delegierte bei ihrer Arbeit in Krisengebieten in Kolumbien, der Demokratischen Republik Kongo, in Israel und Afghanistan. Die Folgen zeigen jeweils innerhalb einer Dreiviertelstunde mehrere Handlungsstränge. Lisa Röösli, Redaktorin und Produzentin beim "Kulturplatz", war mit der Kamera an der Seite der 28-jährigen Stéphanie Eller unterwegs - zuerst während der Ausbildung und schliesslich bei ihrem ersten Einsatz in Israel.

Frau Röösli, Sie haben Stéphanie Eller bei der Ausbildung des IKRK in Genf und schliesslich bis ins Krisengebiet nach Israel begleitet. Als Journalist ist man Beobachter, als IKRK-Mitarbeiter tut man Gutes. Könnten Sie sich vorstellen mit Frau Eller den Job zu tauschen?
Ich habe auch nach vielen Jahren im Journalismus den Eindruck, dass man in diesem Beruf hin und wieder Gutes tun kann. Natürlich nicht direkt in einem humanitären Sinne, aber manchmal gelingen gesellschaftlich gesehen ganz nützliche Dinge. Umgekehrt kann es vorkommen, dass IKRK-Mitarbeitende, die eigentlich mit dem Etikett antreten, immer zum Wohl der Menschen zu arbeiten, am Ende ihres Arbeitstages das Gefühl haben, ihre Arbeit sei nichts als der berühmte Tropfen auf den heissen Stein.

Normalerweise erteilt das IKRK keine Drehgenehmigung. Was hat den Ausschlag für den Meinungsumschwung beim Roten Kreuz gegeben?
Es hat auch schon früher einzelne Dokumentationen über das IKRK gegeben. Aber in dieser thematischen Breite und der Nähe zu IKRK-Protagonisten ist das Projekt von SRF tatsächlich einzigartig. Peter Maurer, der oberste Chef des IKRK, sagt, es gibt eine Zeit zum Schweigen und es gibt eine Zeit zum Reden. In Zeiten, in denen Medien eine immer wichtigere Rolle spielen, ist das Bedürfnis nach Kommunikation und Transparenz gross. Dem kann und will sich auch das IKRK nicht entziehen.

Wurden Sie bei Ihren Einsätzen von Presseverantwortlichen begleitet?
Die Dreharbeiten wurden jeweils mit dem Presseverantwortlichen der Delegation in Tel Aviv besprochen. Danach war ich mit der Protagonistin Stéphanie Eller alleine unterwegs, bzw. je nach Einsatz zusammen mit ihren Arbeitskollegen, aber ohne Presseverantwortlichem. Allerdings hätte es manchmal auch hilfreich sein können, wäre dieser dabei gewesen. Gerade bei den Gefängnisbesuchen stellte sich die Dreharbeit mit den israelischen Behörden strukturell bedingt als sehr schwierig heraus. Da habe ich nicht nur einmal auf Granit gebissen. Nur schon die Sprache und die Schrift konnten da Hindernis sein.

Ich kannte viele, die früher immer mal wieder davon geträumt haben zum Roten Kreuz zu gehen. Sie versprachen sich davon das ultimative Abenteuer. Ist es das?
Das ultimative Abenteuer? Kommt darauf an, was man darunter versteht. Es ist ein Einsatz an einem meist fremden Ort, mit fremder Kultur, fremder Sprache, mit allfälligen Sicherheitsproblemen, vielen Unbekannten, zuweilen komplexen Aufgaben und oft grossen Erwartungen von Seiten der Bevölkerung. Das ist herausfordernd, das ist spannend. Es braucht mehr als nur ein wenig Fingerspitzengefühl und soziale Kompetenz. Und natürlich ist es ein Abenteuer. Aber nicht unbedingt im Sinne von ultimativem Adrenalin-Kick. Mehr im Sinne einer Herausforderung, die die ganze Person fordert. Wenn man sich auf diese Arbeit und auf ein bestimmtes Land einlässt, weiss man letztlich nie, wie man psychisch und je nach Ort auch physisch auf die Situation reagiert. Es ist nicht nur ein Job, man nimmt das ganze Leben mit.

Für Sie selber bedeutete das Ganze auch eine Abwechslung vom SRF-Alltag. Bereit für weitere Einsätze dieser Art?
Ja, ich würde sofort wieder solche Einsätze machen. Es gibt für mich nichts Spannenderes als ein Land und seine Menschen als Journalistin kennen zu lernen. Diesen direkten Zugang empfinde ich als grosses Privileg meines Berufes.

Als VJ ist man eine Einmann- oder Einfrau-Berichterstattungseinheit. Haben Sie auch den Schnitt besorgt?
Nach der Rückkehr habe ich jeweils das Rohmaterial gesichtet und die Interviews transkribiert und daraus Geschichten mit Überlängen gebaut im Sinne eines Baukastenprinzips, aus dem die Produzentin für den Endschnitt der jeweiligen Folgen auswählen konnte. Da ja Material aus verschiedenen Ländern, von verschiedenen Journalisten und insgesamt über ein Jahr verteilt zusammenkam, bedurfte das einer präzisen Arbeitsweise, einer akribischen Dokumentation und Niederschrift der Informationen und Eindrücke, die man aus dem Land mitnimmt, damit diese dann auch für den Schnitt der Endfassung zur Verfügung stehen.

Als Mitarbeiter des Roten Kreuzes ist man nur damit beschäftigt die Scherben aufzusammeln, die andere verursacht haben. Bringt einen diese Ohnmacht nicht irgendwann um den Verstand? Wie geht Stéphanie Eller mit dieser Ohnmacht um?
Es hilft, sich als Rädchen in einem System zu begreifen, von dem man überzeugt ist, dass es grundsätzlich auf der richtigen Seite steht. Das IKRK will Not lindern und Menschen, die von Konflikten betroffen sind, ermöglichen, ihre oftmals sehr schwierige Situation menschengerecht im Sinne der Menschenrechtskonvention zu gestalten. Dass das in einer kriegerischen Welt immer mal wieder als Sisyphusarbeit empfunden werden kann, liegt auf der Hand. Ich hatte nicht den Eindruck, dass das IKRK Mitarbeitende sucht, die der naiven Vorstellung unterliegen, sie könnten die Welt retten. Ich habe Stéphanie Eller als eine sehr realistisch denkende und pragmatische Frau kennengelernt. Die Professionalität hilft, dem Gefühl der Ohnmacht etwas entgegenzusetzen. Aber es braucht bei dieser Arbeit sicher viel Geduld, einen langen Atem, Überzeugung und Vertrauen in die Sinnhaftigkeit des Tuns. Ob Stéphanie Eller das langfristig hat, kann ich nicht sagen. Es war ja ihr erster Einsatz für das IKRK. 

Fragen: Adrian Schräder//Bilder: SRF



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