02.11.2017

NZZ

Brigitte Hürlimann darf nicht mehr schreiben

Chefredaktor Eric Gujer hat der langjährigen Redaktorin und Gerichtsberichterstatterin ein Schreibverbot auferlegt. Zuvor hatte sich Brigitte Hürlimann in der «Wochenzeitung» und in «Edito» über die NZZ-Personalpolitik geäussert.
NZZ: Brigitte Hürlimann darf nicht mehr schreiben
Sie hatte sich in der «Wochenzeitung» und zuvor im «Edito» kritisch zur NZZ geäussert: Brigitte Hürlimann. (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Brigitte Hürlimann ist noch bis Ende Jahr bei der NZZ angestellt. Sie arbeitet auch noch auf der Redaktion. Es werden jedoch keine Artikel von ihr mehr in der Zeitung erscheinen. Wie persoenlich.com aus gut unterrichteter Quelle weiss, hat ihr NZZ-Chefredaktor Eric Gujer letzte Woche ein Schreibverbot auferlegt. Dass sie keine Texte mehr schreiben darf, wurde Hürlimann von der Ressortleiterin, Zürich-Chefin Irène Troxler, mitgeteilt. Hürlimann bestätigt auf Anfrage von persoenlich.com das Schreibverbot. Sie will jedoch nicht weiter dazu Stellung nehmen.

Öffentlich Kritik geäussert

Hürlimann arbeitet insgesamt seit 24 Jahren für die NZZ, sie war bis Ende Oktober neben ihrer Funktion als Gerichtsberichterstatterin Präsidentin der NZZ-Personalkommission. Nun wechselt sie per März 2018 zu «Plädoyer», wo sie die Redaktionsleitung übernimmt (persoenlich.com berichtete).

Vor rund zehn Tagen hatte sich Hürlimann in der «Wochenzeitung» und zuvor im «Edito» kritisch über die NZZ geäussert. «Was hier passiert, ist eine Säuberungswelle», sagte sie in der WOZ. Die einen würden entlassen, den anderen werde das Leben schwer gemacht, bis sie gehen. Den Dritten, vor allem den jungen Frauen, werde gesagt, sie hätten keine längerfristige Perspektive.

Fragen, ob diese öffentlichen Äusserungen der Grund für das Schreibverbot seien oder ob dieses andere Hintergründe habe, wollte die NZZ nicht kommentieren. «Es wäre unschön und nicht richtig, wenn wir uns in den Medien zur Arbeitsbeziehung mit einzelnen Redaktorinnen oder Redaktoren äussern würden», sagt Sprecherin Myriam Käser.

Autoren gestrichen

Es ist nicht das erste Schreibverbot, das die NZZ verhängt. Vor etwas mehr als zwei Jahren seien die beiden NZZ-Autoren Jürg Dedial und Oswald Iten aus dem Impressum gestrichen worden, berichtete der tagesanzeiger.ch – wegen einer «Verletzung der Loyalitätspflicht gegenüber der NZZ». Beide hatten bei einer Flugblattaktion gegen das NZZ-Topkader mitgewirkt.

Angesprochen auf sein Vorgehen sagte Chefredaktor Gujer damals gegenüber medienwoche.ch: «Wer die Zeitung und ihre führenden Personen zum Gegenstand einer Schmähkritik macht, sollte sich schon fragen: Will ich überhaupt für die schreiben, wenn es so schlimm ist?».




***Update: Am Donnerstagnachmittag informierte Brigitte Hürlimann per Twitter darüber, dass sie nun ab Freitagabend freigestellt wird (siehe Tweet oben). Ihr sei von der NZZ-HR-Chefin bereits am 23. Oktober mitgeteilt worden, dass der Grund dafür die Äusserungen im WOZ-Artikel waren, sagt Hürlimann auf Anfrage. Die Freistellung sei jedoch nicht per sofort verfügt worden und ab Mitte letzter Woche habe das Schreibverbot gegolten, angeordnet vom Chefredaktor.***

 



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Kommentare

  • Otto Behringer, 03.11.2017 05:31 Uhr
    Der zusehends anti-liberale, realitätsfremde Kurs der NZZ-Chefredaktion (Guyer, Scheu) entsetzen mich und werden dazu führen, dass ich mich von diesem Titel abwende. Besonders störend finde ich bereits seit ein paar Monaten dieses negative Verhalten der (männlichen) Chefredaktion gegen Frauen. Das sollte heute nicht mehr möglich sein! Und der Verwaltungsrat muss aufhören wegzuschauen!
  • Hans-Ulrich Büschi, 03.11.2017 11:17 Uhr
    Mir geht es ähnlich wie Otto Behringer. Das Abtriften der beiden Toptitel NZZ und NZZaS nach rechts ist offenkundig. Von Ausgewogenheit sowohl der Themenwahl als auch der Kommentare kann immer weniger die Rede sein. Als Beispiel diene die Behandlung des Themas "No Billag" bzw. SRG. Und die (Un-)Art und Weise, mit der man auf der Chefetage Personalpolitik betreibt, war vielleicht im frühen 20. Jahrhundert gang und gäbe. Aber eben: Wenn man aus einem Chefredaktor einen dem Profit verpflichteten Manager macht und einen VR-Präsidenten einsetzt, der Zeitungen mit Medikamenten zu verwechseln scheint, kann es ja gar nicht anders herauskommen. Ich werde jedenfalls die Erneuerung meiner langjährigen Abonnemente sehr gut überlegen.
  • Oswald Iten, 03.11.2017 14:47 Uhr
    Das Schreibverbot haben Jürg Dedial, ich und andere pensionierte Redaktoren uns seinerzeit eingehandelt, weil wir in einem Flugblatt zuhanden der Aktionäre vor dem Duo Jornod/Dengler warnten. Mit dieser Führung ging an der Spitze der NZZ die Bodenhaftung zum aufgeklärten, liberalen Zürcher Bürgertum - dem traditionellen Aktionariat der NZZ - verloren. Nur so war das Projekt mit dem Blocher-Trojaner Somm erklärbar, und damit der Aufstieg von Gujer möglich. Das Projekt Somm läuft weiter, einfach ohne Somm. Unsere seinerzeitige Warnung vor Dengler, der die NZZ alleine mit dessen Projekt Austria einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet haben dürfte, hat sich inzwischen zwar leider bestätigt. Doch damit ist das Führungsproblem an der Spitze der NZZ alles andere als gelöst.
  • Meyer Konrad, 04.11.2017 15:35 Uhr
    Das Abonnement der NZZ habe im Verlaufe dieses Jahres gekündigt wegen der starken Rechtslastigkeit und der einseitigen Berichterstattung. Ein Brief mit kritischen Bemerkungen hat den Chefredaktor mit der Bemerkung verkürzt gesagt "betrifft mich nicht" beantwortet und der Verwaltungsratspräsident hat nicht geantwortet. Ein Vermarkter der Zeitung hat mit mir ein Telefongespräch geführt, mir nicht ganz unrecht gegeben und das Jahresabonnement zum halben Preis angeboten. Ich nahm dieses Angebot an, habe mich aber vor allem über politische Artikel zur Schweiz immer wieder geärgert.
  • Jo Heller, 13.11.2017 09:40 Uhr
    Seit wann darf man sich nicht mehr kritisch ggü seinem Arbeitgeer äussern? Das hat für mich nichts mit Mangal an Loyalität zu tun, im Gegenteil. Als Medium freie Meinungsäusserung zu fordern, es seinen Mitarbeitenden aber nicht zuzugestehen, ist ja wohl erbärmlich.

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