11.06.2014

Philipp Löpfe

"Es macht Spass, mal an einem Ort zu arbeiten, wo es nicht abwärts geht"

Philipp Löpfe war Chefredaktor beim "SonntagsBlick" und "Tages-Anzeiger" sowie Blattmacher bei "Cash". Seit zehn Jahren schreibt er über Wirtschaft und Politik. Ende letzten Jahres sorgte er für Aufsehen, als er zum neuen News-Portal "Watson" wechselte. Kürzlich ist sein neues Buch "Wirtschaft boomt - Gesellschaft kaputt" erschienen, das er mit Werner Vontobel verfasst hat. Im Gespräch mit persoenlich.com gibt er Auskunft über den Wirtschaftsjournalismus in der Schweiz, die Stimmung bei "Watson" und seine Kritik am herrschenden System.
Philipp Löpfe: "Es macht Spass, mal an einem Ort zu arbeiten, wo es nicht abwärts geht"

Herr Löpfe, sehen Sie sich eigentlich mehr als Journalist oder als Ökonom?
Sicher als Journalist – ich bin ja gar kein Ökonom. Ich habe ursprünglich Anglistik und Ethnologie studiert und erst später ein MBA an der Universität St. Gallen gemacht.

Wie sind Sie als Geisteswissenschaftler dann Wirtschaftsjournalist geworden?
Ich habe mit 30 die Ringier-Journalistenschule gemacht und bin beim "SonntagsBlick" gelandet, wo ich bald Chefredaktor wurde. Anfangs der 90er-Jahre ging ich zum neu gegründeten "Cash", und seither ist Wirtschaft mein Hauptthema.

Wollen Sie auch wissenschaftliche Sichtweisen und Themen an ein breiteres Publikum vermitteln?
Ich versuche schon, die manchmal sehr esoterische Welt der Ökonomie verständlich zu machen – in der Überzeugung, dass das wichtig ist. Ökonomen haben oft das Problem, dass sie sich nicht so gut ausdrücken können. Es gibt die bekannte Geschichte von Henry Luce, der nach "Time" und "Life" das Wirtschaftsmagazin "Fortune" gegründet hat. Zuerst hat er Ökonomen angestellt, doch kein Mensch konnte lesen, was die geschrieben haben. Da hat er ihnen Literaturstudenten zur Seite gestellt, die ihre Texte geschrieben haben. So hat es funktioniert.

Wie gut gelingt das dem Wirtschaftsjournalismus heute in der Schweiz?
Das ist unterschiedlich, aber ich habe gerade keine Liste im Kopf. Bei "Cash" waren wir sicher die ersten, die versucht haben, verständlich und fundiert über Wirtschaft zu schreiben. Heute machen das zum Beispiel Mark Dittli oder Markus Diem Meier sehr gut. Tendenziell können’s die von der NZZ weniger gut, wenn es um Verständlichkeit geht.

Sie sind über "SonntagsBlick" und "Cash" zum "Tages-Anzeiger" gekommen und haben vor einem halben Jahr bei "Watson" angeheuert. Was hat sich für Sie dabei geändert?
Ich habe beim "Tages-Anzeiger" schon konvergent gearbeitet, hatte aber natürlich eine privilegierte Situation. Ich habe nie einen grossen Unterschied zwischen Online und Print gemacht.

Sie haben den Schritt zu "Watson" also nie bereut.
Nein, überhaupt nicht. Es ist eine gute und entspannte Atmosphäre. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich der Älteste in einem Team. Wenn man mit 60 die Chance hat, nochmals etwas ganz Neues anzufangen, ist man blöd, wenn man das nicht macht. Ich kenne Hansi Voigt und Franz Ermel von "Cash", konnte also abschätzen, auf was ich mich einlasse. Es macht einfach auch Spass, mal an einem Ort zu arbeiten, wo es aufwärts geht und nicht immer abwärts.

Stört Sie das manchmal etwas schrille Umfeld mit optimierten Schlagzeilen, riesigen Bildern und Listicles nicht?
Ich bin beim "SonntagsBlick" gross geworden, von dem her sind meine Berührungsängste nicht übertrieben ausgeprägt. Ich finde es spannend, dass ich ein anderes Publikum habe und nicht für die Leserschaft 50 Plus schreibe wie beim "Tages-Anzeiger".

Die lesen Sie jetzt nicht mehr?
Ich weiss nicht, wie viele Leser ich mitgenommen habe. Aber ich glaube, der typische Stammleser aus meiner Alterklasse sagt: "Weisch, Philipp, Watson – ich finde ja lustig, dass du das machst, aber das ist nichts mehr für mich." Der 27-jährige Sohn meiner Frau hingegen liest meine Texte erst jetzt.

Diskutieren Sie viel mit Ihren Lesern? Ihre Texte polarisieren ja oft.
Ich fange jetzt an. Beim "Tages-Anzeiger" war es so, dass in den Kommentarspalten Schlachten zwischen den immer gleichen Leuten geführt wurden. Bei diesen Trolls habe ich mir keine grosse Mühe gegeben. Jetzt sagt mir unser Social-Media-Verantwortlicher Philipp Meier, ich müsse antworten, und ich versuche es zum Teil. Wenn einer einfach seinen Frust entlädt und mich beschimpft, sehe ich nicht ein, warum ich antworten sollte.

Sie haben auch schon mehrere Bücher geschrieben, zuletzt "Wirtschaft boomt – Gesellschaft kaputt. Eine Abrechnung". Ergeben sich diese jeweils aus Ihren Artikel? Sind sie ein Teil der journalistischen Arbeit?
Das gehört sehr eng zusammen, vieles kommt aus der täglichen Arbeit.

Und es richtet sich an die gleichen Leser wie bei den Artikeln?
Das Buch ist schon anspruchsvoller, man muss auch länger dranbleiben. Ich hoffe aber, dass die Bücher, die ich geschrieben habe, eine hohe Wertigkeit haben, was Verständlichkeit und Sprache angeht.

Sie analysieren nicht nur, sondern geben auch konkrete Vorschläge. Wie sind die Reaktionen darauf?
Das wurde ausdrücklich gewünscht. Bei den letzten Büchern hiess es, "Ihr könnt nur kritisieren, sagt doch mal, was Ihr wollt". Darum haben wir im letzten Kapitel einige Seiten mit denkbaren Vorschlägen gemacht. Aber die Menschen sind sehr erfindungsreich, die Lösungen werden sich irgendwann von selber ergeben.

Viele Ihrer Vorschläge werden ja schon länger diskutiert und sind teilweise Trend-Themen in den Medien.
Es gibt den Spruch: Wenn man meint, die Welt habe unendliche Ressourcen und könne unendlich wachsen, dann muss man ein Idiot sein oder ein Ökonom. Der hat ein Korn Wahrheit. Die Menschheit als Ganzes muss sich etwas einfallen lassen, wie sie die Ressourcen managen will, sonst macht sie den Planeten und sich selber kaputt. Es ist wichtig, sich möglichst früh mit den Alternativen zu beschäftigen. Das Buch vertritt die These, dass die Globalisierung zu weit gegangen ist und regionale und lokale Wirtschaftskreisläufe gestärkt werden müssen. Aber das wird man letztlich nicht friedlich am runden Tisch lösen können, sondern es wird einen gewissen – durch Krisen hervorgerufenen – Leidensdruck brauchen.

Ihre Forderungen nach lokaler Wirtschaft und einer Art von Selbstversorgung klingen teils nach Rückschritt.
Wir verbinden das mit dem technologischen Fortschritt. Wie die Hippies als Bauern ins Calanca-Tal zu gehen, ist keine Option. Mit der Technik kann man heute sehr viel machen. Man muss sehen: Eine Stadt wie Paris hat sich im 19. Jahrhundert mehr oder weniger selber ernährt. Und heute ist Urban Gardening nicht nur ein kurzfristiger Trend, sondern hat tatsächlich Potential.

Wer müsste denn etwas ändern: Der Einzelne, die Unternehmen, die Politik?
Alle. Der Einzelne kann mehr ändern, als er denkt, zum Beispiel über die Ernährung. Jemand, der den absolut idiotischen Fleischkonsum, den wir heute haben, zurückschraubt, macht viel mehr für Nachhaltigkeit und Umwelt als jemand, der vom Porsche Cayenne aufs Velo umsteigt. Der Einzelne hat diese Möglichkeit und kann nicht einfach sagen, dass er eh nichts ausrichtet. Aber natürlich sind wir in einem System eingebunden.

Sie zeigen mit Beispielen aus der Nahrungsmittelindustrie, wie stark verarbeitet und ungesund das Essen heute oft ist. Das wissen viele Leute gar nicht.
Das ist erstaunlich. Auch, dass man überhaupt noch Süssgetränke konsumiert. Es ist doch ganz klar: Zucker ist der neue Tabak und macht süchtig und dick und krank. Es ist den Leuten einfach nicht bewusst, was das letztlich bedeutet. Über das Essen kann man sehr viel Bewusstsein bilden. Ich war immer mit guten Köchinnen verheiratet und habe mich halbwegs vernünftig ernährt, aber bis vor 10 Jahren habe ich mich nicht mit dem Thema befasst.

Im Interview mit "P.S." sagen Sie, dass Sie sich nicht im links-rechts-Schema einordnen. Aber Sie werden schon als Linker wahrgenommen.
Ja, natürlich werde ich als Linker wahrgenommen. Mit dem kann ich gut leben. Die Fragen, wie man die Kreisläufe nachhaltig umstellt, kann man allerdings nicht wirklich in dieses Schema einordnen – es geht darum, andere Lösungen zu finden. Die Entstehung einer neuen Oligarchie ist heute eine reale Möglichkeit und muss auch einem Bürgerlichen zu denken geben. Ich glaube, dass man etwas ändern muss, weil ich überzeugt bin, dass die bestehende Ordnung gegen die Wand fährt.

Wie hat sich Ihre Haltung entwickelt? Viele sind ja nach der letzten Finanzkrise stark nach links gerückt.
Als ich vom "Cash" zum "Tages-Anzeiger" gewechselt bin, wurde ich als neoliberaler Globalisierer beschimpft. Das kommt heute eher selten vor (lacht). Ich glaube, ich habe mich gar nicht so sehr geändert, aber weil sich die Welt nach rechts bewegt hat und ich nicht, bin ich plötzlich viel weiter links.

Sie sprechen auch die immer ungleichere Verteilung von Einkommen und Vermögen an. Die Problematik wird wegen dem Buch "Le Capital au XXIe siècle" von Thomas Piketty momentan intensiv diskutiert.
Piketty ist nicht der erste, der auf diese Vermögenskonzentration hinweist. Er hat es aber sehr detailliert untersucht. Mich erinnert das an die Diskussion um den Klimawandel: Wir sehen, dass unsere Gletscher um die Hälfte geschmolzen sind, dass Grönland mehr oder weniger grün wird – und es gibt immer noch Leute, die behaupten, es sei gar nichts passiert. Bei Piketty versucht man es mit demselben Trick. Aber dass es in den letzten 20 Jahren zu einer massiven Konzentration von Vermögen und Einkommen gekommen ist, das hat sogar meine Katze begriffen, dafür brauche ich keinen Piketty.

Was kann man denn dagegen tun?
Schwer zu sagen. Es ist sicher ein Machtkampf, der letztlich nur politisch ausgefochten werden kann.

Die deutsche Wochenzeitung "Der Freitag" schrieb kürzlich, dass Kapitalismuskritik boome und alle sähen, dass etwas falsch läuft – sich aber doch nichts ändert. Können Sie das nachvollziehen?
Ja und nein. Als ich jung war, in den 60er- und 70er-Jahren, dachte man, wir machen die Revolution und alles wird besser. Diese Hoffnung hat man nicht mehr – wir müssen aber trotzdem nach Alternativen suchen. Und die gibt es, an verschiedensten Orten entstehen kleine Sachen. Ich denke aber, dass es irgendwann mal einen grossen Leidensdruck brauchen wird, damit sich wirklich etwas ändert.

Was können Sie als Journalist und Autor da bewirken?
Ich bin Journalist geworden, weil es ein interessanter Job ist, und nicht primär, um die Welt zu verändern. Aber wenn mir ein Leser sagt, ich hätte ihm viel über Wirtschaft beigebracht und Denkanstösse gegeben, was immer immer vorkommt, dann bin ich auch ein wenig stolz darauf.

Philipp Löpfe/Werner Vontobel: Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt. Eine Abrechnung, Orell Füssli Verlag, Zürich 2014. CHF 26,90.

Interview: Lukas Meyer//Bilder: zVg

 



Kommentar wird gesendet...

Kommentare

Kommentarfunktion wurde geschlossen

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Zum Seitenanfang20220121

Die Branchennews täglich erhalten!

Jetzt Newsletter abonnieren.