22.02.2023

SRF

«Keine Geschichte ist wichtiger als ein Leben»

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine vor einem Jahr berichtet das Schweizer Fernsehen fast täglich über den Krieg. Stefan Reinhart, Leiter Ausland, über Propaganda, frontnahe Berichterstattung und die Kritik von Zuschauenden.
SRF: «Keine Geschichte ist wichtiger als ein Leben»
Stefan Reinhart: «Es ist unsere Pflicht, auch mal zu sagen: Wir wissen es nicht.» (Bild: SRF/Oscar Alessio)

Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit, soll US-Senator Hiram Johnson während des Ersten Weltkrieges gesagt haben. Ist das so?
Wenn man die weltweiten Konflikte auch heute ansieht: Ich habe keine Gegenbeweise. Im Zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner ein «Office of Facts and Figures» ins Leben gerufen und als Chef einen renommierten Journalisten angestellt. Das Office wurde bald aufgelöst – «Facts und Figures» bewährte sich als Strategie nicht – man setzte auf Kriegskommunikation. Auch im Krieg Russlands gegen die Ukraine spielt Propaganda eine grosse Rolle. 

Auch die Ukraine versucht, die Berichterstattung in ihrem Sinn zu beeinflussen, etwa wenn es um die Erfolge der ukrainischen Armee geht. Ist es angesichts dessen noch möglich, objektiv und neutral zu berichten?
Die Berichterstattung muss auf jeden Fall unvoreingenommen und sachgerecht sein. Wenn «neutral» meint, dass wir die russische Position als gleich legitim ansehen wie die ukrainische, dann lautet die Antwort klar: Nein. Wir müssen Opfer und Täter, Aggressor und Verteidiger klar benennen. Es gehört zur Wahrheit, dass der russische Präsident Putin die Ukraine als souveränen Staat angreift. Mit Soldaten, Panzern, Raketen. Dadurch werden Zehntausende Menschen Opfer von Gewalt. Viele sterben jeden Tag, Zivilisten sowie ukrainische und russische Soldaten. Wichtig ist, dass die Zuschauerin, der Zuschauer sieht, wer angreift – und wer sich verteidigt.

Gelingt es Ihnen, diese Realität abzubilden?
Wir setzen alles daran, dieses Ziel zu erreichen. Wir haben ein Faktencheck-Team im Haus, das Bilder und Texte genau untersucht. Woher stammt das Video? Stimmen die Aussagen? Auch auf Social Media gibt es unfassbar viele Fake News. Es ist unsere Pflicht, hier die Wahrheit herauszuschälen und auch mal zu sagen: Wir wissen es nicht. Transparenz ist sehr wichtig. Klar ist auch: Wenn wir Material nicht verifizieren können, verwenden wir es nicht.

«Was nicht gecheckt ist, kommt nicht auf den Sender»

Die Informationsflut zum Geschehen in der Ukraine ist überwältigend. Teilweise sind die Informationen widersprüchlich. Welche Quellen nutzt SRF?
Primär setzen wir auf unsere Korrespondentinnen und Korrespondenten vor Ort. Luzia Tschirky zum Beispiel war in Butscha. Sie hat die Massengräber gesehen, den fürchterlichen Leichengeruch gerochen. Sie kann schildern, was sie sieht und von den Menschen erfährt. Dann stützen wir uns natürlich auf Bildmaterial von anderen öffentlichen Medienhäusern, welche in der Eurovision untereinander Bilder austauschen. Manchmal benutzen wir aber auch Videos, die via Twitter verbreitet werden. Aber natürlich nicht, ohne sie zu prüfen – und wenn immer möglich mit den Urhebern in Kontakt zu sein. Ein Beispiel: Die ersten Bilder des Besuchs von US-Präsident Biden beim ukrainischen Präsidenten Selenskyj sahen wir auf Twitter – es war also klar: Biden ist tatsächlich in Kiew.

Wie stellen Sie sicher, dass die Informationen zuverlässig sind?
Indem wir sie überprüfen – und mit den Urhebern in Kontakt treten. Dabei sind wir kritisch auf allen Seiten. Auch Informationen von ukrainischen Regierungsstellen können natürlich falsch sein. Hier spielt die Einordnung unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten eine grosse Rolle. Klar ist: Was nicht gecheckt ist, kommt nicht auf den Sender oder auf die SRF News App.

SRF schickt keine Journalistinnen und Journalisten an die Kriegsfront. Warum halten Sie es nicht für wichtig, dass sie dort sind?
Unsere Leute sind sehr nahe an der Front – Radio-Kollege David Nauer war kürzlich in Kramatorsk. Die ostukrainische Stadt ist frontnah und wird regelmässig beschossen. Das sind heikle Einsätze nur für absolute Profis, die Erfahrung in Kriegsgebieten haben, natürlich ukrainisch sprechen und vor Ort gut vernetzt sind. Direkt an die Front, in den Kugelhagel, schicken wir niemanden, weil es schlicht zu gefährlich ist. Als Arbeitgeber haben wir selbstverständlich eine Fürsorgepflicht. Hier gilt der alte Grundsatz: Keine Geschichte ist wichtiger als ein Leben. Und letztlich ist der Erkenntnisgewinn an der Front auch nicht immer der grösste. Viel wichtiger sind Gespräche, Einschätzungen der Gesamtlage.

«Wir zeigen keine sterbenden Menschen»

Der Krieg in der Ukraine kann Journalistinnen und Journalisten psychisch belasten, sowohl jene, die direkt aus der Ukraine berichten, als auch solche, die sich in der Schweiz mit dem Thema viel beschäftigen. Welche Unterstützung bekommen sie bei SRF?
Bei SRF sind wir da sehr gut aufgestellt. Wer sich täglich mit Bildern aus dem Krieg beschäftigt, Tote, verstümmelte und leidende Menschen sieht, der braucht einen hohen Resilienzgrad. Über Agenturen kommen teilweise wirklich grauenhafte Bilder, die wir am Sender oder online natürlich niemals zeigen. Wenn jemand mit der Belastung nicht mehr klarkommt, kann er sich bei diversen Stellen im Haus melden und erhält psychologische Hilfe. Natürlich machen wir alles, dass es nicht so weit kommt, dass die Kolleginnen und Kollegen genügend Pausen und freie Tage haben, um Luft zu holen, abschalten zu können.

Sie sprechen es an: Die vielen Bilder von toten Zivilistinnen oder Soldaten, die im Internet kursieren. Wie entscheiden Sie, welche Bilder Sie zeigen und welche nicht?
Der Umgang mit solchen Bildern ist in den publizistischen Leitlinien von SRF geregelt. Bei verstörenden Aufnahmen wie Verstümmelungen oder vor Schmerz schreienden Menschen üben wir grosse Zurückhaltung. Wir zeigen keine sterbenden Menschen und von Toten kein erkennbares Gesicht. Diese Grundsätze gelten sowohl bei der Berichterstattung über Kriege als auch bei anderen Katastrophen wie dem fürchterlichen Erdbeben in der Türkei und Syrien.

Welche Reaktionen löst Ihre Berichterstattung zum Ukraine-Krieg bei den Zuschauerinnen und Zuschauern aus?
Das Interesse ist sehr gross. Bei Kriegsbeginn haben wir mehrere Sondersendungen gemacht, die auf sehr grosse Resonanz gestossen sind. Auch online und in der SRF News App werden die Artikel und Newsticker zum Kriegsgeschehen sehr intensiv gelesen. Das Interesse ist das eine. Aber ich weiss auch aus Zuschriften, dass die Bilder und der Krieg überhaupt die Menschen auch sehr bedrücken.

«Wir haben sehr wenige Beschwerden»

Macht sich eine Kriegsmüdigkeit unter den SRF-Zuschauenden bemerkbar? Manche Unterstützerinnen und Unterstützer der Ukraine beklagen, dass das Interesse an dem Krieg seitens der Politik, Medien und Bevölkerung schwindet.
Ich sehe nicht in die Seelen unserer Zuschauenden. Wichtig ist, dass wir unseren Job machen und berichten. Für die einen kann es zu viel sein, für die anderen zu wenig. Die Zuschauerzahlen aber zeigen, dass das Interesse nach wie vor sehr gross ist.

Was bemängeln Zuschauerinnen und Zuschauer in Bezug auf Ihre Berichterstattung über den Ukraine-Krieg?
Wir haben sehr wenige Beschwerden oder gar Ombudsfälle – sehr oft kritisieren Zuschauerinnen und Zuschauer, dass wir entweder die ukrainische oder die russische Seite zu wenig verstehen, zu wenig abbilden. Diese Diskussion ist sehr wichtig. Aber es wird eben auch klar, dass wir sehr präzise arbeiten. Die Redaktionen können sehr detailliert und klar darlegen, warum unsere Berichterstattung nicht tendenziös oder gar falsch war. Und wenn wir einen Fehler machen, stehen wir selbstverständlich dazu und korrigieren uns.

Wie hat sich die Berichterstattung bei SRF seit Kriegsbeginn verändert?
Ich finde, sie hat sich nicht verändert. Wir waren uns von Anfang an darüber im Klaren, dass dieser Krieg Europa und die Welt verändern wird. Dass er auch Auswirkungen auf unser tägliches Leben, auf Innen- und Aussenpolitik der Schweiz hat. Darüber berichten wir, das ist unser Job.

Welches Fazit ziehen Sie nach einem Jahr Ukraine-Krieg für die künftige Berichterstattung?
Der Krieg zeigt einmal mehr, wie wichtig unabhängige Berichterstattung ist. Wir haben zu Beginn dieses Interviews über Propaganda gesprochen – es ist unsere Arbeit, unsere Pflicht, sachgerecht und unabhängig zu berichten. Das ist uns, dem ganzen Team im Newsroom und auf den Korrespondenten-Stellen, meiner Meinung nach sehr gut gelungen.


Am 23. Februar wird auf SRF 1 eine Sondersendung zum Krieg in der Ukraine ausgestrahlt. Stefan Reinhart hat die Sendung produziert.

 


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