14.12.2014

NZZ

Spekulation um Chefposten

Markus Somm für Markus Spillmann als Chefredaktor der "Neuen Zürcher Zeitung": Sollte dieses Szenario, wie es die Sonntagszeitungen beschreiben, eintreffen, dürfe das zu einem Aufstand führen. An der Falkenstrasse liegen die Nerven blank, man sei "schockiert". Führende Redaktoren haben mit ihrer Kündigung gedroht, darunter Inland-Chef René Zeller.
NZZ: Spekulation um Chefposten

Der NZZ-Verwaltungsrat habe sich für "Basler Zeitung"-Chefredaktor Markus Somm als Nachfolger des geschassten NZZ-Chefs Markus Spillmann ausgesprochen. Mehrere Quellen bestätigen dies gegenüber der Zeitung "Schweiz am Sonntag". Doch offiziell hat NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod weder die Redaktion noch die Öffentlichkeit darüber informiert.

Ausserdem wird durch die Medienberichterstattung übers Wochenende im Detail klar, wie die Entmachtung von Markus Spillmann abgelaufen sein könnte. Wie der "Tages-Anzeiger" und die "Schweiz am Sonntag" schreiben, hätte Spillmann in der von NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod gewälzten Neustrukturierung der publizistischen Leitung im Geschäftsbereich NZZ einen empfindlichen Machtverlust hinnehmen müssen. Als gesichert gelte neben der Entmachtung als Chefredaktor die Entfernung aus der Unternehmensleitung. Unsicher sei, ob Spillmann den Posten als Leiter Publizistik hätte behalten können.

Markus Spillmann hatte nicht genügend Rückhalt
Am vergangenen Sonntagabend informierte Jornod den völlig überrumpelten Markus Spillmann telefonisch über seine bevorstehende Absetzung als Chefredaktor. Spätestens am Montag, als der NZZ-Verwaltungsrat zu seiner zweitägigen Sitzung zusammentraf, erfuhr Spillmann auch, dass Somm sein Nachfolger werden soll. Laut "Schweiz am Sonntag" wagte Spillmann den Machtkampf und drohte mit seiner Kündigung, sollte Somm zum Chefredaktor gewählt werden. Doch Spillmann habe seinen Rückhalt überschätzt. Einstimmig habe sich der NZZ-Verwaltungsrat hinter die Umbaupläne ihres Präsidenten gestellt. Eine Mehrheit habe sich auch für Somm statt Spillmann als Chefredaktor entschieden.

Jornod lobbyierte für Somm
Damit sei Jornods Plan aufgegangen. Laut Recherchen der "Sonntagszeitung" war es der NZZ-Präsident höchstpersönlich, der im Verwaltungsrat für die Kandidatur Somm weibelte. Die letzten Wochen und Monate hat das Führungsgremium heftig über die Personalie gestritten – am Ende konnte Jornod die Mehrheit davon überzeugen, dass die Zeitung eine strammere politische Line brauche und Somm geeignet dafür wäre.

Mittels Kommunikationstaktik Protest vermeiden
An der Mitarbeiterinformation am vergangenen Dienstag habe Jornod der versammelten Redaktion verschwiegen, dass der Verwaltungsrat zu diesem Zeitpunkt Somm bereits durchgewinkt gehabt hatte. Stattdessen sagte er, die Suche nach einem Nachfolger sei erst angelaufen. Um die Gerüchte zu Somm zu zerstreuen, wurde – laut "Schweiz am Sonntag" - eine Namensliste mit möglichen Spillmann-Nachfolgern in Umlauf gebracht. Trotzdem hielten sich die Somm-Gerüchte hartnäckig. Somm als NZZ-Chefredaktor dürfte bei Aktionären und Lesern zu einem Proteststurm führen.

René Zeller droht mit der Kündigung
Mehrere Kadermitarbeiter drohen offen mit dem Austritt. So haben präventiv vergangene Woche mehrere NZZ-Kader, darunter Inlandchef René Zeller, mit der Kündigung gedroht, sollte ihnen Somm vor die Nase gesetzt werden. Die Redaktion pocht auf die Redaktionsstatuten, die besagen, dass sie bei einem Chefredaktorenwechsel angehört werden muss.

Am Dienstag ist eine Sitzung des Verwaltungsrats mit den Ressortleitern angesetzt, wie die "Schweiz am Sonntag" schreibt. Thema soll Somm sein. Bis dahin wird weiter Unmut herrschen. Denn, wie die SRF1-Radiosendung "Echo der Zeit" am Sonntagabend berichtet, liegen die Nerven an der Falkenstrasse blank. "Wir stehen unter Schock", schildert Personalkommissionspräsidentin Brigitte Hürlimann die Stimmung auf den Redaktionen. Die Führungsriege wird wegen mangelnder Kommunikation kritisiert, so fordert etwa Felix E. Müller baldige Klarheit. "Es sollte rasch Sicherheit geschaffen werden, wie es personell, also publizistisch, weiter gehen soll", sagte er im "Echo".

Krise des Bürgertums
Vorerst wird aber die Gerüchteküche weiterbrodeln. Unklar bleibt z.B., weshalb am letzten Dienstag Jornod Markus Somm nicht gleich als Nachfolger vorgestellt hatte. Wozu diese Taktik? Wie das grosse Medienecho zeigt, führt die Frage nach der Besetzung der NZZ-Chefredaktion zudem zu einer Grundsatzdebatte über die Zukunft des liberalen Bürgertums und die Positionierung der FDP.

Dabei sei die NZZ mitschuldig an den derzeitigen Problemen: "Der Vormarsch der neoliberalen Globalisierung ist gleichzeitig der Rückzug des liberalen Bürgersinns", ist in einem Kommentar auf Watson.ch zu lesen. "Die Wirren um die NZZ zeigen, dass mittlerweile selbst innerhalb des Bürgertums der Gemeinschaftssinn verloren gegangen ist. Wenn es ums Bezahlen geht, lässt man gerne den anderen den Vortritt." Christoph Blocher sei bereit, auch wenn er wisse, dass er Geld verlieren wird. "Im Gegensatz zum liberalen Bürgertum hingegen hat er eines begriffen: Ideen sind Macht", so Watson.ch.

Blocher dementiert Engagement
Im Zusammenhang mit den Gerüchten zur Personalie Somm wurde in den letzten Tagen zudem ein NZZ-Engagement von Christoph Blocher, Mitbesitzer der "Basler Zeitung",  kolportiert. Blocher stellte dies jedoch in Abrede. Auf Teleblocher und in einem Interview mit der "SonntagsZeitung" sagte der Alt-Bundesrat, er habe kein Interesse an der NZZ (persoenlich.com berichtete).

Eine Link-Übersicht der Berichterstattung zum Thema ist auf medienspiegel.ch zu finden. (SchwaS/SoZ/eh)

Bild: Keystone

 



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