22.01.2016

Tamedia

«SVP-Wähler sollen auch informiert sein, wenn sie den Tagi lesen»

Arthur Rutishauser verantwortet seit Anfang Jahr den «Tages-Anzeiger», das «Magazin» und die «SonntagsZeitung». Welchem Titel fühlt sich der «Super-Chefredaktor» am nächsten? Und wird der Tagi weiter nach rechts rutschen, auf die gleiche politische Linie wie die «SonntagsZeitung»? persoenlich.com hat den Chef von 220 Mitarbeitern im Büro getroffen. Ein Gespräch über seine Pläne für 2016, den Sparauftrag und die Bedeutung der Frauenförderung.
Tamedia: «SVP-Wähler sollen auch informiert sein, wenn sie den Tagi lesen»
von Edith Hollenstein

Herr Rutishauser, als Chef von «SonntagsZeitung», «Tages-Anzeiger» und «Magazin»: Welche der drei Redaktionen haben Sie sich für Ihr Büro ausgesucht?
Momentan bin ich noch in meinem «alten Büro» bei der SonntagsZeitung im ersten Stock. Doch Mitte Februar werde ich in den dritten Stock zügeln, in den Newsroom des «Tages Anzeigers» im neuen Tamedia-Gebäude.

Die Nähe zum «Tages Anzeiger» scheint Ihnen wichtig: Auch Ihren ersten Kommentar als sozusagen «Super-Chefredaktor» veröffentlichten Sie im Tagi. Bringt dieser Titel am meisten Wirkung?
Bezüglich Wirkung sind alle drei in etwa gleich. Ich entscheide je nach Thema und Opportunitäten, Sie werden aber jede Woche von mir lesen. Das Editorial der «SonntagsZeitung» wird weiterhin ab und zu von mir verfasst sein, jedoch werden dort auch die Redaktionsleiter zu Wort kommen, denn ich habe leider gar nicht die Zeit, es jede Woche selber zu schreiben.

 

Von aussen gesehen wird der Tagi links-liberal wahrgenommen, das «Magazin» weiter links als der Tagi und die «SonntagsZeitung» eher mitte-rechts. Werden die drei Titel weiterhin unterschiedlich positioniert sein?
Wir wollen diesbezüglich sehr offen sein, das ist bereits seit der Gründung 1893 die Devise des Tages-Anzeigers. Man darf sich den gesellschaftlichen Realitäten nicht verschliessen und es ist nun mal so, dass in der Schweiz ein Drittel der Leute SVP wählen und auch diese gehören zu unseren Lesern. Die SVP-Wähler sollen auch informiert werden, wenn sie den Tagi abonniert haben. Unsere Berichterstattung soll das gesamte Spektrum abdecken, von links bis rechts.

 

Doch eine Zeitung brauche eine Haltung, nur so können die Leser die Berichterstattung einigermassen einschätzen; diese Meinung galt bislang – zumindest beim Tagi.
Da bin ich anderer Meinung. Wir wollen recherchieren und aufdecken, was Sache ist. Wenn wir zu stark Position beziehen, wird jeder Bericht durch eine bestimmte Brille wahrgenommen. Das finde ich nicht so gut.

 

Was bedeutet das: Wird die Tagi-Redaktion weiterhin demokratisch ihre Position bestimmen können?
Ja, gerade kürzlich traf sich die Tagi-Redaktionskonferenz um ihre Position bei der Durchsetzungsinitiative festzulegen.

 

Wie stark nahmen Sie Einfluss?
Ich selber konnte bei dieser Sitzung nicht dabei sein, daher nahm jemand anders aus der Chefredaktion teil. Dass der Tagi gegen die Durchsetzungsinitiative ist, ist ja irgendwie klar. Bei anderen Themen, bei denen die Position der Redaktion nicht so voraussehbar ist, wird die Position einer Zeitung aber oftmals überschätzt. Denn die Leute wollen einfach informiert werden über das was ist und sie stimmen dann ab, wie sie wollen und richten sich nicht nach der Position der Tagi-Redaktion.

 

Heisst das nun: Sie werden diesen Usus abschaffen?
Nein, das wird beim Tagi so bleiben. Anders bei der «SonntagsZeitung»: Dort wurden noch nie Abstimmungs- oder Wahlparolen gefasst. Und wir werden das auch nicht einführen, das passt nicht zur «SonntagsZeitung».

 

In Ihrem Kommentar zum Amtsantritt schreiben Sie von der vierten Gewalt, die Ihre Journalisten vermehrt ausüben sollen. Wo soll besonders genau hingeschaut werden?
Beim Bundesrat, Stadtrat, Kantonen, Parteien oder bei Unternehmen und auch bei der Kultur! Wir müssen überall genauer hinschauen. Durch den Strukturwandel und den Spardruck in der Medienbranche gibt es insgesamt weniger Journalisten, die Hintergrundrecherche betreiben können, sowohl im Wirtschaftsjournalismus als auch in Politik. Anders ist es bei den öffentlich-rechtlichen Medien: Diese hätten aufgrund der finanziellen und personellen Rahmenbedingungen einen enormen Wettbewerbsvorteil, den sie aber nicht nutzen, weil sie zu staatsnah sind, um tatsächlich frei kritisch berichten zu können. Diese Rolle müssen wir als private Medien übernehmen.

 

Investigativjournalismus ist teuer. Haben Sie tatsächlich genügend Geld zur Verfügung? Tamedia spart doch auch hier.
Sparen müssen wir alle. Ich glaube, hier geht es nicht unbedingt um finanzielle Barrieren, sondern um den richtigen Mindset. Für Investigativrecherchen braucht man nicht mehr Geld. Der Journalisten-Alltag ist viel effizienter geworden in den letzten Jahren. Ich musste früher ins Archiv steigen und tagelang Dokumente durchsuchen, während heute zwei, drei Klicks in der Schweizer Mediendatenbank SMD zum gleichen Resultat führen.

 

Haben Sie wiederum einen Sparauftrag gefasst, wie damals, als Sie die Chefredaktion der «Sonntagszeitung» übernahmen?
Sparen müssen wir weiterhin, jedoch nicht in diesem Ausmass wie bei der «SonntagsZeitung». Ein Sparprogramm durchzuziehen ist nicht besonders lustig, weder für mich noch für die Mitarbeitenden, auch wenn es wirtschaftlich notwendig ist. Aber schliesslich muss man sagen: Wir schafften es, zwanzig Prozent der Kosten einzusparen und mussten dazu nicht eine einzige Kündigung aussprechen. Mir war es sehr wichtig, das auf diese Art und Weise umzusetzen.

 

Ihre Strategie war es: Druck und keine besonders angenehme Atmosphäre aufbauen und darauf hoffen, dass so möglichst viele gehen, auf die Gefahr hin, dass auch wichtige, dossierkompetente Leute den Bettel hinschmissen.
Nein, ein ungemütliches Klima wollte ich nicht aufbauen. Aber klar, ich habe Leistung verlangt. In der Vergangenheit war vielleicht zu wenig erwartet worden, zudem wurde meiner Ansicht nach zu wenig Wert auf die Qualität der Texte gelegt. Ich setzte hier die Latte höher und das führt wohl dazu, dass sich einige entschieden, besser zu gehen.

 

Folgt nun ähnliches beim Tagi und beim «Magazin»?
Es geht beim Sparen nicht um einen grossen Abbau sondern um einige Prozente am Gesamtbudget der drei Titel.

 

Bei der SoZ waren es rund 20 Prozent, dann dürften es jetzt rund 10 Prozent sein.
Nein, weniger. Aber interne Budgetzahlen tun nichts zur Sache.

 

Aber wie genau werden Sie sparen?
Wir wollen weniger Leute in der Leitung haben, um die Mittel in die Schreibe zu investieren. Die tägliche Produktion muss mit weniger Führungspersonal vor sich gehen. Daneben ist Sparen für mich primär eine Frage von Verlagerung der Mittel: Wir müssen ins Digitale investieren, auch wenn man die Entwicklung noch nicht ganz genau abschätzen kann. Hier sehe ich eine Chance im Repackaging, also im neu Verpacken von bereits veröffentlichten Texten. Ein Beispiel wäre die kürzlich lancierte Zwölf-App. Und wenn wir im Digitalen in visuell ansprechendes Storytelling investieren und es schaffen, dieselben Grafiken auch im Print verwenden zu können, können wir aufwändige Doppelspurigkeiten abschaffen.

 

Wo sonst wollen Sie 2016 Schwerpunkte setzen?
Wir müssen nicht nur unsere Printprodukte verbessern, sondern vor allem auch die digitalen Angebote. Wir wollen zum Beispiel mehr Video-Content einsetzen und dafür neue Leute anstellen. Zudem bauen wir ein Datenjournalismus-Team auf, welches aufzeigen wird, dass wir weiter gehen können als andere – gerade auch aufgrund unseres Newsnet-Verbundes. Unser Datenjournalist Barnaby Skinner wird im Sommer eine längere Ausbildung in den USA machen, so dass er anschliessend dieses Daten-Team leiten und vorwärts bringen kann. Zudem wollen wir bei der Informationsaufbereitung zulegen: Dafür haben wir ins Infografikteam investiert, welches neu von Marina Bräm geleitet wird.

 

Sie selber waren ja ebenfalls in den USA. Was haben Sie an der Columbia University gelernt?
Datenjournalismus war ein wichtiges Thema, daher will ich stark investieren in diesen Bereich. Auch Machine-Learning und Programmieren waren Bestandteil der Ausbildung. Und nicht zuletzt war der Austausch mit Kollegen aus anderen Redaktionen in einem ganz anderen Kontext eine Bereicherung.

 

Laut Stimmen von Journalisten, die früher bei der SoZ gearbeitetet haben, gelten Sie als eher chaotisch und impulsiv: Sie hätten sie zu wenig über Prozesse informiert und die Leute im luftleeren Raum gelassen, wurde Ihnen vorgeworfen. Welche Strategie haben Sie, jetzt wo Sie rund 220 Mitarbeitende führen?
Beim «Tages-Anzeiger» gibt es die Tradition der Redaktionsversammlung. Gerade vor ein paar Tagen hat die letzte stattgefunden. Ich erwarte, dass die Mitarbeitenden dort ihre Fragen stellen – und diese Fragen werden zum Glück auch gestellt. Wer jedoch Fragen hat, diese aber nicht stellt, kann mir anschliessend nicht Kommunikationsverweigerung vorwerfen. Ein Journalist muss auch intern fragen können, was ihn interessiert und wenn nötig Kritik anbringen können.

 

Allenfalls waren früher Redaktoren mutiger, weil sie nicht fürchten mussten bei kritischen Kommentaren ihren Job zu verlieren.
Bei mir verliert niemand wegen einem kritischen Kommentar den Job. Als Journalist braucht man Rückgrat. Und wenn einer nicht einmal wagt, den eigenen Chef zu fragen, was Sache ist: Wie will er dann einen Politiker oder Top-Manager kritisch befragen?

 

Und wie geschieht der Austausch beim «Magazin» und bei der «SonntagsZeitung»?
Beim «Magazin» gibt es keine Tradition von Redaktionskonferenzen und ich habe noch nicht entschieden, wie ich dort in Sachen Kommunikation vorgehen möchte. Bei der «SonntagsZeitung» werde ich wie bisher an den wöchentlichen Redaktionssitzungen teilnehmen.

 

Was passiert nun eigentlich mit der Stauffacher-Deklaration: Kann das Ziel, 30 Prozent Frauen bis Mitte 2016, erreicht werden?
Nein, dieses Ziel werden wir nicht erreichen. Es ist zu hoch. Doch klar: Es bleibt ein Ziel, den Frauenanteil in der Redaktion und in Führungsfunktionen zu steigern.

 

Wie ernst ist Ihnen Frauenförderung?
Das ist mir ein wichtiges Anliegen. Wenn mehr Frauen in der Redaktion arbeiten, bringt dies einen ganz anderen Blick auf Themen oder die Gewichtung. Und es ist ja nicht so, dass die sogenannte Stauffacher-Deklaration nichts bewirkt hätte: In verschiedenen Funktionen gibt es nun Frauen, wo es vorher keine gab: etwa in der Chefredaktion oder in der Tagesleitung. Es gilt also weiterhin: Bei gleichwertigen Bewerbungen werden Frauen bevorzugt. Und ich werde die Ressortleiter dazu anhalten, sich dann auch tatsächlich für eine Frau zu entscheiden. Daneben ist es schlicht und einfach eine Tatsache, dass die Arbeit bei einer Tageszeitung aufgrund der Arbeitszeiten nicht sehr familienfreundlich ist, vor allem wenn die Kinder schulpflichtig sind. Das ist eine Herausforderung, die wir überwinden wollen.

 

Wie?
Durch flexiblere Arbeitspläne, Teilpensen bis zu einem gewissen Grad oder die Möglichkeit eine Recherche oder Geschichte anderen übergeben zu können. Zudem ist es ja so, dass die Situation mit den Krippen wenigstens etwas besser geworden ist in den letzten Jahren. Damals, als ich und meine Frau kleine Kinder hatten, mussten wir sie jeweils um 17 Uhr in der Krippe abholen. Das war oft ein ziemlicher Balanceakt, besonders wenn sie dann krank waren.



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