24.12.2024

Das war 2024

«Une année plus difficile»

Das Medienjahr 2024 war von Stellenabbau, Schliessungen und der Debatte um Staatsgelder geprägt. Dennoch zeigt sich die Schweizer Medienlandschaft erstaunlich vital. Eine Jahresbilanz des persönlich-Verlegers Matthias Ackeret über die Kluft zwischen Medienschaffenden und Publikum, die Qualitätsdebatte und die Frage, ob es überhaupt ein Recht auf Medien gibt.
Das war 2024: «Une année plus difficile»
«Was nützt der Demokratie ein Medienprodukt, wenn dieses nicht mehr konsumiert wird? Wenn es an seinen Leserinnen und Lesern vorbeischreibt?», so Matthias Ackeret, Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com. (Bild: Keystone/Gaëtan Bally)

Es hat sich eingebürgert, dass ich am Ende des Jahres eine kurze Bestandsaufnahme zum Zustand der Branche mache oder zumindest wage. Da sich Traditionen durch Zuverlässigkeit definieren, möchte ich Sie auch dieses Jahr mit ein paar Gedanken zu unserer Medien- und Kommunikationswelt behelligen. «Une année difficile», lautete der Titel meines letztjährigen Kommentars, angelehnt an eine französische Boulevardkomödie. Eine treffende Umschreibung, eine Kürzestformel, die alles über die aktuelle Beschaffenheit der ganzen Kommunikationsindustrie aussagt, obwohl «une année plus difficile» für 2024 eigentlich noch der bessere Titel wäre.

Das ablaufende Jahr offenbarte ein Gefühl wie in einem Bergsturzgebiet, bei dem man nicht weiss, wann und wo sich die nächsten Steine lösen. Ein paar Stichworte: Schliessung der Today-Portale, des Züritipp, der SRG-UKW-Sender und einiger Druckereien, was sich vor allem in einem massiven Stellenabbau ausdrückte. Journalist ist längst keine berufliche Lebensversicherung mehr.

Trotzdem möchte ich auf die übliche Branchenweinerlichkeit über Werberückgang und Techgiganten verzichten, nicht zuletzt, da dadurch der falsche Eindruck entstehen könnte, die Zukunft der Verlags- und Medienhäuser sei nur noch an staatliche Hilfen und Subventionen gekoppelt. Was doch ein bisschen sonderbar ist, brüstete sich die Branche früher immer ihrer Funktion als vierte Gewalt und der damit verbundenen Staatsunabhängigkeit. Man mokierte sich lustvoll über die Landwirtschaft und die Rätoromanen, heute mokiert man immer noch die Landwirtschaft und die Rätoromanen, realisiert aber nicht, dass das Hauptbestreben der Branche vielerorts bereits die Subventionitis ist. Wobei – und dies muss auch angefügt werden – die Bauern und Rätoromanen in ihrem Tun weit erfolgreicher sind, um an die staatlichen Geldtöpfe zu kommen. Doch bereits das Bewusstsein, dass in Bundesbern noch Geldtöpfe existieren könnten, prägt spätestens seit den Coronajahren das medienpolitische Sein, um frei Karl Marx zu zitieren. Es existiert oftmals der trügerische Eindruck, dass Medien ohne staatliche Unterstützung künftig gar nicht mehr denkbar seien. Sollte sich dieses Bild durchgesetzt haben, wäre es verheerend.

Roger de Weck, Ex-SRG-Generaldirektor, journalistische Legende und langjähriger «persönlich»-Kolumnist, fordert in seinem Bestseller «Das Prinzip Trotzdem» (Suhrkamp), dass «kritischer» und «unabhängiger» Journalismus künftig durch den Staat finanziert werden müsste. Dabei stellt sich bereits die respektvolle Frage an Roger, wie man «kritisch» und «unabhängig» zu definieren habe und ob es – denkt man die Forderung zu Ende – nicht auch eine «Staatsabhängigkeit» geben könnte. Dass ausgerechnet Journalistinnen und Journalisten, die permanent der Welt erklären, wie sie zu funktionieren habe, am Ende am staatlichen Gängelband sind, ist zumindest gewöhnungsbedürftig.

Büne Huber, gefeierter Berner Popstar (Patent Ochsner) und singender Verfechter von Toleranz, weigerte sich vor wenigen Jahren, mit mir auf einem gemeinsamen Bild zu posieren. Der Grund, ich gehöre wegen meiner Christoph-Blocher-Bekanntschaft dem «System» an. Was dieses sei, konnte er nicht näher definieren. Aber gehört ein staatlich finanzierter Journalist am Ende nicht auch einem «System» an? Könnte dieser überhaupt noch seine «Unabhängigkeit» wahren, wenn er beispielsweise über den Rahmenvertrag oder die staatliche Medienpolitik berichtet?

Staatliche Unterstützung – und diese wird es künftig verstärkt geben – sollte zumindest von objektiven Kriterien wie Auflage oder Kadenz ihres Erscheinens abhängen und nicht von vermeintlicher Qualität. Das Wort «Qualitätsjournalismus» gehört zweifelsohne zu den Topwörtern des ablaufenden Jahres. Doch bereits das Label Qualitätsjournalismus impliziert, dass dies eben alle anderen nicht machen. Aber gibt es ein Medienhaus, das freiwillig zugibt, keinen Qualitätsjournalismus zu machen? Es erinnert ein bisschen an jenen Touristen, der sich an der Costa Brava über die anderen Touristen ärgert und schreit: «Hätte es nur weniger Touristen».

Doch bei all dem Lamentieren über mögliche Staatshilfen sollte auch wieder einmal betont werden, dass die Schweiz immer noch über eine lebendige und vitale Medienlandschaft verfügt. Ein Experte prophezeite 2002 beim Medienkongress des Verlegerverbandes in einem St. Moritzer Fünfsternehotel, dass es 20 Jahre später, also heute, keine gedruckten Zeitungen mehr gäbe. Anschliessend ging man zum Champagnerbuffet. Heute wird am SwissMediaForum weitaus weniger Champagner getrunken, aber die Mehrzahl der gedruckten Zeitungen, deren Tod vorausgesagt wurde, existiert immer noch. Zwar weniger dick und umfangreich, aber zumindest sind sie noch vorhanden.

Schlussendlich – und das müssen wir uns als Branche auch eingestehen – gibt es kein Menschenrecht für Medien, keine gesetzlich definierte Bestandgarantie. Was nützt der Demokratie ein Medienprodukt, wenn dieses nicht mehr konsumiert wird? Wenn es an seinen Leserinnen und Lesern vorbeischreibt? Eine kürzlich erhobene Umfrage der ZHAW besagt, dass 75,7 Prozent der befragten Journalisten und Journalistinnen betonten, «ganz links oder eher links» zu sein. Gleichzeitig würden gemäss einem kürzlich erhobenen Wahlbarometer heute fast 30 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer SVP und 14,3 Prozent FDP wählen, also fast die Hälfte der Bevölkerung. Diese Zahlen offenbaren – was es bereits schon früher gab – eine Kluft zwischen den Schreibenden und den Beschriebenen und ist bereits Beweis genug, dass es die vielgerühmte Objektivität gar nicht geben kann.

Zurückblickend prägten zwei Grossereignisse mein Jahr. Zum einen der 60. Geburtstag von «persönlich» im Zürcher Kaufleuten. Ein fulminantes Fest – und ein Zeichen, dass die Branche allen Unkenrufen zufolge immer noch existiert. Unsere Jubiläumsausgabe mit dem «persönlich»-lesenden Medienminister Albert Rösti war jenes Heft in unserer Verlagsgeschichte, das über die meisten Inserate – in diesem Fall Gratulationsinserate – verfügte. Nochmals herzlichen Dank dafür – oder um es mit den Worten eines Alt-Medienministers zu sagen: «Freude herrscht!»

Das zweite Toperlebnis war die Wiederwahl von Donald Trump Anfang November, die ich zusammen mit meinen Kollegen Manfred Klemann, Oliver Prange und PBW Klemann vor Ort im Convention Center in West Palm Beach – Trumps neuer Heimat – mitverfolgte. Während die ganze Welt mit hohem Erregungsgrad Trumps Rede verfolgte, sassen ein paar müde Personen in der hoteleigenen Bar wenige Meter daneben und starrten auf die beiden TV-Apparate über der Bartheke, auf denen weder der frischgekürte Präsident, der einige Meter daneben seine Siegesrede hielt, sondern ein Rugby- und ein Eishockeyspiel zu sehen waren. Was zeigt, manchmal kann man sogar im Auge des Polit-Taifuns sein, ohne davon etwas medial mitzubekommen.

Der persönlich-Verlag mit dem ganzen Team wünscht Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten. Sollte es neblig und verhangen sein, ein Trost bleibt: Ein Stern leuchtet immer – der Genderstern. Und sollte es Sie nach diesen aufreibenden Monaten nach Ruhe und Stille dürsten, schalten Sie in der Silvesternacht das Schweizer Radio ein. Auf UKW.

In der Serie «Das war 2024» greifen wir die grossen Themen des Jahres in kompakter Form nochmals auf. Hier finden Sie die Übersicht


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KOMMENTARE

Victor Brunner
24.12.2024 07:43 Uhr
Bühne spricht nicht mit Ackeret, Brasserie Lorraine lässt weisse Musiker mit Rasta Locken nicht spielen, Bern hat ein Problem mit Toleranz! Wenn 75% der JournalistenInnen eher links "ticken" und entsprechend schreiben ist das ein Problem der Glaubwürdigkeit. Besonders beim Staatssender SRG SRF. Warum soll die Mehrheit der LeserInnen für diese Einseitigkeit noch bezahlen? SRG SRF ist da auf der sicheren Seite, dank Zwangsgebühren, abgekoppelt vom Markt, müssen alle bezahlen, auch die die sich vom Sender nicht vertreten fühlen, die Mehrheit!
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