TV-Kritik

«Aktenzeichen XY...ungelöst» und die Schweiz

Es wurde noch schwarzweiss gesendet: «Aktenzeichen XY...ungelöst» war der Vorläufer des Reality-TV. Im Oktober 1967 wurden im Fernsehen erstmals reale Kriminalfälle dargestellt. Mörder, Bankräuber, Einbrecher und Grossbetrüger gejagt. «Den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung einsetzen, das ist das Ziel unserer Sendereihe». So begrüsste Eduard Zimmermann bei der Premiere vor 50 Jahren die Zuschauer. «Ganoven-Ede», wie der Moderator und TV-Produzent oft bezeichnet wurde, lebte viele Jahre in der Schweiz. Doch der Reihe nach.

Eduard Zimmermann (1929-2009) war einst selbst ein Knasti. Als junger Mann schlug er sich als Dieb und Schwarzmarkthändler durch – und landete im Gefängnis. Danach haute er nach Schweden ab: Mit gefälschtem Ausweis und nachgemachtem Diplom fand er dort Arbeit als Strassenbauingenieur. Zimmermanns Traumberuf war Journalist. Für eine Reportage für eine schwedische Zeitung kehrte er 1949 nach Deutschland zurück, in die sowjetische Besetzungszone. Dort wurde er verhaftet, wegen Spionage angeklagt und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Über vier Jahre sass er in der JVA Bautzen ab.

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1954 kam er im Rahmen einer Amnestie frühzeitig frei. Danach arbeitete Eduard Zimmermann als Journalist für nordeutsche Zeitungen, später für den NDR – und landete schliesslich beim ZDF. 1964 startete er beim Mainzer Sender seine Reihe «Vorsicht Falle – Nepper, Schlepper, Bauernfänger». Bis 1997 moderierte der Ganovenjäger 161 Folgen davon. Zimmermann ein paar Jahre später: «Ich bin der beste Beweis dafür, dass man von der schiefen Bahn wieder runterkommt, wenn man nur will.»

Ein knappes Jahr nach dem Start von «Aktenzeichen XY... ungelöst» konnte Eduard Zimmermann den ersten grossen Fahndungserfolg verbuchen: 1968 wurde der 55-jährige Solinger Verleger Bernhard Boll Opfer eines brutalen Raubmordes. Drei Monate später führten Hinweise nach «XY...ungelöst» zur Verhaftung des Täters. Es war der erste Mordfall, der mithilfe der Sendung geklärt werden konnte. 4600 Fälle und Fahndungen wurden bis heute behandelt, rund 3600 spielten in Deutschland, 460 in der Schweiz und die restlichen in Österreich, Holland, England, Belgien und Luxemburg. Aufklärungsquote: rund 40 Prozent.

Aufmerksame Zuschauer und schnelle Polizei: Es wurden schon Schauspieler verhaftet, die in XY-Einspielfilmen Verbrecher gespielt hatten. 300 Sendungen moderierte und produzierte Eduard Zimmermann (mit seiner Firma Securitel) von 1967 bis 1997. Er wurde mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft. Seine Tochter Sabine kam 1987 als Co-Moderatorin dazu und blieb bis 2001. Seit 2002 präsentiert ZDF-Sportreporter Rudi Cerne (59) «Aktenzeichen...XY». In ihren erfolgreichsten Zeiten verzeichnete die in viele Ländern verkaufte Sendung bis zu 20 Millionen Zuschauer, heute sind es noch fünf Millionen.

Hauptsächlich von Linken wurde das Format früher kritisiert, es sei rechtlich und moralisch fragwürdig. Das ist längst passé. Nach der 13. Sendung stieg auch das Schweizer Fernsehen bei der Fahnungssendung ein. Im Aufnahmestudio in Zürich moderierte bis 1976 Werner Vetterli, damals ein TV-Star. Nach seiner Pensionierung sass der Stäfner von 1991 bis 1999 für die SVP im Nationalrat. Auf Vetterli folgte der Radiomann Konrad Toenz (1939-2015). Er war 228-mal der Schweizer TV-Fahnder. Wegen seiner etwas unbeholfenden Art und manchen Versprechern wurde der sympathisch-bescheidene Zürcher Koni Kult. Deutsche Anhänger gründeten für den Schweizer einen Fanclub und eröffneten in Berlin Kreuzberg die Kronrad Toenz Bar, heute noch eine beliebte kleine Tanzhalle mit Live-Musik.

In der Schweiz erreichte «Aktenzeichen...XY» bis zu 800'000 Zuschauer. 1988 gabs einen «Skandal». TV-Direktor Peter Schellenberg, frisch im Amt, wollte die Sendung absetzen. Riesige Proteste in vielen Medien und bei den Zuschauern waren die Folge. In Wirklichkeit konnte Schlitzohr Schälli prima mit XY leben. Er warf Journalisten einen Knochen hin, um von der Einstellung des «Karussell» (1977-1988) abzulenken. Das teure und schwächelnde Vorabendmagazin wollte und musste er wirklich loswerden. Weil er die finanziellen Mittel für die Lancierung von «10vor10» benötigte.

Eduard Zimmermann nahm es damals gelassen. Auf den drohenden Schweizer Ausstieg angesprochen sagte er mir: «Das wird der liebe Herr Schellenberg nicht schaffen.» Beide hatten gewonnen: «10vor10» kam. Und XY blieb. Nachdem sich Zimmermann pensionieren liess, hatte die deutsche XY-Redaktion die Nachbarländer vernachlässigt, behandelte kaum noch Fälle aus Österreich und der Schweiz. Resultat: Die Quoten in den Co-Produktionsländern sanken. 2002 stieg der ORF aus, ein Jahr später die Schweiz. Das ZDF macht weiter. Mit stabilem Erfolg. Im Kern hat sich die Sendung in 50 Jahren nicht verändert.

Eduard Zimmermann lebte mit seiner Frau Rosmarie viele Jahre in Leukerbad. «Nirgends haben wir uns wohler gefühlt als im Wallis», sagte er mir einst bei einem Lunch. Wir trafen uns in Zürich, er hatte zuvor sein Konto an der Bahnhofstrasse besucht. Nach dem Tod seiner Frau zog er wieder nach München. Dort starb der erfolgreiche TV-Macher und XY-Gründervater 2009 an Demenz. Am Mittwoch läuft im ZDF die Jubiläumsausgabe, mit anschliessender Dokumentation. Ich weiss nicht, wie Sie es punkte Sekurität machen, ich hielt es ständig so: Die Axt im Haus erspart den Eduard Zimmermann. Wie auch immer: Bleiben Sie sicher.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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