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SRG macht Knie Riesengeschenk

Es ist eine unbezahlbare Werbeveranstaltung: In einem insgesamt über 180-minütigen Zweiteiler feiern die TV-Sender der SRG in allen Landesteilen 100 Jahre Dynastie Knie. Nächstes Jahr können in der Schweiz über 90 Unternehmen, in denen Grosses geleistet worden ist, ihren 100. Geburtstag begehen. Wird die SRG für das eine oder andere von denen ebenfalls einen Zirkus veranstalten? Keine Chance.

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Zugegeben: Die Erfolge, früheren Existenzkämpfe und Familienfehden der Knies geben etwas her. Mehr sogar, als die SRG daraus gemacht hat. Das Doku-Drama ist eine Montage aus Archivmaterial, dokumentarischer Begleitung, Stimmen von Zeitzeugen und fiktionalen Szenen. Die markige Figur von Margrit Knie-Lippuner, Grossmutter der heutigen Knie-Väter, steht im Mittelpunkt des fiktionalen Teils. Sie wird lobenswert gespielt von Mona Petri, Enkelin der grossen Anne-Marie Blanc. Margrit (gestorben 1974) war die stärkste und wichtigste Frau der Knie-Family.

Im ersten, am Sonntag in der ganzen Schweiz ausgestrahlten Teil, ging es unter anderem um die Gründungszeit des Circus Knie und seine harten Jahre während dem Zweiten Weltkrieg. Die Pferde wurden von der Armee eingezogen, für die anderen Tiere war kaum Futter vorhanden. Raubkatzen mussten «abgetan» werden, weil es kein Fleisch gab. Das Überleben des Circus war ein Hochseilakt.

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Ein weiterer Fokus lag auf Generationenkonflikten, Dramas, dem Ausscheiden von Rolf 1983 und der Trennung von Louis Knie vor über 20 Jahren. Mit letzterem kam es bis heute nicht zu einer Versöhnung. Fredy Knie jun: «Es gibt in Gottes Namen auch Meinungsverschiedenheiten, die man nicht lösen kann. Dann muss man sich trennen, dem Geschäft zuliebe. Disziplin, Durchhaltevermögen und Selbstbeherrschung sind unser oberstes Gebot.» Franco Knie ergänzte: «Es ist halt nicht immer alles wunderschön und rosig.»

Ein Wiedersehen gab es im Film mit dem unvergessenen, kleinwüchsigen Clown Spidi (Peter Wetzel), der sich im Sommer 2018 das Leben genommen hatte (persoenlich.com berichtete). Auch vom schweren, einschneidenden Entscheid, in der Arena auf Elefanten zu verzichten, ist die Rede. Die mit der Familie Knie (inzwischen in der achten Generation) eng verbundene Prinzessin Stéphanie kommt zu Wort. Und es wurde gezeigt, wie früher mit Töff fahrenden Bären oder auf Nashörnern reitenden Tigern die Würde der Tiere verletzt wurde.

Die Doku-Fiktion ist überladen und über weite Strecken langatmig statt mitreissend. Überdies habe ich vom Film mehr Emotionen erwartet. Diese sind ja für einen Zirkus überlebenswichtig. So würde die einschläfernde Erzählstimme des Berner Schauspielers Stefan Kurt besser für die Übertragung einer Beerdigung taugen. Auch gibt es im fiktionalen Teil sprachliche Fehler. Beispiel: «Dä isch doch nöd putzt» hat vor 100 Jahren ganz bestimmt noch kein Mensch gesagt. Gut gelungen hingegen ist die Verzahnung der Spielfilmteile mit Dokumentar- und Archivbildern.

Alles in allem hätten 90 Sendeminuten zum Jubiläum der verhätschelten und betuchten Knies gereicht (Diese liessen vom Publikum sogar ihr neues Zelt bezahlen). Um drei Stunden vor dem Fernseher zu sitzen, muss jemand schon ein riesiger Zirkusfan oder Knie-Getreuer sein. Auf mich trifft offen gestanden beides nicht zu.


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