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Das Phänomen Dschungelcamp

Marcus Knill

Im Bereich der Unterhaltungsshows kommt niemand an «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus» heran. Sieben Millionen Zuschauer erreichte die stärkste Folge im Januar 2016.

Das Erfolgsrezept des Ekel-Formats ist ganz einfach: Es spricht die niederen Instinkte des Zuschauers an. Die Konsumenten können sich darüber lustig machen, wie sogenannte Prominente (zweiter und dritter Klasse), welche nach Publicity lechzen, an zähen Känguru-Penissen herumwürgen und dabei den hämischen Kommentaren der Moderatoren ausgesetzt werden. Schadenfreude ist bekanntlich die reinste Freude.



Die Beliebtheit des Dschungelcamps hat aber noch einen zweiten Grund: Die Sehnsucht nach ehrlichem Fernsehen. Wer einen halben Liter Kotzfrucht-Shake trinken muss oder in einer Schlangengrube versucht nach einem Stern zu angeln, der kann sich nicht mehr verstellen. Der angebliche «Star» verhält sich zumindest in diesem Moment echt. Und Menschen, die im Fernsehen mit echten Situationen konfrontiert werden, sind heutzutage eine Seltenheit, trotz oder gerade wegen der sogenannten «Reality»-TV-Formate, bei denen Szenen meist gestellt sind. Anders als andere Reality-Sendungen des so genannten Unterschichtenfernsehens gibt das Dschungelcamp auch nicht vor, die Grenzen des guten Geschmacks zu wahren – es ist Trash-TV vom Feinsten und möglicherweise gerade deswegen auch bei höher gebildeten Zuschauern so beliebt. Kommt dazu, dass die Zuschauer die Akteure be- oder verurteilen können.

Was bringt eigentlich Menschen dazu, sich zwei Wochen lang die ekligen Gruselszenen zu Gemüte zu führen? Schon vor Jahren versuchte ich die Gründe des Zuschauererfolges dieser abstrusen Sendung zusammenzutragen. Es sind sich Medienfachleute und Psychologen darin einig, dass das Phänomen Dschungelcamp auf dem Gemisch folgender Elemente basiert: Nervenkitzel, Unterhaltung, Voyeurismus, zwischenmenschlichen Schwächen in Stresssituationen, Emotionen, Sex und seelische Entblössung. Diese Mischung im Pseudodschungelgeschehen zieht Zuschauer in den Bann.



Trotz Inszenierung kommt es zudem immer wieder zu echten gruppendynamischen Prozessen. Nach Medienpsychologe Jo Groebel ist der Zuschauer Bestrafender, Regisseur und Sadist zugleich. Charaktereigenschaften werden im Camp verstärkt: Aggressive Menschen werden beispielsweise noch aggressiver. Für die Konsumenten in der gemütlichen Stube ist es besonders faszinierend, wenn angekündigt wird, was die Kandidaten essen und trinken müssen und dann Maden, Raupen oder Hoden serviert werden. Nach Groebel macht der «Kino im Kopf» die ganze Sache so eklig. Das Ekelgefühl ist nach britischen Wissenschaftler eine List der Evolution, um die Menschen vor Infektionen zu warnen.

Ekel führt zu körperlichen Reaktionen, denen wir uns kaum entziehen können: Fäkalien, Erbrochenes, Schweiss, Speichel, Eiter, Wunden, Leichen, abgeschnittene Zehennägel, verwesendes Fleisch, Maden, Schleim, Läuse – das Spektrum von Dingen, vor denen sich Menschen ekeln, ist sehr breit. Doch nahezu überall auf der Erde werden ähnliche Dinge als ekelhaft empfunden, und auch die körperliche Reaktion ist in praktisch allen Kulturen gleich: Der Blutdruck fällt ab. Es entsteht Brechreiz und die Menschen zucken instinktiv zurück. Wir können uns Ekelgefühlen wie Ängsten kaum entziehen. Dennoch sucht der Mensch diese Gefühle zu überwinden. In Märchen, beim Kasperlitheater auf der Geisterbahn, später bei Horrorfilmen haben die Menschen schon seit früher Kindheit gelernt, den Kitzel der Angst zu geniessen.

«Bild» bezeichnete Dschungelcamp einmal als obszön und schrieb, diese Sendung sei ein Angriff gegen die Menschlichkeit.

Die Sendung «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus» appelliere an die niederen Instinkte. Aus psychologischer Sicht würden voyeuristische und sadistische Bedürfnisse befriedigt. Ein Kommentator fragte sich sogar, ob solche Sendungen nicht die Kulturlosigkeit unserer Gesellschaft beeinflussen. Denn, wenn sich Millionen an solchen Formaten begeilen, könnte dies zu einem Niveauverlust führen. Die Einschaltquote dürfe nicht oberster Massstab sein. Wenn die Menschenwürde verletzt werde, so müssten Grenzen gesetzt werden, obwohl die «Opfer» dieser Show genau wüssten, worauf sie sich einlassen.


Fazit: Das Format vereint zahlreiche klassische Unterhaltungselemente. Das Geheimnis des Erfolgs liegt vor allem darin, dass das Dschungelcamp-Menü aus perfekt inszenierten Grund-Zutaten besteht, gemischt mit einer Prise Dynamik und Glück.

 

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