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Der Kelch ging an ihm vorüber

Marcus Knill

Erstaunlich: Heftige Kritik prasselte an der Generalversammlung auf den Präsidenten der Credit Suisse nieder. Von zahlreichen Rednern wurde auf die Führungscrew eingeprügelt. Doch scheint Urs Rohner gegenüber der heftigen Kritik zahlreicher Aktionäre immun zu sein.

Als ich ihn jedoch am Bildschirm genauer beobachten konnte, stellte ich fest: Der Körper verrät meist mehr als die Worte. Rohner wirkte trotz des Bemühens «sich im Gegenwind souverän zu verhalten» recht gestresst, nervös. Der rhythmische Akzent liess immer wieder zu wünschen übrig. Sein Körper schwankte vor allem in angespannten Situationen. Dies signalisierte: Der Redner muss Stress abbauen. Der Blickkontakt war vielfach unruhig und fahrig. Bei den Nahaufnahmen fielen die Zuckungen in der Stirnpartie und das unpassende abrupte Augenbrauenheben auf. Auffällig vor allem beim Beantworten heikler Fragen. Für Kommunikationsinteressierte war diese CS Generalversammlung spannend wie ein Krimi.

Erfahrene Aktionäre wissen zwar, dass bei Generalversammlungen die Grossaktionäre das Sagen haben und die besten Argumente der anwesenden Kritiker kaum etwas ausrichten können. Dass jemand eine Belohnung erhält für eine Fehlleistung ist eigentlich grotesk.

Martullo Blocher brachte es auf den Punkt: «Manager sollen gut verdienen, wenn sie Erfolg haben – aber wenig, wenn sie es nicht haben.» Für Otto Normalverbraucher ist nicht nachvollziehbar, dass Versagern Millionen zugeschaufelt werden (bei Verlusten von Milliarden). Im Grunde genommen müssten eigentlich Manager für schlechtes Management mit einem Malus bedacht werden.

Zurück zum Verhalten Rohners: Es war auffallend, dass seine Aussagen immer wieder einen deutlichen Realitätsverlust widerspiegeln. Ich zitiere zwei Beispiele:

Erstens: «Das Hin und Her um die Boni ist letztlich eine philosophische Frage – darf man ein Management, das seine vorgegebenen Leistungsziele erreicht hat und operative Gewinne erzielt, für Verluste aufgrund von Ereignissen aus der Vergangenheit büssen lassen?»

Der Realitätsverlust: Vergütungsberichte haben mit Philosophie nichts zu tun.

Zweitens: «Ich habe vom ersten Tag an bei der CS und in jeder Funktion, die ich hatte, meinen Beitrag dazu geleistet, dass sich die Firma und die Prozesse verbessern und dass sich Sachen, die ich nicht für richtig angesehen habe, verändern.»

Zum Realitätsverlust: Rohner, der gewiefte Taktiker geht davon aus, mit seinem Beitrag die Investoren zu beeindrucken. Es gilt zu bedenken: Seit dem Start als CS-Präsident im April 2011 hat die Aktie der Grossbank 57 Prozent ihres Börsenwerts eingebüsst.

Im Hallenstadion ging der Kelch an Rohner zwar vorüber, die Grossaktionäre spielten für ihn einmal mehr die Retter. Aber: Der Wink mit dem Zaunpfahl der Aktionäre wird bestimmt nicht nur bei Rohner Spuren hinterlassen. Obwohl das Management der CS vorläufig noch dem Gegenwind standhalten konnte, wird es wohl später – nach dem gravierenden Vertrauensverlust – zwangsläufig  doch noch zu personellen Veränderungen kommen. Denn: Ein Kapitän mit Realitätsverlust ist nicht nur für die Aktionäre unzumutbar.

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