23.02.2016

Swiss4Syria

«Fundraising funktioniert nur mit Bildern»

Jessica Mor-Camenzind über die Finanzierung einer Schule für syrische Kinder im Libanon.
Swiss4Syria: «Fundraising funktioniert nur mit Bildern»
von Lucienne Vaudan

Frau Mor-Camenzind, Sie sind soeben aus dem Libanon zurückgekommen. Was haben Sie dort gemacht?
Wir waren in Tyros im Süden des Landes um die Schule zu besichtigen, die wir im Januar in Kooperation mit einer libanesischen NGO eröffnen konnten. Etwa 70 syrische Kinder zwischen vier und 12 Jahren werden dort von insgesamt vier Lehrpersonen unterrichtet und betreut.

Sie haben dazu den Verein Swiss4Syria ins Leben gerufen. Wie sind Sie dazu gekommen?
Vor zwei Jahren wollten unser Präsident Tamer Amr und ein paar Freunde einfach helfen. Das naheliegendste war es, Winterkleider zu sammeln, davon haben wir hier schliesslich genug. Innert kürzester Zeit sind tonnenwese Kleider zusammengekommen, die wir per Schiff nach Libanon gebracht haben.

Macht es Sinn, Kleider um die halbe Welt zu fahren?
Nein, das ist ein logistischer Irrsinn, das haben wir dann auch bald gemerkt. Mit dem Geld für die Transportkosten hätte man vor Ort wichtigere Projekte erreichen können. Deshalb haben wir uns dann auf den Aufbau sanitärer Anlagen und jetzt eben dieser Schule konzentriert.

Das mit den Schulen ist aber auch nicht ganz so einfach. Private Initiativen werden vom Staat nicht anerkannt, die Kinder erhalten kein Diplom oder ähnliches. 
Das stimmt natürlich, aber das libanesische Schulsystem ist mit den syrischen Flüchtlingskindern heillos überlastet. Wir bieten eine Notfalllösung an, die Kinder lernen arabisch lesen und schreiben und Mathematik. Unsere Schule dient jedoch auch als Vorbereitung, für die öffentliche Schule, falls sie diese in Zukunft besuchen können. Die Schule bedeutet vor allem aber auch ein klein wenig Normalität inmitten dieses hoffnungslosen Desasters.

Welche Kinder nehmen Sie in Ihrer Schule auf?
Wir betreuen die Kinder aus zwei improvisierten Zeltlagern im Süden des Landes. Dort hat es aufgrund von regionalpolitischen Umständen kaum aktive NGO’s und die Leute haben nach bald fünf Jahren des Ausharrens das Gefühl, die Welt habe sie vergessen. Sie müssen sich vorstellen, die Menschen leben Sommer wie Winter in Zelten, die mit Teppichen und Autoreifen zusammengeflickt sind, es gibt kein fliessendes Wasser und die hygienischen Verhältnisse sind desolat.

Wie steht es um die Versorgung mit Nahrungsmitteln?
Das Ersparte der Leute ist mittlerweile aufgebraucht, manchmal haben die Leute einfach gar nichts mehr zu essen. Wir geben den Kindern in der Schule ein «z’Nüni» aus. Manche Kinder essen das aber gar nicht, weil sie es nach Hause nehmen und mit ihren Familien teilen wollen.

Und die medizinische Versorgung?
Das ist in der Tat ein grosses Problem. Schwangere gebären ihre Kinder beispielsweise praktisch ohne ärztliche Begleitung. Aber wir können auch nicht einfach Medikamente verteilen. Deshalb versuchen wir jetzt Ärzte zu finden, die ein- oder zweimal im Jahr medizinische Kontrollen durchführen. Und neu haben wir in einem Abkommen mit einem lokalen Spital vereinbart, dass wir die Kosten für Notfälle die «unsere» Kinder betreffen übernehmen.

Sie finanzieren sich über Spenden. Inwiefern beeinflusst die Flüchtlingsdebatte hier in Europa die Grosszügigkeit der Geldgeber?
Das Bild von Aylan, dem kleinen Jungen der bei der Flucht übers Mittelmeer sein Leben verlor war sicherlich ein Schlüsselmoment der viele Menschen zum Helfen animiert hat. Aber auch als die Stimmung gegenüber Flüchtlingen in Europa kippte, blieben die Spenden nicht aus. Ich denke das hat damit zu tun, dass wir Menschen vor Ort helfen.

Nun platzt der Libanon mit einer Bevölkerung von vier Millionen durch die zusätzlichen geschätzten zwei Millionen Flüchtlingen aus allen Nähten. Wie lange geht das noch gut?
Das ist schwierig einzuschätzen. Es brodelt sicher. Die Syrer arbeiten aus Verzweiflung zu Niedrigstlöhnen, das wirkt sich natürlich auf den gesamten Arbeitsmarkt aus. Wir haben mit unserem Projekt die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, die lokale Bevölkerung miteinzubeziehen und ihnen zu vermitteln, dass sie ebenfalls profitieren können, weil wir beispielsweise zwei libanesischen Lehrerinnen und einem Buschauffeur einstellen und Material vor Ort einkaufen. Das hilft auch der lokalen Wirtschaft.

Kommt man da mit dem Helfen überhaupt noch nach?
Darüber macht man sich am besten gar nicht erst Gedanken (lacht). Wir machen einfach immer weiter. Mit der Inbetriebnahme der Schule geht es ja erst richtig los. Aber wir wollen auch nicht zu schnell wachsen, alles soll so übersichtlich wie möglich bleiben um die administrativen Kosten möglichst gering zu halten. Deshalb kann man bei uns übrigens auch nicht Mitglied werden. Das würde nur Ressourcen verschlingen.

Was brauchen Sie konkret?
Geld, Geld, Geld (lacht)! Unser Geld reicht jetzt für ein Jahr Schule, ein Kind kostet jährlich ungefähr tausend US-Dollar plus Material-, Lohn- und Unterhaltskosten. Wir brauchen also etwa 130'000 US-Dollar pro Jahr um den Ist-Zustand zu erhalten.

Wie sichern Sie sich als kleine, private Hilfsorganisation das Vertrauen der Spender?
Zu einem fliessen die Spenden zu 100 Prozent in unsere Projekte vor Ort, zum anderen ist unsere Buchhaltung für alle einsehbar und transparent. Wir sind auch auf Facebook recht aktiv und dort kann man dann fast live miterleben, wie wir das Geld ausgeben und was wir gerade wieder gekauft haben. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Fundraising nur mit Bildern funktioniert. Man muss wirklich sehen, wie diese Leute leben, das bringen tausende Worte nicht auf den Punkt. Deshalb haben wir jetzt im Februar auch gemeinsam mit dem Filmemacher Pierre Aboujaoude eine Dokumentation gedreht. Das Resultat ist wirklich herzergreifend.

Bild: zVg



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