05.04.2017

Schweizer Monat

Blattkritik ins Internet gestellt

Da man wenig Leser-Feedback erhalte, müsse man neue Wege suchen, um dazuzulernen, sagt der Chefredaktor.
Schweizer Monat: Blattkritik ins Internet gestellt
Das Titelblatt der aktuellen Ausgabe: «Schweizer Monat». (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Ab sofort veröffentlicht der «Schweizer Monat» die Protokolle externer Rezensenten im Internet. Die Beurteilung der jeweiligen Ausgabe erfolgt also nicht nur vor versammelter Redaktion, sondern auch schriftlich. 

Aktuell ist auf schweizermonat.ch die Blattkritik von Gaudenz Looser (stv. Chefredaktor von «20 Minuten») zu finden. Damit will die Redaktion signalisieren, dass sie veränderungswillig ist. «Wir wollen dazulernen von den geschätzten Kollegen, den geschätzten Kritikern und sogar von dezidierten Opponenten», begründet Chefredaktor Michael Wiederstein auf Anfrage von persoenlich.com. So werde es «auch richtig unterhaltsam für die Leser».

Beim «Schweizer Monat» glaubt man, dass es für eine Zeitschrift mit klar liberaler Haltung gerade in Zeiten des allgegenwärtigen «Lügenpresse»-Vorwurfs und der politischen Polarisierung wichtig ist, «neue Ideen für konstruktive und wohldurchdachte Formate der Kritik zu erdenken und publik zu machen».

Michael Wiederstein

Herr Wiederstein, wo haben Sie sich inspirieren lassen?
Die Idee hat in der Redaktion schon vor Jahren kursiert. Unser Redaktor Ronnie Grob hat das Projekt nun nach einer lebhaften Diskussion an einer Retraite im Glarnerland an die Hand genommen und in die Tat umgesetzt. Ein konkretes Vorbild bei anderen Medien haben wir dazu nicht.

Was bringt diese öffentliche Selbstkritik? 
Jeder Kritiker hat einen eigenen Fokus, es sollen auch nicht nur Menschen aus dem Medienzirkus sein – so profitieren wir monatlich von völlig verschiedenen Aussensichten, die wir in internen Redaktionssitzungen mit unseren Motiven und Werkzeugen abgleichen können.

Aber warum öffentlich?
Da wir vergleichsweise wenig Feedback aus der Leserschaft erhalten, aber unsere Abonnentenzahlen steigen, müssen wir uns neue Wege der Kritik erschliessen, um dazuzulernen. Für eine so junge Redaktion bei einem so alten Magazin wäre es fahrlässig, einfach nichts für die Inputs bezüglich des eigenen Handwerks zu tun. Und: Leser wie Kritiker können nun über die Zeit verfolgen, ob wir es tatsächlich besser machen oder nicht.

Oder wollen Sie einfach nur kostengünstig zu Content kommen?
Wer unsere Zeitschrift kennt, weiss, dass wir stets über genug erstklassige Inhalte verfügen – das neue Format ist Online-only, kostet viel Zeit, Nerven und Arbeit, bringt uns aber sicher keinen einzigen neuen Abonnenten. Wir meinen aber, dass die kritischen Inputs diese Mankos langfristig ausgleichen und der Heftqualität zugute kommen.

Wie lange werden die Kritiken auf der Webseite sein? 
Unbegrenzt, die Rubrik wird monatlich mit den neuen Kritiken ergänzt. Zum 100-Jahr-Jubiläum im Jahr 2021 machen wir dann ein Buch daraus (lacht). Im Ernst: Es ist ein Experiment, und wir wissen noch nicht, wie es herauskommt.



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