29.01.2017

Ringier

«Höchste Zeit, mehr über Programmieren zu lernen»

Die Konzernleitung muss wieder die Schulbank drücken. CEO Marc Walder will, dass die Führungskräfte erfahren, wie eine Website oder App entwickelt wird. Nur wer wisse, wie programmiert wird, habe ein vertieftes Verständnis für die digitale Welt, sagt Walder im persoenlich.com-Interview.
Ringier: «Höchste Zeit, mehr über Programmieren zu lernen»
«Wir treffen wöchentlich unzählige Entscheide zu digitalen Themen und Fragen», sagt Ringier-CEO Marc Walder. (Bild: Ringier)
von Christian Beck

Herr Walder, am World Web Forum erwähnten Sie, dass die Ringier-Konzernleitung lernen soll, zu programmieren. Wie kommen Sie auf diese Idee?
Den letzten Schubs gegeben hat Inga Beale, sie ist Chefin des Versicherers Lloyd's. Sie hat am WEF in Davos gesagt: «Wir müssen alle lernen, zu coden. Coding ist das neue Lesen und Schreiben.» Ringier macht 65 Prozent seines Ebitdas mit digitalen Geschäftsmodellen. Höchste Zeit also, zumindest ein wenig mehr über Programmieren zu lernen und erfahren.

Und was erhoffen Sie sich konkret für einen Nutzen?
Wer weiss, wie Software programmiert wird, erhält ein vertieftes Verständnis für die digitale Welt und ihre komplexen Zusammenhänge und hat sicherlich Vorteile, wenn es darum geht, die richtigen Entscheide rund um digitale Themen zu fällen. Und wir treffen wöchentlich unzählige Entscheide zu digitalen Themen und Fragen: Zu digitalem Journalismus, zu digitaler Vermarktung, zu E-Commerce, zu Marktplätzen und Classifieds, zu Technolgie und Daten…

Sie machen ordentlich Tempo, schon in drei Wochen soll es losgehen.
Es gibt keinen Grund, zu warten. Wir beginnen jetzt damit. Schliesslich erwarten wir auch von all unseren Tochterunternehmen und deren Mitarbeitenden grosses Engagement und konstante Weiterentwicklung. In die Lernkurve hineinzusteigen, ist essentiell.

Und wie muss ich mir einen solchen Unterricht dann vorstellen?
Wir haben wöchentlich Konzernleitungssitzung. Die geht vier bis fünf Stunden. Die erste Stunde davon reservieren wir nun fürs Coden. Wir lernen also als Gruppe. Wie eine kleine Schulklasse.

Und wer sind die Schüler dieser kleinen Klasse?
Das gesamte Ringier Group Executive Board. Namentlich sind dies Annabella Bassler, Xiaoqun Clever, Thomas Kaiser, Robin Lingg und Alexander Theobald. Die Runde wird noch durch die Leitungspersonen der Stabsstellen ergänzt. Also Kommunikation, HR, M&A, Public Affairs und Legal.

Freuen die sich schon auf die Schulung?
Klar. Ich habe allerdings enormen Respekt, ob ich das begreife (lacht).


Und wieviele Lektionen wird es da geben? Bis alle Profi-Programmierer sind?
Komplexes Programmieren lernt man nicht «nebenbei». Zu erwarten, dass wir Profis werden, wäre völlig vermessen. Ziel ist, dass wir ein Gefühl dafür bekommen, was es heisst, eine Website oder eine App zu entwickeln oder mit Daten zu arbeiten. Mal sehen, wie gut sich meine Konzernleitungskollegen auf der Schulbank schlagen werden…
 
Also wird das Group Executive Board nach dieser Schulung nicht fähig sein, eine App zu schreiben.
Wie gesagt, es ist nicht unsere Aufgabe, auf anständigem Niveau zu codieren. Dafür haben wir Experten in allen Unternehmen der Ringier Gruppe. Wenn wir aber verstehen, wie diese Kollegen arbeiten und auf welchen Programmierungen unsere digitalen Produkte aufgebaut sind, können wir allenfalls Herausforderungen und Zusammenhänge und Tendenzen besser verstehen. Mal sehen, was das für eine Dynamik geben wird.

Sie wollen einfach keine Theoretiker als Manager.
Michael Ringier hat mir einmal gesagt, dass er erwartet, dass seine Manager raus gehen, neugierig sind, lernen wollen, Neues ausprobieren. Recht hat er. Ich treffe ihn am Montagabend in New York. Dort schauen wir uns ein paar interessante Unternehmen an. Kleine, grosse, ganz junge, ganz alte. Nicht, um sie zu kaufen. Sondern, um zu lernen.

Apropos lernen: Eigentlich müssten alle Führungskräfte auch zu Videojournalisten ausgebildet werden. Auch Videos haben Zukunft.
Video ist – auf den journalistischen Plattformen – das schnellst wachsende Inventar. Seit drei Jahren. Dafür müssen die Manager nicht zu Videojournalisten ausgebildet werden. Sie müssen aber detailliert wissen, wie Videos distribuiert und monetarisiert werden können. Und welche Trends Video-Journalismus prägen und verändern.

Zurück zur Aussage «Coding ist das neue Schreiben». Werden auch Journalisten lernen müssen, zu programmieren?
Sagen wir es so: Wer coden kann, die Grundsätze kennt, wird einen fundamentalen Vorteil haben. In den Newsrooms aller Unternehmen sind die Grenzen inzwischen doch längst fliessend. Reporter, Redaktoren, Produzenten, Kuratoren, VJs, Designer, Grafiker, Programmierer und und und…



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Kommentare

  • Robert Weingart, 30.01.2017 00:40 Uhr
    dann lernen sie doch bitte selber, herr walder.

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