01.11.2017

SRG

No-Billag-Initiative gefährdet Tour de Suisse

Wird am 4. März 2018 die Vorlage angenommen, stehen 13'500 Vollzeitstellen bei der SRG, den Privaten und sogar in anderen Branchen auf dem Spiel. Auch der Profisport würde empfindlich leiden. Ein Kommentar.
SRG: No-Billag-Initiative gefährdet Tour de Suisse
Die Produktion von Sportveranstaltungen – wie hier der Tour de Suisse – ist aufwendig. Fraglich, ob hier die Privaten einspringen würden. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)
von Christian Beck

SRG-Generaldirektor Gilles Marchand wählt zur No-Billag-Initiative jeweils deutliche Worte: «Es geht nicht um die Frage Gebühren ja oder nein, sondern um die Frage SRG ja oder nein.» Würde die Initiative angenommen und hätte Marchand mit seiner Prognose recht, dass die SRG die Lichter löschen müsste, dann käme es knüppeldick.

Und davon ist auszugehen, sagt doch auch SRG-Sprecher Edi Estermann in der «NZZ am Sonntag»: «Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es nicht möglich, die Rentabilität einer nicht gebührenfinanzierten SRG nachhaltig sicherzustellen. Eine Liquidation ist gemäss dem Schweizerischen Obligationenrecht die logische Konsequenz.» Gemäss Initiativtext würden die erforderlichen Ausführungsbestimmungen auf den 1. Januar 2019 in Kraft treten.

13'500 direkte und indirekte Vollzeitstellen

Rund 5900 Vollzeitstellen bietet die SRG an, die konzessionierten Lokalradio- und TV-Sender mit Gebührenanteil knapp 900 Vollzeitstellen. All diese Stellen sind bei einer Annahme der Initiative gefährdet. «Die Annahme bedeutet nicht nur das Aus für die SRG, sondern auch für alle privaten Fernsehsender sowie für viele private Radiostationen», sagte Joachim Freiberg, CEO von Tele 1 und Radio Pilatus, zu persoenlich.com.

Aber nicht nur das. Pro Arbeitsplatz bei der SRG und anderen konzessionierten Veranstaltern gibt es nochmals einen weiteren Schweizer Arbeitsplatz. Wie der Bundesrat in seiner Botschaft zur Initiative schreibt, generiert der Service public in anderen Branchen, also beispielsweise Filmproduktionstudios und anderen Zulieferern der SRG, weitere rund 6700 Vollzeitstellen. Macht 13'500 Vollzeitstellen, oder zehntausende potenzielle neue «Kunden» fürs RAV. Damit aber noch nicht genug.

Tiefer einstelliger Refinanzierungsgrad

Schauen wir auf den Sport und nehmen einfach mal eine Tour de Suisse als Fallbeispiel. Mag auf den ersten Blick wenig mit der No-Billag-Initiative zu tun haben. Hat es aber doch. «Sport ist aufwendig und komplex in der Produktion. Durchschnittlich decken kommerzielle Einnahmen wie Werbung oder Sponsoring nur 13,1 Prozent der Vollkosten für Rechte, Produktion und Umsetzung ab», sagt Philippe Fischer, Fachleiter Marketing/Kommunikation bei der Business Unit Sport der SRG, auf Anfrage. In diesen durchschnittlich 13,1 Prozent sind aber alle von der SRG übertragenen Sportevents mitgerechnet, also auch eine Champions League. Schweizer Produktionen dürften unter diesem Wert liegen. Es ist davon auszugehen, dass die Tour de Suisse alleine betrachtet einen deutlich tieferen Refinanzierungsgrad hat.

An der Tour de Suisse 2017 standen im Zielgelände vier fest installierte Kameras. Zwei Helikopter mit stabilisierten Kameras und vier Motorradkameras fingen das Renngeschehen ein. Die Ton- und Bildsignale gelangten über einen Helikopter und ein Flugzeug auf 8000 Metern Höhe zum Übertragungswagen im Zielgelände und von dort weiter zu SRF, RTS, RSI und in die Welt hinaus. So was kostet.

Kein privates Medienhaus würde eine solche teure Sportproduktion finanzieren wollen oder können. Es ist schlicht nicht rentabel. Die Folge: Sponsoren springen ganz ab, weil sie am Fernsehen nicht mehr gesehen werden. Ohne Sponsoren kann der Profiradsport vermutlich aber nicht überleben. Auch die Velofahrer müssten zum RAV. Dasselbe Schicksal würde andere Sportarten ebenfalls treffen.



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Kommentare

  • Nico Herger, 31.10.2017 16:24 Uhr
    Die Veloprofis sind alle bei ausländischen Mannschaften angestellt. Die Tour de Suisse ist nur eines von vielen Rennen weltweit. "Die Velofahrer müssten ebenfalls zum RAV", das ist Fake News pur. Unglaublich, was da für Märchen erzählt werden, um die geschützte Werkstatt SRG in ihrem heutigen Umfang zu erhalten. Wer will, kann ja freiwillig Gebühren weiterzahlen, sicher fast 50%, also alle, die "No Billag" ablehnen. Selbstverständlich bleibt auch ein grosser Teil der Werbung erhalten. Der Argumentationsnotstand der SRG-Leute treibt seltsame Blüten.
  • Christoph J. Walther, 31.10.2017 17:14 Uhr
    Betrachten wir das von einer positiven Seite her: Wenn nicht SRF werden andere die Bilder der Tour de Suisse produzieren. Um die Sportübertragungen auf Teleclub zu ermöglichen, sind in der Schweiz längst andere Firmen mit der Kernkompetenz der TV-Live-Berichterstattung entstanden. Erfolgreiche Veranstalter von Sportanlässen werden künftig sämtliche Bilder selber produzieren, ja durch Dritte, und in alle geeigneten Kanäle weiterverkaufen. All die SRG-Kommunikationsprofis, die vom Autor dieses Beitrags wegen der No-Billag-Initiative aufs RAV geschickt werden, können genau so gut neue Jobs finden, bei denen sie ihr Können unter Beweis stellen und erweitern können. Gut möglich, dass es dazu wie bei der gestern vorgestellten Keystone-SDA ausländisches Management-Know-how braucht, weil die Schweizer anstatt Chancen zu ergreifen offenbar nur den Status-quo beschwören und schwarzmalen können. Ohne ein Umdenken wird es nicht gehen: Wer anstatt teure Helikopter einen Schwarm vergleichsweise billiger Drohnen einsetzt, liefert packendere Bilder zu günstigeren Preisen. Bleibt die SRG in ihrem pompösen Denken gefangen, ist es gut, wenn sie von neuen Playern abgelöst wird.
  • Omar Siegenthaler, 31.10.2017 18:46 Uhr
    @Nico Herger: Der Grund, wieso Konzerne Sportsponsoring betreiben, ist Reichweite. Wenn die SRG abgeschafft ist, kann niemand mehr diese Reichweite bieten und Pay per View wird wesentlich teurer sein, als die momentane Pauschalgebühr. Und nein, wenn die Reichweite eben nicht mehr gegeben ist, bleibt auch die Werbung nicht erhalten. @Christop J. Walter: Ist es nich befremdend, dass dieselben Kräfte, die die Masseneinwanderungs-Initiative lancierten unf Inländervorrang fordern, in diesem Punkt nun lieber billige(re) Arbeitskräfte und Know-How aus dem Ausland hätten? Natürlich gibt es Teams aus Bremen, Bayern oder NRW, die den Job für die Hälfte machen. Wie in jedem anderen Bereich auch. Sie fahren an, pennen im Bus und fahren wieder zurück, der erwirtschaftete Minibetrag rechnet sich knapp in Deutschland, niemals in der Schweiz. Denn auch unsere Teams zahlen hier Miete, Krankenkasse und Steuer. Und wie gut kennen sie sich den wirklich aus? Wann macht den Drohne sinn und wann Heli?
  • Gianni Carafa, 01.11.2017 16:37 Uhr
    Ich glaube der Vergleich mit dem Radrennprofi ist etwas überspitzt. Aber es sind wirklich viel mehr als nur die direkten Billag-Lohnempfänger betroffen. Nehmen wir mal die ganzen SRG-Kantinen (Zürcher Frauen Verein), welche nicht mehr in der Micro-SRG nicht mehr gebraucht würden. Oder die SwissTXT, welche viele Services der SRG anbietet. Putzinstitute ... Die Liste könnte man so weiter führen. Aber gehen wir noch weiter: Nehmen wir an, die Micro-SRG versucht möglichst viel Geld noch aus dem freien Werbemarkt zu holen. Viele Zeitungen und Onlinemedien kämpfen heute schon hart um jeden Franken. Und mit der Micro-SRG käme ein potenter Konkurrent auf den Markt, welcher einige kleine ruinieren würde. Und wieder paar Journis mehr beim RAV, welche in einem übersättigten, verkleinerten Arbeitsmarkt eine Stelle suchen. Wer das wohl auf lange Sicht verkraften kann, sind die grossen Verlage und die Blocher-Medien, welche genug Geld im Rücken haben. Und das sind dann die wahren Profiteure der Medienkriese.
  • Nico Herger, 01.11.2017 19:58 Uhr
    @Gianni Carafa: Es kann nicht Aufgabe der Billag-Zahler sein, die Arbeitsplätze bei der SRG und ihren Dienstleistern sowie die Existenz von Sportveranstaltungen zu sichern. Sie bezahlen unter Zwang als Medienkonsumenten für ein Produkt und beurteilen als mündige Bürger dessen Preis-Leistungs-Verhältnis. Gerade die SRG mit ihrem unbändigen Expansionsdrang hat doch hunderte Arbeitsplätze in der privaten Medienbranche vernichtet bzw. lässt sie gar nicht entstehen infolge ihrer erdrückenden Marktdominanz. Es ist die überrissene Billag-Gebühr von 450 Fr., die immer mehr Leute veranlasst, ihr Zeitungs- und/oder Zeitschriftenabo zu kündigen. Genau dies führt zum Abbau von Stellen bei den Privaten, die ja auch Service public erbringen, und meist in viel besserer Qualität und ohne Zwangsabo. Es gibt kein einziges Argument für 7 öffentlich-rechtliche TV- und 17 ö-r Radioprogramme, ebenso wenig für den galoppierenden Ausbau von Online in mehreren Sprachen. Hinzu kommt die juristisch grenzwertige Zusammenarbeit mit der mehrheitlich staatlichen Swisscom sowie Ringier. Die zwangsfinanzierte SRG ist zu einem Moloch geworden, der den Privaten massiv Schaden zufügt.
  • Tom Schott, 01.11.2017 21:29 Uhr
    unglücklicher artikel! wir wollen ja nicht mit steuergeldern irgendwelche stellen um des stellenerhalts willen erhalten. die wesentliche frage, ob diese stellen nötig sind, wird aber nicht einmal angeschnitten. und das beispiel tds zeigt leider eher das gegenteil. völlig unnötig, sowas zu übertragen.
  • Gianni Carafa, 01.11.2017 22:33 Uhr
    @Nico Herger Ich glaube die wenigsten haben aufgrund der 450 Fr. (jetzt ja nur noch 365. Fr) auf ein Zeitungsabo verzichtet. Da haben die kostenlosen Onlinedienste und Gratiszeitungen einen viel grösseren Einfluss gehabt. Warum sollte jemand noch für Papier bezahlen, wenn er es auch gratis haben kann, online und überall. Zudem fressen grosse ausländische Werbegiganten auch immer mehr am kleinen Schweizer Werbemarkt mit. Die SRG hat sich aber tatsächlich in Richtung Internet ausgebreitet. Und das ist gut so. Denn da holen heute viele Billagzahler ihre Information her. Ansonsten würde man ihr vorwerfen, dass sie träge und von Vorgestern sei. Die Zusammenarbeit mit Swisscom und Ringier ist vermutlich nur der Vorgeschmack, der auf den Werbemarkt zukommt, wenn sich die SRG voll vom Werbemarkt finanzieren muss. Denn verschwinden wird sie ja nicht. Das sagen sogar die NoBillag-Initianten. Und so wär sie mindesten halbwegs bereit für den Fall der Annahme. Anstatt die SRG als Todbringer der privaten Medien zu verteufeln, hätte man besser darüber nachgedacht, wie man die särbelnden Medien auch mit der gut gefüllten Billag-Kasse gegen die nächste tödliche Welle (Google, Facebook, Netflix, Spottify, Soundcloud) hätte schützen können, da sie genauso ein wichtiger Teil unserer Demokratie sind.
  • Tek Berhe, 02.11.2017 12:48 Uhr
    Natürlich hätte der Gipfeli-Bäck weniger zu backen. Wir zahlen sicher nicht für die Anhängsel, die ein Klumpenrisiko eingehen. 3+ ist ein Vorbild für die New SRG!
  • Robert Ingold, 03.11.2017 08:32 Uhr
    Das Ganze Theater kommt mir vor, wie die "too big to fail"- Debatte. Wie blöd muss man denn sein, auch hier - mit dem Geld des kleinen Mannes - wieder eine Firma zu retten, die nicht wirklich für unser Wohl sorgt?
  • Ueli Custer, 03.11.2017 14:37 Uhr
    Es ist doch ganz einfach: Das aktuelle Gesamtangebot aller TV- und Radioprogramme in der Schweiz finanziert sich aus Gebühren und Werbung. Das sind pro Jahr rund 2,3 Mia. Franken. Davon stammen etwa 60 Prozent oder rund 1,4 Mia. Franken aus den Gebühren. Bei Annahme von No-Billag wird der Markt ab 2019 (dies als klare Vorgabe aus dem Initiativtext) zunächst einmal auf 0,9 Mia. Franken schrumpfen. Das entspricht dem aktuellen Werbevolumen. Wollte man die wegfallenden Gebühren durch Werbeeinnahmen ausgleichen, müssten diese also auf einen Schlag um über 150% steigen. Da aber gleichzeitig die Programme des Marktführers fehlen, werden die Werbeeinnahmen sogar zurück gehen. Wer soll aus diesem massiv geschrumpften Gesamtmarkt noch die laufend teureren Sportrechte finanzieren können? Oder wer soll da noch teure Informationsleistungen erbringen? Alle die Alternativszenarien sind nichts als unrealistische Träumereien.
  • Christoph Stuber, 03.11.2017 14:46 Uhr
    Jetzt jammern plötzliche all - aus Nah und Fern. Immer erst, wenn Druck da ist. Die direkt interessierten und involvierten Stellen hätten das Thema schon lange weitsichtiger und proaktiver angehen müssen. Und nicht erst, wenn Initiative und Abstimmungsdatum feststehen. Der Bundesrat hat zwar angefangen, die Gebühren – auf öffentlichen Druck hin - ab 2019 zu senken, aber auch viel zu spät.

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