Krieg

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"Herr Luchsinger", fragte ich als junger Radiojournalist den damaligen "Blick"-Chefredaktor in einem Interview, "was ist für eine Boulevardzeitung die beste Schlagzeile?". Fridolin Luchsinger, auch sonst kein Freund unnötig vieler Sätze, antwortete mit einem Wort: "Krieg". Kurze Pause. "Vielleicht noch mit Ausrufezeichen." Doch es waren nicht Luchsingers Nachfolger, die beim "Blick" das Wort Krieg im Zusammenhang mit den Krawallen im Letzigrund nannten, sondern die Kollegen an der Werdstrasse. Statt einem klaren Aufmacher zur Zäsur im Schweizer Fussball, nahm beim "Blick" der Unfall eines 19-Jährigen auf dem Weg in den Schleuderkurs mehr Platz ein ("Tod am Pfeiler"). Zwar wurden drei Sonderseiten angepriesen, doch die Blattmacher bedienten sich wenig einfallsreich einer Plattitüde: "Die Schande von Zürich!". Immer hin mit Ausrufezeichen, hätte Luchsinger wohl bemerkt. Auch beim "Tages-Anzeiger" gab’s auf der Front die "Schande vom Letzigrund", doch auf Seite 2 wurde der "Blick" im Terminus überholt. "Bilder, die schockierten und an Krieg erinnerten (...)", schrieb TA-Sport-Redaktor Thomas Schifferle in einem Kommentar.  Das Gewitter folgte auf Twitter: "Ich störe mich an der Kriegs- und Moralrhetorik", schrieb der Schweizer Vertreter eines gepflegten Deutschen Wochenblattes (@MatthiasDaum). "Kriminell stimmt, Krieg nicht", meinte der Chefredaktor eines Medienmagazins. (@Nick_Lüthi). "Ich empfehle, sich nicht vom Sitzplatz aus zu empören, sondern etwas näher hinzugehen", so der Kollege von der "Woz" (@chanimann). Ich hatte die Diskussion mit angestossen und mir erlaubt, Schifferles Wortwahl zwar als überzeichnet, aber als im Grundsatz richtig zu verteidigen. Diese Typen spielen nun mal Krieg. Das weiss jeder, der bei Hochrisikospielen im und ums Stadion schon ähnliche Situationen erlebt hat. Darum ist zu benennen, was ist: -         Sie sind gefährlich -         Sie sind kriminell -         Sie gehören abgeurteilt -         Sie gehören aus allen Stadien ausgesperrt Es ist müssig, darüber zu diskutieren, ob es eine "Schande", "Krawall" oder gar "Krieg" ist. Letzteres ist laut Duden eine „grössere militärische Auseinandersetzung, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt". Zumindest erstreckt sich die Auseinandersetzung mit diesen Hitz- und Hohlköpfen – sei es in der Süd- oder Muttenzerkurve und bei welchem Verein auch immer – leider schon über einen längeren Zeitraum. Und dass Pryo-Material oder das versteckt mitgeführte Messer tödlich sein können,  ist genau so klar. Ebenso, dass wahlkampfdümmliche Forderungen nach einem Armee-Einsatz absurd sind. Es war ganz gut, dass ein Sport-Journalist sich erlaubt hat, den Begriff Krieg sozusagen ins Feld zu führen. Dahinter mag eine Überforderung stehen, einzuordnen, was man als Reporter zu sehen bekommt. Vielleicht auch kein Zufall, dass ein Berufszweig betroffen ist, in dem mitunter (vor)schnell mit martialischen Begriffen jongliert wird ("Abwehrschlacht", "Bomber", "Tödlicher Pass", "schiesst aus vollem Rohr"). Während die Schuldzuweisungen zwischen Klubs, Sicherheitsdiensten und Stadtregierung die nächsten Tage dominieren werden, sollten wir Journalisten uns nicht mit semantischen Debatten aufhalten, sondern die Fakten und die Verhinderer benennen: Wer blockiert das nötige Geld für weitere Massnahmen? Warum happert es mit gesetzlichen Möglichkeiten? Wo wurden anderswo kluge Ansätze umgesetzt? Dafür braucht es mitunter harte Worte. Ob mit oder ohne Ausrufezeichen.