Der Abstimmungskampf um die Billag-Gebühren wird immer mehr zum handfesten Beweis für die Existenz der Chaostheorie: Aus einem behördlichen Schmetterlingsschlag ist ein Hurrikan geworden, der am Ende sogar die Festung SRG wegzublasen droht. Das fachkundige Publikum steht staunend daneben und reibt sich verwundert die Augen: Wie konnte das geschehen? Wieviel Unbehagen hat sich in den vergangenen Jahren gegenüber der SRG aufgestaut, von welchem diese, als Gralshüterin der schweizerischen Identität, nicht einmal etwas ahnte? Zu "verdanken" ist dies dem Gewerbeverband und ihrem Direktor, FDP-Nationalratskandidat Hans-Ulrich Bigler, der mit seiner aggressiven Kampagne den "Tiger aus dem Leutschenbach" solange zeukelte, bis dieser zubiss. Dass dieser aber in diesem Abstimmungskampf "zahnlos" zu sein hat, wusste Bigler aber schon vorher und spielte dies jetzt auch geschickt aus.
Die Diskussion, um die zukünftige Rolle der SRG ist eminent wichtig. Gerade in Zeiten, in denen die digitale Revolution das ganze Mediensystem in Frage stellt. Für mich gibt es auch keinen "falschen" oder "richtigen" Zeitpunkt, um eine solche Diskussion zu führen. Demokratie ist oftmals nicht planbar – und das ist auch gut so. Es ist auch kein Sakrileg, wenn man ein gebührenfinanziertes Unternehmen wie die SRG hinterfrägt. Das war vor 36 Jahren auf dem Pizzo Groppera der Fall und gilt auch noch heute. Übrigens: Der SRG haben solche Diskussionen bis jetzt nie geschadet. Im Gegenteil: Sie haben sie grösser – und auch professioneller gemacht. So professionell, dass eine landesweite private TV-Konkurrenz bis jetzt praktisch chancenlos blieb.
Mit der aktuellen "Gewerbezeitung" hat Hans-Ulrich Bigler den Bogen aber überspannt. Roger de Weck zum "Dieb" am Volksvermögen zu erklären, ist unappetitlich und auch unfair. Die Vorlage wurde schon vor dessen Amtsantritt lanciert – und zwar auch nicht von der SRG, sondern vom Bundesrat. Es geht bei der Abstimmung schliesslich auch nicht um de Wecks Lohn. Mit dieser aggressiven Polemik schadet Bigler sich und seinem Anliegen. Man kann den Bogen überspannen – und dies ist möglicherweise jetzt passiert. Mit dem Resultat, dass sich alle SRG-Kritiker automatisch als weltfremde "Sektierer" fühlen müssen, die sich vor den Karren eines blindwütigen Gewerbeverbandpräsidenten spannen lassen.
Und eine zweite Erkenntnis, die fast schon tröstlich ist: Selbst ein solch professioneller Lobbyismus, wie ihn die SRG betreibt, trägt nicht immer Früchte. Sonst wäre es gar nie zu einer solchen Debatte gekommen.



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: Der überspannte Bogen