«90 Prozent der PR-Agenturen setzen KI ein»

Kaufleuten – persönlich - Am 8. Juli findet im Zürcher Kaufleuten die grosse KI-Veranstaltung zum 25-jährigen Jubiläum von persoenlich.com statt. Neben den Expertinnen Tanja Herrmann, den Verlagsleiterinnen Jessica Peppel-Schulz und Ladina Heimgartner referiert auch der deutsche KI-Experte Holger Hagenlocher.

von Matthias Ackeret

Herr Hagenlocher, gibt es schon Zahlen, wie KI die Kommunikations- und Marketingbranche verändert hat?
Die künstliche Intelligenz (KI) hat die Kommunikations- und Marketingbranche in kürzester Zeit grundlegend verändert. Studien zeigen, dass bereits heute bis zu 70 Prozent der alltäglichen Marketingaufgaben automatisierbar sind oder zeitnah automatisiert werden sollen – darunter Texterstellung, Kampagnenoptimierung und Datenanalyse. Der weltweite Markt für KI im Marketingbereich wächst rasant: Bis 2027 soll er ein Volumen von über 400 Milliarden US-Dollar erreichen.

Wie sieht es in der Schweiz aus?
Auch in der Schweiz schreitet die Entwicklung mit hohem Tempo voran. Das Land führt den CommTech Index 2024/25 an und gilt als Vorreiter bei der Digitalisierung von Kommunikation. Besonders bemerkenswert: Während in Deutschland rund 30 Prozent der Kommunikationsabteilungen KI für strategische Aufgaben nutzen, sind es in der Schweiz bereits 49 Prozent – ein deutliches Zeichen für die hohe technologische Reife und Offenheit in der Branche. Im PR-Bereich setzen sogar fast 90 Prozent der Schweizer PR-Agenturen KI für Textproduktion, Recherche oder Briefingerstellung ein.

«Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen der KI in fünf zentralen Bereichen»

In welchen Bereichen zeigt sich dies besonders deutlich?
Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen der KI in fünf zentralen Bereichen: Erstens in der automatisierten Content-Erstellung – Texte, Bilder, Videos oder sogar Podcasts lassen sich heute in Minuten generieren. Zweitens bei der Personalisierung: Bei der sogenannten Hyperpersonalisierung mithilfe von KI lassen sich Inhalte in Echtzeit an das Nutzerverhalten anpassen, was zu höheren Konversionsraten führt. Drittens in der Kundenkommunikation – etwa durch Chatbots, die rund um die Uhr Kundenanfragen beantworten. Viertens im Performance-Marketing, wo KI Budgets bereits heute autonom verteilt und Kampagnen in Echtzeit optimiert. Und fünftens im Social Listening und Media Monitoring: Hier analysiert KI riesige Datenmengen aus sozialen Medien und erkennt Trends – lange bevor sie menschlichen Analysten auffallen.

Welche Trends dominieren momentan bei der künstlichen Intelligenz?
Der aktuell noch unangefochtene Spitzenreiter unter den KI-Trends in der Kommunikationsbranche ist die generative KI. Tools wie ChatGPT (Text), Dall-E oder Midjourney (Bild) oder Runway (Video) prägen bereits heute viele Kommunikationsprozesse. Sogenannte KI-Agenten, die ganze Prozesse selbstständig übernehmen, sind auf dem Vormarsch und steuern zukünftig Prozesse – dies macht es notwendig, Geschäftsmodelle von Agenturen zu transformieren. Ein weiterer Trend ist die Forderung nach erklärbarer, transparenter und ethisch vertretbarer KI. Dabei fliessen verstärkt regulatorische und ethische Überlegungen ein. Unternehmen orientieren sich nicht mehr nur an klassischen Kommunikationskennzahlen wie Reichweite oder Veröffentlichungen, sondern rücken Reputation und Vertrauen in den Fokus.

Wie sehen Sie die Zukunft: Inwiefern wird KI unser Leben in den nächsten fünf Jahren verändern?
Klar ist: Die Kommunikationsbranche steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Viele repetitive Aufgaben werden durch KI übernommen, was zwar bestimmte Berufsbilder infrage stellt, zugleich aber auch neue Rollen schafft – etwa im Bereich Prompt Engineering, KI-Strategie oder Governance. KI wird Kommunikationsprozesse automatisieren und individualisieren (Stichwort: Hyperpersonalisierung) – sei es in der Medienarbeit, im digitalen Marketing oder im Kundendialog. Zu erwarten ist auch eine stärkere Integration von KI in Bildung, Verwaltung und KMU-Prozessen – flankiert von regulatorischen Massnahmen, die Transparenz und Datenschutz gewährleisten sollen. KI steigert Effektivität und Produktivität. Unternehmen, die KI strategisch verankern, werden sich langfristig Wettbewerbsvorteile sichern. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Kundschaft: Individuelle Ansprache, Relevanz und ständige Erreichbarkeit werden zum Standard. Spannend wird es für Unternehmen der Kommunikationsbranche dann, wenn wir über die nächsten fünf Jahre hinausdenken. Sobald Multiagenten-Systeme, die als autonome Akteure die Kommunikation zwischen Anbieter und B2B-Partnern oder B2C-Kunden übernehmen, miteinander kommunizieren, Bedarfe artikulieren, Content hyperpersonalisiert erstellen und das Geschäft abwickeln, werden bestehende Geschäftsmodelle zunehmend obsolet. Die Disruption bestimmter Geschäftsmodelle wird einsetzen, wodurch die Transformation zu neuen Angeboten und Businessmodellen unausweichlich wird.

«Vom Abbau betroffen sind besonders einfache, repetitive Tätigkeiten»

Wie viele Jobs gehen dadurch verloren?
Prognosen gibt es viele. Oft widersprechen sie sich fundamental. Wie bei jedem Strukturwandel nach Einführung von disruptiver Technologie wird es Gewinner und Verlierer geben. Laut Weltwirtschaftsforum werden zwischen 2025 und 2030 zwar rund 92 Millionen Stellen weltweit wegfallen, gleichzeitig entstehen jedoch etwa 170 Millionen neue Jobs – vor allem in technologiegetriebenen Bereichen. Vom Abbau betroffen sind besonders einfache, repetitive Tätigkeiten, etwa in der Content-Produktion. Spannender wird allerdings sein, wie Unternehmen der Kommunikationsbranche ihre Geschäftsmodelle anpassen und transformieren. Letztlich hängen genau davon viele Arbeitsplätze ab. In der Schweiz fürchten zwar knapp 50 Prozent der Erwerbstätigen einen möglichen Arbeitsplatzverlust durch KI, doch bisher ist kein flächendeckender Abbau zu beobachten. Vielmehr verschieben sich Aufgabenprofile – weg von Routine, hin zu kreativen, strategischen und datengestützten Tätigkeiten. Wie schon in der bisherigen digitalen Transformation wird Weiterbildung damit zum Schlüssel für die Zukunft. Besonders gefragt sind künftig Kompetenzen in Innovationsmanagement, Datenanalyse, KI-Governance und technikgestützter Kommunikation.

Welches sind für Sie momentan die führenden Tools?
Es kommen aktuell fast täglich neue Tools auf den Markt, die das Zeug haben, als «revolutionär» zu gelten. Die Geschwindigkeit der Weiterentwicklung, insbesondere im Bereich der generativen KI, ist schwindelerregend. Noch haben die bekannten Namen wie ChatGPT oder Midjourney die Nase vorn. Adobe hat jetzt mit Firefly mit hohem Tempo zur Aufholjagd geblasen, nachdem das Unternehmen offensichtlich vom KI-Wettbewerb überrascht wurde. Veo 3 von Google/DeepMind scheint momentan der Goldstandard bei der Videogenerierung zu sein, liefert sich aber mit Sora von OpenAI ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Gibt es auch andere Optionen?
Kommunikationsprofis setzen zunehmend auch auf lokale Lösungen, nicht zuletzt, um die digitale Souveränität zu sichern. So zum Beispiel DeepL für alle Formen von Übersetzungen und Lokalisierungen bei internationalen Roll-outs. Oder «nexoya» für KI-basierte Marketinganalysen, «aiaibot» für Chatbot-Implementierung, «Blinq» im Bereich der PR sowie «Neuroflash» für die Erstellung hochwertiger Marketingtexte.



Am Dienstag, 8. Juli, veranstaltet das Kaufleuten mit persönlich einen grossen Medienanlass mit Partyausklang, an welchem neben den KI-Expertinnen und Experten Tanja Herrmann und Holger Hagenloch auch die Verlagschefin Jessica Peppel-Schulz und Ladina Heimgartner teilnehmen. Eintritt: 40 Franken, mit Nachtessen: 80 Franken. Anmeldung hier.