Frau Müller, soeben wurde das Zurich AI Festival durchgeführt. Wie war die Resonanz?
Die Resonanz war stark: Viele Veranstaltungen waren ausgebucht oder überbucht. Das galt nicht nur für grosse Formate, sondern auch für fachlich sehr spezifische Angebote – etwa «AI in Cybersecurity, Cybersecurity in AI» mit finnischen Experten wie Kimmo Halunen von der University of Oulu, Mikko Kenttälä von SensorFu oder Aki Helin von Semantti. Auch die Public Night, die sich an die breite Bevölkerung richtete, war erfreulicherweise ausverkauft: Dort konnten Besucherinnen und Besucher KI-Anwendungen ausprobieren, Forschende treffen und die Finalisten der KI-Challenge erleben.
Rund die Hälfte der 7000 Besucherinnen und Besucher kam aus dem Ausland. Wie profitiert der Wirtschaftsstandort davon?
Viele dieser Besucherinnen und Besucher sind für uns keine Unbekannten. Zu ihnen bestehen bereits lose oder institutionalisierte Verbindungen – etwa über das Choose Europe Collective, dessen Mitglieder sich während des Festivals mit dem regionalen Tech-Ökosystem vernetzen, über Wirtschaftsdelegationen mit konkretem Interesse an Robotics und Deep Tech oder durch Multiplikatoren wie internationale Handelskammern. Zugleich ist das Festival ein Schaufenster: Gäste sehen nicht nur eine Präsentation über den Standort, sondern besuchen Orte wie den ETH Hangar im Innovationspark Zürich in Dübendorf, Balgrist OR-X, das Competence Centre for Sustainability Robotics oder das ETH AI Center. Genau dort entsteht Verständnis dafür, weshalb hier Spitzenforschung und Industrie so eng zusammenkommen. Gute Rankings allein bringen keine Ansiedlung.
Warum?
Der Standortwettbewerb nimmt zu, international wie innerhalb der Schweiz. Und es ist erst der Anfang: Das Zurich AI Festival soll grösser, internationaler und relevanter werden und die global führende AI-Community nach Zürich bringen. Die lokalen Akteure sollen von diesem Austausch und dieser Vernetzung direkt profitieren.
«Wir begleiten laufend internationale Unternehmen und Ansiedlungsprojekte»
Gibt es Interesse weiterer Techkonzerne, sich in der Greater Zurich Area anzusiedeln?
Ja. Wir begleiten laufend internationale Unternehmen und Ansiedlungsprojekte. Über einzelne Fälle sprechen wir erst, wenn die Unternehmen selbst dazu bereit sind – Vertraulichkeit ist Teil des Vertrauens. Pinterest ist ein gutes Beispiel dafür, was wir mit Ansiedlungen erreichen wollen: Ein globales Unternehmen baut hier technologische Kompetenz auf – in unmittelbarer Nähe zu Forschung und Talenten und gleichzeitig nahe an einem wichtigen europäischen Markt. Am Festival haben Chuck Rosenberg, Matthias Zenger und Mirjam Wattenhofer genau diese Verbindung aus KI, Produktentwicklung und Inclusive AI an einem öffentlichen Frühstück diskutiert.
Google, Disney Research, Meta oder ETH-Spin-offs sind bereits hier. Welche Auswirkungen hat dies auf den Arbeitsmarkt?
Es entsteht ein Ökosystem, das sich selbst verstärkt. Talente wechseln zwischen Hochschulen, Konzernen und Start-ups, gründen Unternehmen und ziehen weitere Fachkräfte und Investitionen an. Ehemalige Mitarbeitende von Google Switzerland haben beispielsweise rund 210 Unternehmen mit etwa 2600 Arbeitsplätzen gegründet. Am Festival sieht man diesen Kreislauf sehr konkret: Am DARE Campus standen mit Sudo AI, Tethys Robotics, Twoleg oder WeRide nicht PowerPoint-Folien im Vordergrund, sondern funktionierende Systeme – humanoide Roboter, Cobots und autonome Fahrzeuge.
Welche Entwicklung hat Sie am diesjährigen Festival am meisten überrascht?
Überrascht hat mich weniger eine einzelne Technologie. Bewusst wichtig war uns, neben der Standortpromotion Raum für Kritik und Reflexion zu schaffen. In Winterthur etwa ging es bei «AI Meets Reality» nicht nur darum, was autonome Systeme bereits können. Mit Davide Scaramuzza, Yulia Sandamirskaya und weiteren Fachleuten wurde auch diskutiert, wie sicher und vertrauenswürdig Physical AI sein muss, bevor sie in der realen Welt eingesetzt wird. Am AI Policy Summit ging es parallel um Accountability, menschliche Kontrolle und die Regulierung agentischer Systeme. Ein glaubwürdiges Innovationsökosystem muss zeigen, was möglich ist – und diskutieren, was sinnvoll und verantwortbar ist. Diese Reife ist Teil unserer Standortqualität.
Ganz banal gefragt: Macht sich der Mensch durch diese Entwicklungen nicht selbst überflüssig?
Nein, ich denke nicht. Diese Frage wurde übrigens im Format «Arbeitsmarkt im Wandel» konkret diskutiert. Der Tenor war weniger «Mensch gegen Maschine» als die Frage, welche Kompetenzen künftig entscheidend sind. KI verändert Tätigkeiten und Berufsbilder – gleichzeitig werden Urteilsvermögen, Anpassungsfähigkeit und kontinuierliches Lernen wichtiger. Für mich persönlich liegt darin auch eine Haltung: KI sollte Menschen befähigen, nicht einfach ersetzen. Die Verantwortung bleibt beim Menschen.
Die Zürcher Stadtregierung hat grosse finanzielle Schwierigkeiten angekündigt. Wie wirkt sich dies auf die Standortförderung aus?
Die Finanzpolitik der Stadt Zürich möchte ich nicht beurteilen. Für uns ist entscheidend, dass internationale Unternehmen verlässliche Rahmenbedingungen vorfinden. Stabilität ist im Standortwettbewerb ein zentraler Faktor – und eine der traditionellen Stärken der Schweiz.
Zwei grosse Banken haben in den letzten Wochen Zürich verlassen. Wo liegt das Problem?
Einzelne Unternehmensentscheide ergeben noch keine Standortdiagnose. Sie zeigen aber, wie konkret Standortwettbewerb auch innerhalb der Schweiz funktioniert. Unternehmen vergleichen Kosten, Talente, Erreichbarkeit, Flächen und steuerliche Rahmenbedingungen sehr genau.
Wie wird KI die Standortförderung langfristig verändern?
KI verändert die Informationsphase bereits heute. Standortvergleiche werden schneller, datenbasierter und leichter zugänglich. Dadurch wird reine Information austauschbarer. Mehrwert entsteht dort, wo jemand strategische Netzwerke aufbauen und End-to-End-Verbindungen schaffen kann – vom ersten Interesse über den Zugang zu Forschung, Talenten, Unternehmen und Behörden bis zur konkreten Ansiedlung. Genau deshalb werden persönliche Beziehungen, Empfehlungen und Vertrauen wichtiger, nicht weniger. Wer Informationen liefert, ist ersetzbar. Wer die richtigen Menschen über Länder und Kontinente hinweg miteinander verbindet, schafft Mehrwert.
Wer steht eigentlich hinter dem Festival?
Die Greater Zurich Area ist gemeinsam mit dem ETH AI Center, der Stadt Zürich, dem Kanton Zürich und Zürich Tourismus Presenting Partner. Wir bündeln Kompetenzen und Interessen. Inhaltlich fliessen Stärken aus dem gesamten Wirtschaftsstandort ein – akademisch etwa von ETH, UZH, ZHAW, SUPSI/USI, HSLU und weiteren Institutionen. Genau dieses Zusammenspiel ist die Stärke des Festivals.
Weitere Impressionen vom Zurich AI Festival 2026 finden Sie hier.