Die Chefin des Online-Lexikons tritt zurück

Wikipedia - Die 45-jährige Sue Gardner sieht das offene Internet gefährdet. Offenbar plant das FBI einen Lauschangriff.

Vielleicht zehn Websites gibt es, die jeder kennt: Google zählt sicher dazu, Facebook auch – und Wikipedia. Die Online-Enzyklopädie verzeichnet zwölf Jahre nach dem Launch mehr Nutzer als die Internetseiten von Amazon, Ebay und Apple. Das Aushängeschild des Wissensportals ist Jimmy Wales, der das Projekt 2001 auf die Beine gestellt hat. Wales macht ferner Werbung für den Schweizer Uhrenhersteller Maurice Lacroix, engagiert sich für die Einhaltung der Menschenrechte und berät die britische Regierung.

Was kaum jemand weiss: Die Wikimedia-Stiftung, welche für diverse Wiki-Projekte verantwortlich ist, befindet sich seit sechs Jahren in weiblicher Hand. Chefin ist die 45-jährige Sue Gardner. Sie hat am 27. März bekannt gegeben, die Nonprofitorganisation zu verlassen. Für Wikimedia respektive Wikipedia ist das ein herber Verlust, wie Tagesanzeiger.ch/Newsnet schreibt.

"Zwei völlig unterschiedliche Organisationen"

Denn während ihrer Amtszeit hat die Kanadierin die Wiki-Galaxy auf Vordermann gebracht – sowohl was die finanziellen als auch was die personellen Ressourcen betrifft. Der Einfluss der ehemaligen Journalistin auf das Internetlexikon ist für das "Forbes Magazine" so gross, dass es Wikipedia vor und nach dem Amtsantritt Gardners als "zwei völlig unterschiedliche Organisationen" beschreibt.

Warum die Kanadierin der Foundation jetzt den Rücken kehrt, ist nicht bekannt. In der "New York Times" wird sie mit den Worten zitiert, sie wolle sich künftig stärker für ein freies und offenes Internet einsetzen und zu diesem Zweck eine Nonprofitorganisation gründen oder ein Buch schreiben. Wikipedia brauche sie nicht mehr: "Es ist ein Gigant, den die Leute lieben."

Widerstand gegen Sopa hat sich vorerst ausbezahlt

Konkret wolle sie sich auf das Lobbying gegen Sopa- und Pipa-ähnliche Projekte fokussieren. Der Widerstand gegen Sopa und Pipa habe sie zum Reflektieren gebracht, welche Form das Internet annehme und in welche Rolle sie schlüpfen könne, so Gardner gegenüber der "New York Times".

Der Stop Online Piracy Act des US-Repräsentantenhauses und der Protect Intellectual Property Act sind in den Augen Gardners und ihres Mentors Jimmy Wales nichts anderes als Mittel zur Zensur unliebsamer Websites. Wales liess vor einem Jahr in einer viel beachteten Protestaktion die englischsprachige Wikipedia-Seite abschalten. Der weltweite Widerstand dagegen hat dazu geführt, dass die Gesetze auf Eis gelegt wurden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)