Herr Klassen, was muss man beachten, wenn man digitales Fernsehen machen will?
Ganz simpel: Man muss gut sein. Die Qualität muss über allem stehen. Digital verführt zu "mal eben schnell" - und das ist nicht gut. Ein sauberes Bild und sauberer Ton sind unabdinglich. Ausserdem muss man Leute einsetzen, die Spass an der Sache haben. Das müssen aber gar nicht unbedingt Profis sein. Am Besten funktionieren unsere Beiträge, wenn sie direkt von den jeweiligen Experten, unseren Redakteuren, moderiert werden. Das wirkt authentisch.
Das reicht? Auch wenn die überhaupt nicht telegen sind?
Nein, natürlich muss auch das Drumherum stimmen. Man muss diese Leute vorher coachen und sie an die Situation gewöhnen. Ausserdem muss man ihnen einen guten Kameramann zur Seite stellen. Aber die Zeit, die wir da investiert haben, zahlt sich aus: Mittlerweile haben wir rund zehn Kollegen aus den Print- und Online-Redaktionen, die bei uns im Studio vor der Kamera stehen. Von VJs halte ich nichts. Und ich halte auch nichts davon, dass man mal eben einer Praktikantin eine Kamera in die Hand drückt und sie zu Bryan Adams schickt. Das ist schlicht unseriös und für eine angesehene journalistische Marke wie den "Stern" einfach zu wenig.
Sprich: Man muss erstmal investieren.
Logisch. Wer Bewegtbild anbieten will, muss Geld und Zeit investieren. Natürlich könnte man heute auch mit dem iPhone 4 filmen. Wenn man Drumherum ein bisschen was bastelt und mit einem Stativ arbeitet, kriegt man auch damit ein ordentliches Bild hin. Das machen wir aber nicht. Wir arbeiten mit guten digitalen Kameras und mit professionellen Kameraleuten. Nur so kriegt man die Akzeptanz.
Was ist wichtiger: Authentizität oder ein richtiger Fernseh-Look?
Es ist nicht so wichtig, dass es aussieht wie im Fernsehen. Es muss nicht die allerletzte Ecke perfekt ausgeleuchtet sein. Das nicht. Aber das Bild muss fernseh-kompatibel sein. Alles, was wir produzieren, schau ich mir bei der Abnahme in HD-Auflösung auf einem grossen Screen an. Diesen Anspruch muss man haben. Anders gehts nicht. Aber gerade im Netz ist das Vertrauen in diejenigen, die da gerade agieren, viel wichtiger. Das ist eine andere Nutzungssituation. Wenn einem im Web jemand etwas über Smartphones erzählt, dann muss das jemand sein, der sich wirklich damit auskennt. Kein Moderator, der eine Stunde vorher zehn Sätze zu dem Thema auswendig gelernt hat.
Noch immer bieten viele Newswebsites bestimmte Inhalte parallel an. Hier ein Film, daneben ein Text, der den Inhalt des Films zusammenfasst. Wie handelt man Inhalte auf dem Netz korrekt ab?
Parallelangebote sind totaler Quatsch. Aber es gibt sie immer noch zuhauf. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich heutzutage fast immer innert nützlicher Frist ein paar Bilder auftreiben lassen. Wir haben über die Nachrichtenagentur DAPD zum Beispiel eine Kooperation mit CNN. Die liefern superschnell von überall her Bewegtbildmaterial. Wieso sollte ich dann noch einen Redakteur damit beauftragen in drei Absätzen all das zusammenzufassen, was der Beitrag zeigt? Das Wichtige ist doch, dass die Geschichte bei uns auf der Seite stattfindet. Und da zählt nach wie vor - wie überall im Netz - Geschwindigkeit und Emotionalität. Wenn mir der Film das liefert, dann gibt es für mich keinen Grund zusätzliche Manpower darauf zu verwenden.

Sprich: Bewegtbild gewinnt?
Na ja, natürlich muss man dann im Verlauf einer Geschichte schauen: Wann ist der Film in seiner Informationsdichte überholt? Und dann kann man abwägen: Wollen wir das Thema nicht später mit einer Fotostrecke oder einem Text ergänzen? Das muss man halt flexibel machen. Beim "Stern" wird glücklicherweise alles gleichwertig behandelt. Wir sitzen überall mit am Tisch, sind voll eingebunden. Es gibt nichts Schlimmeres als Newssites, die immer noch einen Menüpunkt "Video" haben - und das der einzige Platz ist, in dem Bewegtbildcontent angeboten wird. Viele Verleger kriegen den Sprung zum Fernsehen machen im Kopf noch nicht hin. Darum wird das Ganze stiefmütterlich behandelt. Und am Ende wundern sich dann alle, wenn die Zahlen nicht stimmen.
Heisst das, dass die Texte im Netz verdrängt werden?
Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube aber, dass die Art und Weise, in welcher Nachrichten angeboten werden, sich noch mal ziemlich tiefgreifend ändern wird. Auch die Texte werden sich noch mal verändern. Die Tendenz zu reinen News, in viel schnelleren, kleineren Häppchen wird weiter zunehmen. Wir diskutieren beim "Stern" gerade darüber, ob wir nicht Mobile komplett andere Textstrukturen haben müssen. Wenn man ehrlich ist, liest man doch auf einem iPhone nicht mehr als zwei, höchsten drei Absätze.
Aber trotzdem: Text, Bild und Bewegtbild werden sich auch in Zukunft ergänzen. Wir werden spätestens in fünf Jahren Websites haben, bei denen die Navigation und Darstellung noch mal ganz anders aussieht. Eine Entwicklung, die das iPad mit seiner Bedienung vorantreibt. Wenn wir heute den Auftrag bekämen, eine journalistische Marke neu zu erfinden, dann würden wir doch schon von Anfang an multi- und interdisziplinär denken. Strukturen, Redaktion, Logistik wir würden doch alles integriert sehen.
Was wäre denn etwas in der täglichen Arbeit wo Sie sagen: "Nee, das muss wirklich geschrieben werden, das ist mit einem Film unzureichend erzählt"?
(Überlegt lange) Das ist wirklich schwierig. Aber zum Beispiel die Leistung eines Reporters, der wochenlang einem Skandal auf der Schliche ist. Die ist kaum in bewegten Bildern wiederzugeben. Aber ich will ehrlich sein: Es gibt für mich auf dem Netz nicht viel, was man nicht besser in bewegten Bildern erzählen könnte. Und das sage ich, obwohl auch ich ursprünglich der schreibenden Zunft entstamme. Grundsätzlich muss man sich für jede Geschichte genau überlegen, wer wann was macht. Das Redaktionsmanagement wird die Herausforderung der Zukunft sein.
Wo stehen wir denn jetzt, Ende 2011?
Man muss sagen, dass die Redaktionen trotz allem relativ schnell lernen. Das Thema Digital TV ist ja erst vor fünf Jahren richtig aktuell geworden. Wenn ich jetzt sehe, wie unsere Praktikanten arbeiten, die in einer Journalistenschule eine multimediale Ausbildung bekommen haben, dann sind wir heute schon an einem ganz anderen Punkt. Die kennen keine Berührungsängste mehr. Für die ist Fernsehen nicht dieser Götze, der da steht und den man bedienen muss. Die denken vernetzt, und das ist super so. Der Fernsehkuchen wird sich weiter aufteilen, und wer profitabel Fernsehen machen will, der muss seine Nische finden.
Der "Stern" stand schon immer für eine bunte Themenvielfalt: Topseriöse Fotoreportage aus einem Kriegsgebiet, dann eine Promigeschichte. Alles in einem Gefäss.
Ja. Der Stern ist eigentlich auch die perfekte Fernsehmarke, weil man ihm in der Themenvielfalt alles abnimmt, die harte politische Recherche, den Skandal, genauso wie die Vorstellung der Bademode für nächstes Jahr. Alles mit einem gewissen Stern-Touch, emotional und persönlicher. Die Markenbekanntheit im TV-Bereich liegt in Deutschland bei 98 Prozent. Auch wenn immer alle denken, der Chefredakteur vom "Stern" heisse Günter Jauch. Ich bin jetzt seit einem Jahr daran vorzubereiten, wie der "Stern" selber auf die Fernseher geht. Dafür hab ich mit ganz vielen Leuten geredet. Kein Mensch hat mich gefragt: Was habt Ihr denn im Fernsehen verloren?
Sie haben vorletzte Woche am TV 2.0 Summit in Zürich erzählt, dass einer ihrer erfolgreichsten Inhalte ein Film übers Zwiebeln schneiden ist. Wie prickelnd ist das für einen gestandenen Journalisten?
(Lacht) Diese Frage wird mir öfters gestellt. Ich sag ihnen mal was: Wenn mir das Zwiebel schneiden mein Geschäft absichert und dafür sorgt, dass ich auch mal einen Film über ein Thema produzieren kann, das vielleicht nicht 50'000, sondern vielleicht nur 3000 Zuschauer pro Tag hat, dann beklage ich mich sicher nicht. Da danke ich der Zwiebel dafür, dass sie mir den Rücken freihält. Der "Stern" ist so ein Medium. Der hat schon immer auch die Kochecke gehabt. Ausserdem war das auch ein Beispiel, das den kleineren Verlegern zeigen sollte: Ihr könnt auch im Special-Interest-Bereich interessanten Bewegtbild-Content produzieren. Und sei es halt: "Wie pflüge ich meinen Acker richtig?" Oder: "Wie steche ich ein Gemüsebeet um?"
Sie haben in Ihrem Referat mehrfach die Konkurrenz gelobt, vor allem die Webinhalte von Bild.de. Ist das Teil Ihres Erfolgs dieses Mit- statt Gegeneinander?
Ich finde, dass man besondere Leistungen hervorheben sollte. Und in meinem Bereich macht "Bild" hervorragende Arbeit. Die Gruppe, die ernstzunehmendes digitales Fernsehen in Deutschland macht, ist sowieso relativ klein. Man kennt sich und tauscht sich aus. Und "Bild" hat ganz klar die Nase vorne. Die werden auf ihrem Portal im nächsten Jahr exklusiv Spiele der deutschen Bundesliga übertragen. Da werden sich noch einige die Augen reiben.
Die Rentabilität Ihrer Abteilung stellen Sie auch dadurch sicher, dass Sie Aufträge von Aussen annehmen. Die meisten dieser Auftraggeber stammen allerdings aus der "Stern"-Gruppe oder zumindest von Gruner & Jahr.
Ja, das stimmt. Erstens macht das einfach am meisten Sinn, zweitens ist das noch ein relativ frisches Betätigungsfeld. Ganz wichtig ist, dass es im Haus Gruner & Jahr ein Verständnis für den Bereich Fernsehen gibt. Deswegen bin ich, nach der Arbeit für stern.de, dann vorrangig Dienstleister im eigenen Verlagshaus.
Im Moment prahlen viele Printerzeugnisse mit "Augmented Reality" und preisen den Mehrwert. Was ist davon zu halten?
Das Ganze ist noch sehr am Anfang. Von der Verlässlichkeit und von der technischen Sauberkeit her ist da noch ein riesiges Steigerungspotenzial vorhanden. Momentan sind die Anwendungen auch noch von begrenzter Spannung. Das ist aber trotz allem ein super spannendes Thema. Wenn man es wirklich schafft Medienebenen miteinander zu verknüpfen und einen Mehrwert zu bieten, dann ist man einen guten Schritt in Richtung Zukunft vorangekommen. Gerade im digitalen Bereich muss auch nicht immer alles tausendprozentig perfekt sein, bevor man irgendwas auf die Schiene schickt. Das würde Innovation verhindern. Es ist für Verlagshäuser extrem wichtig sich Spielwiesen zu erhalten. In verschlossenen Räumen kann man kein beständiges Medienhaus betreiben.

Unterschiedliche Ansichten über die Zukunft des Fernsehens: RTL-Gründer Helmut Thoma, "Digital Native" Philipp Riederle (persoenlich.com berichtete) und Ralf Klassen (nicht im Bild) am TV 2.0 Summit 2011 in Zürich.
Experimentieren ist Pflicht?
In unserem Bereich auf jeden Fall. Wir haben zum Beispiel mal einen Versuch mit Mittagscomedy gemacht. Ein Format von 5-8 Minuten, betreut von unserem Humoristen bei stern.de. Ein Comedy-Format, in dem auf die aktuelle Newssituation eingegangen wird. Ist leider überhaupt nicht angekommen. Ich weiss nicht genau wieso. Vielleicht wäre die Zeit jetzt dafür reif. Aber das ist nur ein Beispiel. So haben wir 2007, 2008 etliche Dinge ausprobiert. Einiges davon ging in die Hose. Aber trotzdem: Es war wichtig. Wenn mir heute einer sagt: "Ich hab DIE Idee für dich, das wird garantiert einschlagen", dann wäre ich immer noch skeptisch. Ich hab schon die besten Ideen scheitern gesehen.
Wieso ist das im Vornherein so schwer zu beurteilen? TV-Koryphäe Helmut Thoma hat gesagt, der Zuschauer ändere sich nicht: Er will gute Geschichten vorgesetzt bekommen, und fertig.
Da hat Helmut Thoma aus meiner Sicht Unrecht: Der Zuschauer verändert sich schon. Und zwar dahingehend, dass er eine immer höhere Anspruchshaltung entwickelt. Er will die Geschichten heute anders erzählt bekommen als früher. Wenn sie sich heute einen "Tatort" aus den Siebzigern anschauen, Filme, die früher der Knaller waren dann merken sies: Heute dämmert man dabei weg. Die empfindet man heute als schrecklich langweilig. Das ist natürlich eine Herausforderung. Die Leute möchten einfach bei einem Angebot, dem sie vertrauen - zum Beispiel vom "Stern" - innerhalb von wenigen Augenblicken das finden, was sie suchen. Und zwar so aufbereitet, wie es auch in ihre Nutzungssituation passt. So ist das Geschäft ständig im Wandel.
Interview: Adrian Schräder


