Herr Nater*, welches ist zurzeit Ihr Lieblingspodcast?
«The Truth» vom Podcast-Netzwerk Radiotopia. Die Kurzgeschichten beeindrucken mich nicht nur inhaltlich, sondern auch wegen des aufwendigen Sounddesigns. Sie sind wirklich für die Ohren gemacht.
US-Podcasts wie dieser begeistern zahlreiche Hörerinnen und Hörer in der Schweiz. Wie viele Menschen hören hierzulande Podcasts? Gibt es verlässliche Zahlen dazu?
Nein, das gibt es noch nicht, und das ist ein grosses Problem für die Branche. Podcasts können über zahlreiche Anbieter gehört werden – die bekanntestens sind iTunes von Apple oder der Streamingdienst Spotify. Man könnte vielleicht die Downloads von allen Playern addieren, allerdings wäre das sehr unwissenschaftlich.
Dann kann man also nicht sagen, welches die erfolgreichsten Podcasts der Schweiz sind?
Die Zahl der Podcast-First-Angebote in der Schweiz ist noch sehr klein. Am bekanntesten sind wohl die Radiosendungen, welche SRF oder auch private Anbieter nach der Live-Ausstrahlung als Podcast zur Verfügung stellen. Wenn man diese dazu zählt, erreichen «Echo der Zeit» oder «Input» wohl die meisten Menschen.
Gerade haben sowohl NZZ als auch Zeit online Podcast-Formate lanciert. Wie beurteilen Sie diese Neulinge?
Es ist grossartig, dass Verlage nun Podcasts machen. Solche Investitionen bringen die Branche weiter voran. Ich finde beide gut gemacht, allerdings sind sie mir etwas zu redelastig.
Wie meinen Sie das?
In den meisten Podcasts unterhalten sich zwei oder mehrere Moderatoren miteinander. Dabei gibt es viel mehr Möglichkeiten, einen Podcast akustisch attraktiv zu machen.
Zum Beispiel?
Ich mag es, wenn sich Journalistinnen und Journalisten mit dem Mikrofon in eine fremde Situation werfen und mir damit neben den Gesprächen akustische Hintergrundinfos mitliefern, mich sozusagen sinnlich informieren. Das ist doch der grosse Mehrwert am Audio-Journalismus: dass man ohne riesigen Aufwand Realitäten jenseits vom eigenen Büro einfangen kann.
Was macht einen gut produzierten Podcast sonst noch aus?
Wenn es ein Podcast schafft, mich in eine andere Welt zu holen, ist er für mich gut. Ich finde es zudem immer schade, wenn ich merke, dass Moderatoren einen Text ablesen. In einem Podcast darf man ja auch aus einer persönlichen Sicht frei von der Leber weg reden.
Sie haben zuvor Podcast-First-Angebote sowie Radiosendungen, die danach als Podcasts zur Verfügung gestellt werden, angesprochen. Was unterscheidet die beiden in der Machart?
Wer einen Podcast produziert, muss sich dabei nicht an ein Senderaster halten. Es gibt also keine Zeitbeschränkung wie zum Beispiel «Input», der immer gleich lang dauert. Bei der Produktion macht dies einen grossen Unterschied. Zudem hört man linares Radio häufig beiläufig im Auto oder bei der Arbeit, während man sich als Podcast-Hörer bewusst Zeit nimmt. Darum kann sich der Macher erlauben, inhaltlich tiefer in ein Thema einzutauchen und Geschichten sorgfältiger zu erzählen.
Man muss wohl unterscheiden zwischen Information und spezifisch für das Medium Podcast produzierten Storytelling-Formaten. In den USA haben vor allem letztere, also Angebote wie «Serial» oder «S-Town», Podcasts gross gemacht. Vergleichbares fehlt in der Schweiz.
Wir organisieren das SonOhr Festival nun seit acht Jahren. Im letzten Jahr haben wir einen kräftigen Schub erlebt. Das Interesse an Podcasts ist enorm gestiegen. Und damit auch jenes potenzieller Produzenten. Zurzeit werden viele Ideen für Pilotsendungen an uns herangetragen. Und ich weiss von einigen spannenden Projekten, die in der Entstehung sind.
Allerdings ist es schwierig, damit Geld zu verdienen. Bleiben Podcasts auch deshalb ein Nischenprodukt?
Ich glaube Podcasts werden sich rasch aus der Nische herausbewegen. So hat zum Beispiel Spotify Talentscouts engagiert, die nach guten Podcasts Ausschau halten, um sie über ihr Abomodell zu vertreiben. Ein Ansporn für Produzenten, bessere Qualität zu liefern. Ich bin gespannt, ob dieser Trend auch die Schweiz mit ihrem kleinen Zielpublikum erreicht.
Wie gut lassen sich Podcasts von Privatradios oder von anderen Medien in der Schweiz vermarkten?
Das kann ich nicht beurteilen. Bisher wagen es ja noch wenige. Eine Schwierigkeit ist wohl der kleine Deutschschweizer Markt. Aber Privatradios beispielsweise hätten mit den Podcast im Unterschied zu ihrem linearen Programm kein geografisch begrenztes Einzugsgebiet mehr. Das eröffnet andere Werbemöglichkeiten, bedeutet aber sicher auch einen neuen Akquiseaufwand.
Häufig werden ganze Podcasts gesponsert, oder der Moderator empfielt seinen Hörern vor Sendungsbeginn ein bestimmtes Produkt. Vor allem letzteres ist heikel.
Das stimmt und es gibt auch viele Diskussionen über diese Form von Native Advertising. Im Fernsehen wäre es beispielsweise undenkbar, dass Franz Fischlin vor der «Tagesschau» einen Werbespot aufsagt. Allerdings stellt sich die Frage, ob alle Podcasts grundsätzlich journalistischen Grundregeln unterliegen. Es ist dieselbe Fragestellung wie bei Inhalten im Internet.
Für Wirbel sorgt zurzeit die Möglichkeit von gefälschten Audio-Files. Adobe hat im Herbst 2016 eine Art Photoshop für Audiodateien präsentiert. Wie muss man sich das genau vorstellen?
Das Programm Voco, das erst in Entwicklung ist, verspricht, die Stimmeigenschaften einer Person zu analysieren und ihr so erfundene Sätze in den Mund legen zu können.
Die Fake-News-Diskussion hat also auch die Audio-Branche erreicht.
So ist es, und das wird zurzeit heftig diskutiert. Bisher war ein Audiostatement ein klarer Beweis dafür, dass eine Person etwas wirklich gesagt hat. Das gerät nun ins Wanken. Allerdings ist das Fälschen einer Aussage auf Audio nicht so einfach. Für Voco zum Beispiel benötigt man eine 20- bis 30-minütige Stimmaufnahme einer Person. Nur so hat das Programm genügend Material, um eine Fake-Statements zu erstellen.
Und wie tritt die Branche dem entgegen?
Über einen vielversprechenden Ansatz sprechen wir am SonOhr Radio und Podcast Festival. Am Freitag diskutiere ich mit Patrick Aichroth vom Fraunhofer Institut für digitale Medientechnologie. Er forscht an der Erkennung von Bearbeitungsparametern in Audiodateien. So könnte man Audio-Fakes entlarven.
Also senden Radiojournalisten Statements durch ein System, welches die Echtheit bestätigt?
Das glaube ich nicht. Denkbar wäre meiner Ansicht nach eher eine Art investigatives Service Center, vielleicht sogar vom Bund gebührenfinanziert, bei welchem Redaktionen trügerisches Material analysieren lassen können.
*Pascal Nater ist Kabarettist, Journalist und Geschäftsleiter des SonOhr & Radio Podcast Festivals, das von einem Team von freien Berner Journalistinnen und Audioschaffenden kuratiert wird. Es findet vom 23. bis 25. Februar in Bern statt. Weitere Informationen finden Sie hier.