Polizei arbeitet mit Kommissar Twitter

Spanien - Einsatz des Online-Netzwerks im Kampf gegen das Verbrechen.

"Kommissar Twitter" im Kampf gegen das Verbrechen: Die spanische Polizei setzt das Online-Netzwerk Twitter gezielt für die Kriminalitätsbekämpfung ein. "Die spanische Polizei ist auf diesem Gebiet weltweit ein Vorreiter", sagt Carlos Fernández Guerra. Der 39-Jährige leitet in Madrid die Sondereinheit der Policía Nacional (CNP) für die Sozialen Netzwerke.
Verbreitet werden dort nicht die klassischen Mitteilungen aus dem Polizeibericht. Vielmehr sucht die Polizei den direkten Kontakt zur Bevölkerung. So lässt sie über Twitter nach flüchtigen Straftätern suchen und warnt die Spanier vor neuen Gaunertricks oder neuen Formen der Internet-Kriminalität.

Mehr als 540'000 Menschen verfolgen die Twitter-Nachrichten der Polizei. Damit lägen die Spanier bei Sicherheitskräften in aller Welt an zweiter Stelle, hinter der US-Bundespolizei FBI. Manche Kurzbotschaften der CNP werden mehr als 5000 mal weitergeleitet. "Da liegen wir sogar noch vor dem Weissen Haus in Washington", berichtet Fernández Guerra stolz.

Der grösste Erfolg der Nationalpolizei war die "Tweet-Razzia", benannt nach den "Tweets", wie die Kurzbeiträge im Twitter-Dienst heissen. Mit dieser Anfang 2012 gestarteten Sonderkampagne werden die Spanier aufgerufen, der Polizei Hinweise auf Rauschgifthändler oder Drogenumschlagplätze zu geben. Das Resultat: Die Fahnder erhielten 12'000 Hinweise und konnten 300 Verdächtige festnehmen.

Der Twitter-Dienst hilft den Beamten, Opfer von Sexualstraftätern ausfindig zu machen, die sich nicht zu einer Polizeidienststelle trauen. Nutzer des Dienstes geben den Ermittlern auch Hinweise auf Kinderpornos, die online verbreitet werden.

Neue Sprache
In Spanien musste die Polizei die trockene Sprache ihrer klassischen Berichte über den Haufen werfen. "Twitter ist sehr grausam", betont Fernández Guerra. "Entweder man weckt Interesse, oder man wird ignoriert. Die Beiträge müssen auffallen und plakativ sein, und sie müssen für die Bürger nützlich sein." Der 39-Jährige, ein ehemaliger Wirtschaftsjournalist und PR-Experte, krempelte den Sprachstil so sehr um, dass manche Internetnutzer anfangs glaubten, die Beiträge stammten gar nicht von der Polizei, sondern seien Fälschungen eines Witzbolds.

"Mittlerweile kommt es vor, dass Leute unsere Phrasen oder Witze abschreiben", sagt Fernández Guerra. Eine Warnung der Polizei, Fotos von Bekannten nicht im Internet zu verbreiten, liest sich etwa so: "Da hat sich jemand gestern voll die Kante gegeben und im Überschwang wenig vorteilhafte Fotos von sich aufnehmen lassen. Verbreite diese Bilder nicht in Sozialen Netzwerken!"

Auf eine Reportage in der "Bild am Sonntag" über Kriminalität und Prostitution auf Mallorca reagierte die spanische Polizei mit einem Twitter-Eintrag auf Deutsch: "Mallorca ist so wunderbar wie immer. Wir warten auf Sie!"

Die jüngste Errungenschaft ist die "Tweet-Streife". Am Weltfrauentag berichteten zwei Beamtinnen der CNP während ihres Streifendiensts über Twitter aktuell von ihren Erlebnissen. "Davon hätten die Leser noch mehr haben wollen", sagt Fernández Guerra. "Aber unsere Möglichkeiten sind beschränkt." (sda)