Shazam goes TV

Mobile-Werbung - Musikerkennungsdienst wird interaktive Verlängerung von Werbespots.

Es gibt sie bereits seit dreizehn Jahren: Shazam, eine der ersten Apps, die im Umlauf war, mag manch einem ein Begriff sein. Bekannt ist die App insbesondere als Identifikations-Dienst für Musik.

Den Anfang machte das britische Unternehmen 2002 jedoch nicht mit einer App, sondern mit einer Kurzwahlnummer, die gewählt werden konnte, um einen aufgenommenen Musiktitel abzufragen. Die Informationen zum gewünschten Titel waren in einer Datenbank abgelegt, wurden durch einen akustischen Fingerabdruck abgerufen und via SMS dem Nutzer mitgeteilt. Mittlerweile verzeichnet Shazam weltweit 350 Millionen Nutzer, täglich wird die Smartphone-App bis zu zwölf Millionen Mal gebraucht – Tendenz steigend.

Vom Musik-Erkennungsdienst zum globalen Mediaunternehmen
Miles Lewis, VP European Sales bei Shazam Entertainment, weilte am 4. September in Zürich, wo er eine neue Funktion der App präsentierte. Er erklärt auf Einladung von Adello im Eventlokal Hub, in dessen Rahmen Innovationen und aktuelle Trends von Mobile Advertising diskutiert wurden, wie sich seine Firma vom Musikerkennungsdienst in ein globales Mediaunternehmen gewandelt hat. Seit zwei Jahren ist in den Vereinigten Staaten "Shazam for TV" im Umlauf. Damit möchte das Unternehmen die Brücke von Mobile zum Fernsehen schlagen. "Shazam for TV" stelle eine innovative Möglichkeit dar, Second-Screen gezielt zu nutzen und das Markenerlebnis zu verlängern, erklärt Lewis, der den Begriff "shazam" auch als Verb benutzt (z.B. "Let's shazam this ad!").

Die Frage, die hinter der TV-Idee stand, lautete: "Wie gelangen Werbebotschaften vom First-Screen auf den Second-Screen?", erklärt Lewis in einem Gespräch mit persoenlich.com. Nicht nur Musiktitel können mit der weiterentwickelten App getagged und abgerufen werden, sondern auch Wissenswertes zur Besetzung, dem Soundtrack und Tweets zu einem Film oder einer Serie.

Interaktivität per Knopfdruck
Lewis erklärt weiter: "Fernsehen ist ein bedeutender Katalysator für das Internet, Twitter, Facebook und Shazam." Shazam kann durch die Audiofingerprinting-Technologie Töne und Musik aus dem Fernsehen identifizieren und weiterführende Informationen zu einer TV-Show, oder einem beworbenen Produkt aus einem Werbespot liefern. Während heute immer mehr Leute vor dem Fernsehen sitzen und dabei parallel auf ihren Smartphones, Tablets oder Laptops nach sekundären Informationen zu einem im TV zeitgleich behandelten Ereignis abrufen, liefert Shazam die gewünschten Informationen kompakt mit einem einzigen Knopfdruck – wortwörtlich.

Als Beispiel verwendet er einen Spot von Jaguar. Der Werbekurzfilm lebt vor allem vom Dröhnen des Motors des F-Type-Modells. Untermalt wird die rasante Fahrt des Sportwagens von pulsierender Musik – diese Geräusche aufzufangen, ist für Shazam leichtes Spiel. Die Augmented-Reality-Seite von Jaguar flimmert auf dem Bildschirm, respektive auf dem Second-Screen auf: Das im Spot beworbene Produkt kann nun interaktiv inspiziert werden.

Eine Chance "besseres TV" anzubieten
Für Werber und Fernsehmacher bestehen Chancen eine Art "besseres TV" anzubieten. "Durch Shazam gelangen die Konsumenten innerhalb von Sekunden von einem TV-Spot an den 'richtigen Ort', also dorthin, wo der Werbeauftraggeber seinen Kunden haben will. Interaktives Branding kann somit bereichert werden. Für Marktteilnehmer stellt dies eine wichtiges Instrument dar, um herauszufinden, wer sich für dein Produkt interessiert", erklärt Lewis weiter.

Mit einer ersten Shazam-TV-Kampagne machte die Kleidermarke Dockers vor zwei Jahren in den Vereinigten Staaten den Anfang. Seitdem wurden global über 300 weitere Kampagnen umgesetzt, davon über 100 in EMEA. In der Schweiz setzt Shazam auf Adello. Hierzulande machen drei Millionen Nutzer Gebrauch von der App. Erste Kampagnen, die mit Shazam verbunden werden sollen, wurden in der Schweiz bereits umgesetzt (persoenlich.com berichtete).

Musiktitel-Verkäufe auf Shazam zurückzuführen
Im Gespräch mit persoenlich.com erklärt der Brite, worin der monetäre Nutzen für Shazam selbst liege. "Für das Musikbusiness ist Shazam sehr wichtig geworden. Wir generieren 300 Millionen Dollar Umsatz im Jahr durch den Ertrag von Vertragspartnern (Affiliate Revenues) wie Amazon oder Apple (iTunes)." Um diese Aussage zu bekräftigen, präsentiert der Brite ein Liniendiagramm auf dem erkennbar ist, dass zwischen den Tags von Shazam und den Verkäufen auf iTunes eine Korrelation besteht: Einer von sieben weltweiten Digital-Verkäufen ist auf Shazam zurückzuführen.

Als zweite Einnahmequelle nennt Lewis nicht seitenfüllende Mobile-Werbung, die in der App platziert wird. "Unternehmen investieren Millionen von Euros in Fernsehkampagnen, dabei ist der Einsatz eines interaktiven Shazam-Layers ein kosteneffizienter Weg der Werbetreibung um die fixierte Zielgruppe zu erreichen." 

Vereinigte Staaten dienen als Test-Land
Die neusten Funktionen werden jeweils in den USA lanciert, wo Shazam rund 100 Millionen User verzeichnet. "Die USA ist der grösste Markt für Shazam. Wir sind ein kleines und darum agiles Unternehmen. Wir können es uns leisten zu experimentieren und ausprobieren. Dafür bieten sich die Vereinigten Staaten bestens an. Klappt etwas nicht, versuchen wir es weiter und expandieren mit der Zeit in die weiteren Märkte", so Lewis auf die Frage, warum die neusten Würfe aus dem Hause Shazam als erstes immer in Übersee lanciert werden. 

Neue Funktion "Pulse"
Mit Daniel Danker, dem ehemaligen Chef von iPlayer BBC, hat Shazam einen neuen Head of Product an Bord geholt. Dieser habe schell verstanden, dass das Unternehmen eine führende Hand im Fernsehmarkt brauche, ohne sich vom Kerngeschäft zu distanzieren. Unter Dankers Regie ist die zusätzliche Funktion "Pulse" entstanden. Damit kann in Echtzeit mitverfolgt werden, welche Musik weltweit getagged wird. "Wir haben so viele Daten über Musik und das Musikverhalten gesammelt, dass es kriminell wäre, diese Informationen mit unseren Nutzern nicht zu teilen."

Text: Lea Friberg, Bild: zVg