Neun von zehn Personen über 65 Jahre nutzen inzwischen das Internet – mehr als eine Verdoppelung seit 2010. Dies zeigt die neue Studie «Digital Seniors 2025» von Pro Senectute Schweiz, die am Mittwoch präsentiert wurde. Besonders bemerkenswert: Erstmals informieren sich mehr ältere Menschen über digitale Geräte wie Smartphone, Tablet und Computer (33 Prozent) als über das Fernsehen (30 Prozent).
«Um ehrlich zu sein, hat uns die Entwicklung überrascht», erklärt Peter Burri Follath, Leiter Kommunikation bei Pro Senectute Schweiz, gegenüber persoenlich.com. «Wir hatten zwar bereits beobachtet, dass die Smartphone-Nutzung bei älteren Menschen stetig zunimmt – dass sich die Informationsbeschaffung aber so schnell ins Digitale verschiebt, hätten wir nicht erwartet.»
Service public unter Zugzwang
Die Verschiebung im Medienkonsum hat weitreichende Konsequenzen für öffentliche Medienanbieter. «Wir sind überrascht über das Tempo dieses ‹Umschwungs›. Es ist unabdingbar, dass der Service public dem wandelnden Informationsbeschaffungsverhalten älterer Menschen Rechnung trägt», heisst es in einer Medienmitteilung.
«Es reicht nicht mehr, um 19.30 Uhr die ‹Tagesschau› zu senden», so Burri Follath. «Seniorinnen und Senioren holen sich vermehrt ihre Informationen dann, wenn sie Zeit und Lust haben, sprich on demand.» Streaming-Angebote, Apps und digitale Mediatheken gewinnen daher auch bei der älteren Zielgruppe zunehmend an Bedeutung.
Deutlich abgehängt sind Printmedien (18 Prozent) und das Radio (15 Prozent) als bevorzugte Informationsquellen. Die SRG und andere Anbieter stehen vor der Herausforderung, ihre Inhalte nicht nur attraktiv, sondern auch leicht zugänglich zu gestalten.
Grosse Unterschiede innerhalb der Altersgruppe
Trotz des positiven Trends zeigen sich erhebliche Unterschiede innerhalb der älteren Bevölkerung. Während 88 Prozent der 65- bis 74-Jährigen über grundlegende digitale Kompetenzen verfügen, trifft dies bei den über 85-Jährigen nur auf knapp die Hälfte zu. Die Altersgrenzen der Offliner haben sich weiter ins hohe Alter verschoben.
«Die Unterschiede sind tatsächlich erheblich», bestätigt Burri Follath. «Diese Kluft erklärt sich aber nicht allein mit dem Alter – Bildung, Einkommen und Wohnort spielen ebenfalls eine zentrale Rolle.» Wer in einem städtischen Umfeld lebt, gut gebildet ist und über ein höheres Einkommen verfügt, hat im Schnitt eine höhere digitale Kompetenz.
Digitale Kluft als gesellschaftliches Risiko
Rund jede zehnte Person über 65 Jahre ist nach wie vor offline. Das bedeutet, dass in der Schweiz mehrere zehntausend Menschen von digitalen Angeboten ausgeschlossen sind – oft nicht aus freien Stücken, sondern weil ihnen die nötigen Kompetenzen oder der Zugang fehlen.
«Durch die digitale Kluft könnten ältere Menschen zunehmend in der Gesellschaft ausgegrenzt werden», warnt Burri Follath. Besonders problematisch werde es, wenn Behörden oder Dienstleistende zunehmend auf digitale Kanäle setzen und dabei analoge Alternativen vernachlässigen.
Wunsch nach analogem Nebeneinander
Fast 80 Prozent der Befragten wünschen sich, dass klassische Dienstleistungen vor Ort wie die Poststelle oder der Bankschalter bestehen bleiben. Dieser Wunsch zieht sich durch alle Altersgruppen, selbst bei aktiven Internetnutzern.
«Digitalisierung darf nicht bedeuten, dass analoge Angebote verschwinden», betont Burri Follath. «Es braucht ein sinnvolles Nebeneinander – digital, wo möglich, analog, wo nötig.»
Emotionale Belastung durch Digitalisierungsdruck
Viele Senioren erleben die Digitalisierung ambivalent. Einerseits als Erleichterung bei Fahrplanauskünften oder der Kontaktpflege mit Enkelkindern über Videochat. Andererseits fühlen sich fast die Hälfte unter Druck gesetzt: 38 Prozent haben Angst, den Anschluss zu verpassen.
«Fast jede zweite Person empfindet einen gewissen Zwang, mit der Technik mithalten zu müssen», erklärt Burri Follath. «Auch das ist eine emotionale Belastung, die wir als Gesellschaft ernst nehmen müssen.»
Individuelle Unterstützung gefordert
Pro Senectute setzt zunehmend auf Unterstützungsangebote, die gezielt auf individuelle Bedürfnisse eingehen. «2025 reicht es nicht mehr, einfach online zu sein», heisst es in der Medienmitteilung. Ältere Menschen müssten digitale Technik auch sicher, kritisch und zu ihrem Vorteil nutzen können.
«Das ermöglicht uns, ältere Menschen für eine digitale(re) Zukunft fit zu machen», sagt Alain Huber, Direktor von Pro Senectute Schweiz, laut Medienmitteilung.
Auch die Technologiehersteller sieht Burri Follath in der Verantwortung: «Wenn Apps zu kompliziert oder Websites schwer lesbar sind, scheitern viele ältere Nutzende – nicht aus Desinteresse oder mangelnder Motivation, sondern weil die Bedienung nicht intuitiv ist.»
Ausblick: Nicht alle werden digital
Für die Zukunft rechnet Pro Senectute damit, dass auch 2035 nicht alle Senioren vollständig digital sein werden. «Aufgrund altersbedingter kognitiver oder körperlicher Einschränkungen werden wohl schätzungsweise stets fünf bis zehn Prozent der hochaltrigen Bevölkerung (wieder) offline sein», prognostiziert Burri Follath laut Mitteilung. «Diese Gruppe dürfen wir auch dann nicht vergessen.»
Die Studie «Digital Seniors 2025» ergänzt die Erhebungen von 2010, 2015 und 2020 und liefert ein aktuelles Bild über die digitale Teilhabe älterer Menschen in der Schweiz.
Für die Studie wurden in der Schweiz insgesamt 1455 Personen ab 65 Jahren repräsentativ befragt – online, telefonisch oder postalisch. Die Befragung fand zwischen Oktober und Dezember 2024 statt und wurde dreisprachig durchgeführt. Die Erhebung wurde wissenschaftlich von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) begleitet und durch das Institut Demo Scope umgesetzt. (pd/cbe)
Ein ausführliches Interview mit Peter Burri Follath, Leiter Kommunikation bei Pro Senectute Schweiz, erscheint in der Juni-Printausgabe von persönlich.