Die Schweizer Uhrenindustrie war dem Online-Verkauf ihrer Produkte jahrelang abhold. Aktuell wollen sich aber immer mehr Marken auf diesem Verkaufskanal ausbreiten, der in den letzten Jahren sprunghaft zulegt hat.
Für die Uhrenkonzerne ist es bei der Online-Strategie wichtig, den offiziellen Verteilern nicht ins Gehege zu kommen. Gleichzeitig wollen sie im Internet aber auch nicht abseits stehen.
Das Internet sei eindeutig ein neues Schaufenster für die Uhrenmarken geworden, sagte Raymond-Weil-Chef Ernie Bernheim an der Uhrenmesse Baselworld. Der E-Handel ist allerdings nicht ganz gefahrlos. Man müsse bedacht sein, nicht mit Ramsch-Seiten in Verbindung zu kommen, erklärte er.
Im Laden kauflustiger
Die Marke Zenith aus Le Locle NE begann den Verkauf via Internet im Oktober vergangenen Jahres. Sie sei damit die erste Schweizer Marke der Spitzenindustrie mit einem Verkäufer im Internet, hielt sie fest. Zenith-Chef Aldo Magada sagte, das sei wie beim Verkauf in Boutiquen. Gebe es keine Frequenz, nütze alles nichts.
Zenith habe auf seiner Internetseite in einem Monat mehr Kontakte als in seinen Geschäften in einem Jahr. Das Online-Geschäft sei damit interessant.
Die Kaufentscheide hielten allerdings nicht mit den Besuchen Schritt. Die Kaufquote in den Geschäften sei höher, weil diese eine andere Interaktion zuliessen als das Internet, erklärte Magada.
Longines-Chef Walter von Känel sagte, die Verkäufe im Internet seien Realität. Seine zur Swatch Gruppe gehörende Firma sei im Evaluationsprozess. Bald soll das Internet-Angebot in China starten.
In den USA sei Longines bereits im Internethandel präsent und diverse Detailhandelspartner in Europa ebenfalls.
Certina, eine weitere Swatch-Tochter, verkauft keine Uhren im Internet. Etliche der 3000 Vertriebspartner tun das aber auf ihren jeweiligen Internetseiten.
Markenchef Adrian Bosshard geht davon aus, dass seine Uhren im Ladengeschäft verkauft werden. Der Kunde brauche Beratung, vielleicht müsse ein Armband gekürzt werden und auch der Service müsse sichergestellt sein.
Tissot, bei der Swatch Gruppe im mittleren Preissegment, verkauft seine Produkte bereits seit Jahren online, allerdings nur in acht Ländern. Darunter finden sich die USA, England, Frankreich und Deutschland, nicht aber die Schweiz.
Vertriebspartner im Netz präsent
Die Spitzenmarken sind weniger am Online-Handel interessiert. Hublot von LVMH etwa baut eine Internetseite auf, die auch E-Commerce zulässt. Dieser soll zumindest zunächst nur limitiert zugänglich ein, etwa für die 15'000 Mitglieder im Hublot-Klub. Und zu Beginn soll es nur möglich sein, Accessoires wie etwa ein Armband, nicht aber eine Uhr zu bestellen.
Der Genfer Hersteller Patek Philippe, im Bereich sehr hochwertiger Uhren tätig, hat gar keine E-Commerce-Pläne. Marken-Präsident Thierry Stern schätzt, dass seine Kunden das nicht wollen. Diese wollten die Uhr ansehen, berühren und anprobieren. (sda)