30.03.2012

"Viele wissen nicht, was sich hinter Google verbirgt"

Befinden wir uns schon im Würgegriff von Algorithmen und Netzwerken? Haben uns Google und Konsorten in der Mangel? HSG-Professorin Miriam Meckel hat zu dem Thema ein hochspannendes Buch geschrieben. Im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt die 44-jährige Kommunikationswissenschaftlerin, ob das alles Utopie ist oder nicht. Und sie warnt: "Es gibt kein europäisches Unternehmen, das beim Internet eine bedeutende Rolle spielt." Zum Interview:
"Viele wissen nicht, was sich hinter Google verbirgt"

Frau Meckel, es gibt diese berühmte Szene aus dem Film "Matrix", in der dem Protagonisten Neo zwei verschiedenfarbige Pillen angeboten werden: Die Blaue, die ihn in seiner Illusion weiterleben lässt oder die Rote, die ihm die grausame Wirklichkeit vor Augen führt. Für welche würden Sie sich entscheiden?

Puh, eine schwierige Frage. Ich glaube, ich würde mich für die Erkennungspille entscheiden. Aber es ist hart zu wissen, dass es kein Zurück gibt.

Das heisst also, die Wissenschaftlerin in Ihnen setzt sich schlussendlich durch?

Ja, wahrscheinlich! Ich habe einen starken Forscherdrang in mir und den könnte ich selbst in einer solchen Situation nicht abstellen, vermute ich.

In Ihrem Buch "Next – Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns" (Rowohlt) beschreiben Sie eine Zukunft, in der die Algorithmen die Macht übernommen haben. Befinden wir uns tatsächlich schon in einer Matrix-Situation – sprich im Klammergriff der Algorithmen?

Nein, wir sind noch nicht in einer Matrix-Situation. Aber es sind durchaus einige Entwicklungen im Gange, die auf einen solchen Zustand hinauslaufen könnten – wenn man sie so konsequent zu Ende denkt, wie ich das in meinem Buch versucht habe. Das personalisierte Internet, die sogenannten "Echo-Kammern" oder "Filter-Bubbles", mit denen wir dadurch konfrontiert sind, sind dabei die eine Seite. Die andere ist die fortschreitende Verschmelzung von menschlichem Körper und Technologie. In der neueste Prognose von IBM, die Ende Dezember 2011 veröffentlicht wurde, lautet ein Trend für die nächsten fünf Jahre: "Mind reading is no longer science fiction".

Was bedeutet das?

Dass der Computer uns, durch Implantate und andere technologische Weiterentwicklungen, bald komplett lesen kann. Und das Beispiel, dass IBM da anführt, ist zufälligerweise genau jenes, welches ich mir für mein Buch ausgedacht habe. Nämlich: Wenn Sie jemanden anrufen wollen, müssen Sie bald kein Gerät mehr bedienen oder irgendeine Taste drücken. Sie denken einfach nur daran, mit jemandem zu telefonieren, und schon geschieht es. Und das ist dann sozusagen die Verbindung von unsichtbarer Technologie und menschlichem Körper, die uns im Vergleich zu bisherigen medialen Entwicklungsstufen tatsächlich einen Unterschied präsentiert. Wir können nicht mehr beobachten, was passiert. Denn die Technik ist ja dann Teil von uns. Wir können dann gar nicht mehr sagen, das bin ich und das gehört nicht mehr zu mir.

Sie haben über das personalisierte Internet gesprochen – von dieser Entwicklung, immer mehr Informationen über einen User zu sammeln, um dann ganz gezielt Inhalte und Markenbotschaften auf ihn loslassen zu können. Ist Google der Feind?

Nein, das wäre zu einfach. Ich denke auch im normalen Leben nicht in Freundes- und Feindeskategorien, sondern in Perspektiven. Was Google macht – das Internet für die Suche zu öffnen und daraus auch mit weiteren Anwendungen ein Geschäft zu machen – ist aus unternehmerischer Perspektive absolut konsequent. Es ist aber nicht die einzige Perspektive, die man darauf haben kann. Als Kommunikationswissenschaftlerin muss ich stets danach fragen, was die Menschen mit diesen Technologien machen und wie sie auf Menschen wirken. Und ich stelle eben fest, dass viele Menschen nicht wissen, was sich hinter der Suchoberfläche von Google oder der Timeline von Facebook verbirgt. Wir brauchen mehr Aufklärung im Umgang mit diesen Technologien.

Den meisten Menschen ist also nicht bewusst, dass Google kein gemeinnütziger Dienst im Stil von Wikipedia ist?

Genau. Google ist in vielen Augen sehr lange eine fast neutrale Institution gewesen, die einfach das Web durchsuchbar gemacht hat. Das hat sich inzwischen durchaus geändert. Mit der Debatte um die Auswertung von Daten als kommerziellem Gut oder neuer Währung gelangen viele zur Erkenntnis, dass sie eigentlich nicht allein die guten Bürger sind, die mit Informationen versorgt werden sollen, sondern dass sie im Web das Produkt sind, das zwischen Internetkonzernen wie Google, Amazon, Facebook, usw. und anderen Teilhabern im Wirtschaftsprozess vermakelt wird. Das ist ein Bewusstseinsprozess, der vor drei, vier Jahren überhaupt noch nicht da war.

Wollen Ihre Studenten heute – trotz der ungeheuren, etwas diffusen Macht – noch bei Google arbeiten?

Ich denke schon, dass es immer noch cool ist dort zu arbeiten. Facebook war vielleicht zwischenzeitlich noch cooler. Aus meiner Sicht ist diese Attraktivität in letzter Zeit wieder ein bisschen zurückgegangen. Aber Google ist sicher für viele noch immer ein sehr attraktiver Arbeitgeber. Nur schon weil gewisse klassische, konservative Arbeitsumgebungen und -prozesse da durchbrochen werden. Ausserdem haben viele noch gar nicht mitbekommen, dass es seit 2009 so etwas wie das personalisierte Internet gibt.

Auch ich habe bis jetzt nur aus den Medien mitbekommen, dass Facebook die Timeline obligatorisch machen will – als User bin ich noch nicht darauf hingewiesen worden.

Ich auch nicht. Ich hab aber gelesen, dass sie jetzt sukzessive umstellen und man dann eine Woche Zeit hat, die Daten rauszulöschen, von denen man nicht möchte, dass sie in der Timeline erscheinen. Auch da muss ich sagen: Die Timeline an sich ist gar kein Problem. Ich finde, dass jeder auch eine Verantwortung hat, selber zu wissen was er macht. Die philosophischen Aspekte erachte ich aber als schwierig. Wenn ich lese, dass Zuckerberg sagt: "You have one identity. Having more than one identity is a lack of integrity" – da muss ich schon sagen: Hallo?? Die Timeline bei Facebook als alleinige Wahrheit? Unter diese "Philosophie" möchte ich mich nicht unterordnen.

Wie weit kann Facebook gehen bis die Leute abspringen? Alternativen stehen mit Google+ ja schon bereit.

Eben nicht. Google+ wächst zwar, zeigt aber auch, wie schwierig es ist, die bei Facebook gut vernetzten Nutzer rüberzuholen und dort aktiv werden zu lassen. Dabei ist es sehr gut gemacht: Die Struktur mit den Circles, die Idee verschiedene Kleinst-Communities in meiner gesamten Community von Bekannten und Freunden unterschiedlich managen und mit Informationen versorgen zu können, gefällt mir. Nur sind die "Switching Costs" eben unheimlich hoch. Das bedeutet, ich muss entweder alles auf beiden Netzwerken posten, oder ich muss alle meine Freunde zum Wechsel motivieren. Was allerdings offensichtlich bislang nicht sehr gut klappt.

Fassen wir nochmals kurz zusammen: Das Internet wird immer mehr Teil unseres Lebens, es lernt immer mehr über uns, aber wir wissen kaum etwas darüber. Wir kennen nicht mal die Regeln.

Ja, das Internet wird immer mehr zu unserer Lebensinfrastruktur. Und diese gesamte Infrastruktur kommt aus den USA. Es gibt kein einziges europäisches Unternehmen, das da eine bedeutende Rolle spielt. Darüber müssten wir reden, finde ich. Wo liegen die ganzen Cloud-Daten? Wissen wir das? Haben wir Zugriff? Gibt es Absicherungen? Da muss nur mal irgendein Server abstürzen, und alles ist weg. Ein Albtraum! Wir sind inzwischen sehr abhängig von Netzwerken.

(Interview: Adrian Schräder//Das gesamte Interview lesen Sie in der April-Ausgabe von "persönlich")


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