"Wir beachten unsere Handys mehr als die Menschen, die wir lieben"

Anitra Eggler - E-Mail, Handy, Web, Social Media: Wir sind dauerabgelenkt statt aufmerksam. Anitra Eggler, selbsternannte Digitaltherapeutin aus Liebe zum Web, geht diese Probleme an. Die begeisterte Rednerin und Dozentin versucht mit ihren Vorträgen, den Leuten die Augen zu öffnen und rät ihnen, mehr zu agieren statt zu reagieren. Im Rahmen der Goldbach Mediarena im Zürcher Kaufleuten hat sich persoenlich.com mit der in Wien lebenden Bestseller-Autorin unterhalten. Die 41-Jährige gibt einen Einblick in ihre therapeutischen Massnahmen und erklärt, weshalb sie selber die "Post-Pest im E-Mail-Eingang ihrer Leute" war.

Frau Eggler, Sie bezeichnen sich als Digitaltherapeutin. Was machen Sie genau? 
Einzelpersonen therapiere ich mit meinen Büchern "E-Mail macht dumm, krank und arm" und "Facebook macht blöd, blind und erfolglos". Unternehmen und sonstige Vereinigungen therapiere ich durch Vorträge.

Was ist denn eine Digital-Therapie?
Eine Digital-Therapie heilt lebenszeitvernichtende und produktivitätszerstörende Kommunikationskrankheiten, die wir bekommen haben, weil wir den digitalen Segen nicht so ausbeuten, wie es sich gehört.

Wie heilen Sie denn diese "kranken" Leute? Was haben Sie für Methoden?
Meine Vorträge sind als Blitztherapie aufgebaut. Ich starte mit einer kleinen Anamnese, um den Leuten das Bewusstsein zu vermitteln, wie sie eigentlich ihre Arbeits- und Lebenszeit verbringen. Eine Studie besagt, dass ein Mensch, der heute 75 Jahre alt wird, sechs Jahre im Internet verbringt, acht Monate mit dem Löschen von unerwünschten E-Mails, hingegen nur 14 Tage mit Küssen. Genau bei diesen Zahlen fassen sich die meisten Zuschauer an den Kopf und begreifen "oh, verdammt". So halte ich den Leuten den Spiegel vor.

Und weiter?
Dann zeige ich ihnen die verschiedenen Krankheiten wie beispielsweise den E-Mail-Wahnsinn oder das Sinnlos-Surf-Syndrom. Ein gutes Beispiel für solch ein Verhalten: Sehr viele Leute gehen ans Telefon, nur um zu sagen, dass sie nicht ans Telefon gehen können. Ich zeige mit sehr einfachen Tipps und Tricks, wie man das Ganze wieder in den Griff kriegt. 
Im Prinzip geht es darum, mir von meinen Bedürfnissen und meinem gesunden Menschenverstand sagen zu lassen, wie ich mein Handy oder meinen Computer nutze. Und nicht mehr – und das tun wir derzeit – von den blossen Medienmöglichkeiten. Nur weil es in Nanosekunden möglich ist, E-Mails zu verschicken, muss ja meine Erwartungshaltung nicht so sein, dass ich Leute, die vielleicht auch noch im Nebenraum sitzen, nach zwei Minuten anrufe, um zu fragen, ob meine E-Mail angekommen ist.

Das kennt jeder...
...und das nervt auch jeden! Wenn man den Leuten humorvoll – und nur so geht’s in meinen Augen – den Spiegel vorhält und fragt: "Sag mal, sind wir alle wahnsinnig geworden?", dann gibt jeder zu, dass er oder sie darauf eigentlich auch keinen Bock hat. Medienkompetenz kann jeder vorleben. Wenn jeder was ändert, geht es uns allen besser.

Wann ist eine Person in Ihren Augen süchtig? Wie definieren Sie Sucht? 
Ich spreche ungern von Sucht, lieber von Ritualen, die sich eingeschlichen haben, oder von Reflexverhalten. Ein Beispiel: Wenn ich mir von der nächsten Unterbrechung - einer Mail oder einem Anruf - sagen lasse, was ich als nächstes tue, und nicht mehr von meiner Priorisierung, dann habe ich ein Produktivitätsproblem. Das betrifft jeden zweiten Manager! Du wirst süchtig nach der Unterbrechung aus Gründen der Dopamin-Ausschüttung, die erzielt wird, wenn ein Aufmerksamkeitsreiz kommt. Und wenn Unterbrechungen zum Dauerzustand anwachsen – und das ist bei den meisten Leuten heute so –, sitzt man vor dem Computer und denkt nach, ob das Handy überhaupt noch Strom hat, wenn es nicht jede Minute vibriert. Wenn dies eintrifft, denken sich viele Leute "ach, ich guck mal, ob Facebook noch steht" oder "ich google mal meinen nächsten Gedanken". Meine Erfahrung zeigt, dass 80 Prozent aller Mitarbeiter in Unternehmen, wo es viel Business- und Kreativarbeit gibt, unglaublich davon betroffen sind.

Ist in der heutigen Zeit nicht die ganze Gesellschaft davon betroffen? 
Doch, denn auch die jungen Leute sagen mittlerweile selbstkritisch, dass sie sich selber für Handy-abhängig halten.

Gehören auch Kinder und Jugendliche zu Ihrer Klientel? 
Sie gehören sozusagen zu meinem Charity-Engagement. Ich versuche, wann immer ich kann, auch vor Schülern zu sprechen. Neulich bin ich in einer deutschen Stadthalle vor 700 Schülern zwischen 13 und 15 aufgetreten. Da verbrennst du in einer Stunde 50'760 Kalorien (lacht), um die bei der Stange zu halten und mitzunehmen. Gestern war ich in Zürich beim Verband der Zürcher Privatschulen und trat vor 60 Schulrektoren und Lehrern auf. Man muss von beiden Seiten kommen. Die Eltern und Lehrer zeigen mit dem Finger immer auf die jungen Leute. Aber Entschuldigung, wir leben es ja vor! Du musst dich als Erziehungsbeauftragter auf Facebook auskennen. Du musst! Das kannst du nicht ignorieren.

Haben Sie selber Kinder?
Ja, mich. Und ich weiss, wie schwierig es ist, ein erwachsenes Kind zu erziehen.

Wie haben Sie Ihr ganzes Business aufgezogen?
Ich habe als Journalistin, aber auch auf Agenturseite 15 Jahre Berufserfahrung gesammelt. Ich hatte mein erstes Content-Startup in München und habe für WuV (Werben und Verkaufen) das E-Marketing Ressort aufgebaut. Danach hatte ich sieben Jahre lang eine Internet-Agentur in Wien und war dort noch drei Jahre in einem Online-Medienhaus tätig. In meinem letzten Job hatte ich 60 Mitarbeiter, Durchschnittsalter 25. Sieben Tage pro Woche zu arbeiten, war für mich immer selbstverständlich. Wenn man Kommunikationsfirmen managt, hat man den ganzen Tag Meetings und kommt nur in der Nacht und am Wochenende zum Arbeiten. Ich war selber die Post-Pest im E-Mail-Eingang meiner Leute. Ich habe am Sonntag Qualitätsmanagement gemacht. Da übst du sehr viel Druck aus.

Und, hat sich das gelohnt?
Du merkst im ersten Jahr, dass die Produktivität steigt, weil du die Leute in diese ständige Erreichbarkeit zwingst. Sie sind engagiert, flache Unternehmenshierarchie, ganz viel Spass, Pizza, Red Bull…. Dann merkst du, dass du schon Menschen mit 25 Jahren ausbrennst, weil sie einfach weder körperlich noch geistig dafür ausgerichtet sind, rund um die Uhr auf Standby zu sein. Du erschöpfst die Leute. Je mehr du dann kommunizierst, desto geringer wird die Qualität der Kommunikation. Ich hatte zwei, drei Mitarbeiter, die Burnout-gefährdet waren. Da dachte ich mir: Jetzt müssen wir umdenken. Der eine Mitarbeiter hat seine Tochter von der Schaukel gestossen, weil er sein Blackberry in der Hand hatte. Und dann hat die Kleine zum Vater gesagt: "Papa, dein Handy macht Aua". In diesem Moment dachte ich mir: Wo sind wir hier eigentlich gelandet? Wir beachten unsere Handys schon mehr als die Menschen, die wir lieben. 
Das war vor drei Jahren.

Wie sieht heute Ihre persönliche Mediennutzung aus?
Ganz gut. Manchmal vergesse ich, dass es Facebook in Wirklichkeit gibt. Ich rufe meine Mails genau zweimal täglich ab. Ich nehme mir jeweils 30 Minuten dafür Zeit. Das ist der entscheidende Punkt. Ich habe dies auf meiner Website klar kommuniziert - und die Leute akzeptieren das. Ich rufe dann zurück, wenn ich Zeit und Hirn habe und die Konzentration, die es dafür braucht. Und das Geile ist: Es kommt so sehr zurück. Wenn du die Erwartungshaltung klar machst, machen die Leute mit! Herrlich! Es geht so einfach. Ich schäme mich manchmal für meine Tipps, weil sie so einfach sind.

Sie haben zwei Bücher mit den Titeln "E-Mail macht dumm, krank und arm" und "Facebook macht blöd, blind und erfolglos" geschrieben. Mit fünf dieser sechs Adjektive kann ich leben, aber warum soll E-Mail arm machen?
Ein Beispiel: Im Sommer des letzten Jahres stellte einer meiner Grosskonzernkunden eine neue Mitarbeiterin in China ein und diese wollte Zugang zu einer Berechtigungsgruppe im Intranet. Die gute Dame war noch nicht so ganz ausgeschlafen und hatte wahrscheinlich ihren doppelten Espresso noch nicht intus, schrieb aber trotzdem eine E-Mail - und zwar an alle. In diesem Fall waren das um die 50'000 Mitarbeiter. Allein 1000 Kollegen antworteten im Minutentakt, dass die anderen Idioten doch sofort aufhören sollen, immer an alle zu antworten. Und wie taten sie das? An alle! Das heisst: Jeder einzelne hat 1000 E-Mails im Minutentakt bekommen, wo Leute immer aggressiver wurden. Da gab es dann noch welche, die gemerkt haben, was Reichweite ist und der eine hat dann die Gelegenheit gepackt und seine gebrauchten Winterreifen angeboten und an 50'000 Leute geschickt. Der Business-Case dahinter: Wir hätten 100 Fahrzeuge produzieren können für diesen Produktivitätsverlust, der entstanden ist - nur weil eine Frau eine Mail an über 50'000 Kollegen geschickt hat. Und warum hat sie es getan? Weil sie es konnte!

Sind weitere Bücher in Planung?
Ja, wobei ich dieses Jahr etwas Pause mache und erstmals einen Roman schreibe. Quasi Lebensplan zwei. Im digitaltherapeutischen Rahmen ist das nächste Buch auf Herbst 2015 geplant, wo ich mich den beliebten Themen Liebe und Sex widmen werde.

Werden Sie im Roman die digitale Themen völlig ausblenden?
Oh nein, dafür bin ich ja viel zu zeitgemäss. Wenn man über den heutigen Zeitgeist schreibt, dann spielt das Internet immer eine grosse Rolle. Und in Romanen geht es ja auch immer um Liebe. Liebe lebt auch in den Zeiten von Dauerablenkung, Facebook und Snapchat. Da kommt man nicht drum herum.

Ihr Einstieg in die Kommunikationsbranche war in Buenos Aires als Texterin von Todesanzeigen. Wie kommt man zu dieser speziellen Anstellung?
Das war 1992. Ich wollte schon immer Journalistin werden, habe mir aber nach dem Abitur gesagt, ich will zuerst mal Leben lernen und mir eine zusätzlich Sprache aneignen. Dann habe ich gehört, dass es in Buenos Aires die älteste deutschsprachige Zeitung der Welt gibt, das "Argentinische Tageblatt", das auch ein gutes Niveau hatte und seit 1874 sehr liberal im britischen Sinne daherkommt. Da wollte ich unbedingt hin, kriegte aber nicht den gewünschten Job. Es wurde mir dann diese Stelle angeboten und ich habe mich hochgearbeitet. Das Schreiben von Todesanzeigen war toll, denn ich wollte keine Standard-Texte schreiben. Ich wollte in wenig Raum, durch wenige Worte einem Menschen ein Denkmal setzen. Dazu mussten mir die Leute natürlich ihre Lebensgeschichten erzählen. Dabei habe ich viel erlebt, viele verschiedene Menschengruppen kennengelernt, von immigrierten Juden bis hin zu alteingesessenen Nazis - ein lebender Geschichtsunterricht. Alleine darüber könnte ich einen Roman schreiben. Danach habe ich mich durch die Fussball-Reportage über die Boca Juniors hochgearbeitet und landete nach einem halben Jahr in der Redaktion. Ich habe aber stets unten am Empfang bei den Todesanzeigen ausgeholfen, weil es mir einfach Spass machte.

Interview: Marco Lüthi, Bilder: zVg.