Herr Heer, mit der Teilnahme an der Vendeé Globe haben Sie sich einen Kindheitstraum erfüllt. Gab es Momente, in denen dieser Traum zum Albtraum wurde?
Seit ich angefangen habe zu segeln, im Alter von fünf Jahren, hatte ich immer den Traum, einmal an dieser Regatta teilzunehmen. Ich denke nicht, dass es Momente gab, die ich einen Albtraum nennen kann. Aber es gab Momente in der Vorbereitungszeit, in denen es schwierig war, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen und den Optimismus und die Positivität beizubehalten. Ganz speziell wenn es darum ging, kommerzielle Partner für meine Unterfangen zu finden.
Zum Teil mussten Sie gegen zehn Meter hohe Wellen ankämpfen. Verspürt man in solchen Momenten Angst?
Das Südpolarmeer ist ganz bestimmt der schwierigste Ort, um zu segeln. Es gibt sehr starke Stürme, die Wellen sind sehr hoch, weil es keine Landmassen hat, die die Wellen und die Stürme stoppen. Berücksichtigt man dann noch die Kälte und die Abgelegenheit, ist es sehr herausfordernd. Bestimmt hatte ich zu gewissen Zeiten auch Angst. Aber für mich ist Angst eigentlich eine sehr kraftvolle und irgendwie positive Emotion. Angst zeigt mir auf, dass jetzt etwas auf dem Spiel steht, was mir sehr viel bedeutet, und sie zwingt mich, mich mit dem Risiko auseinanderzusetzen. Gleichzeitig kann man dank Adrenalin körperlich auf Ressourcen zugreifen, auf die man sonst nicht zugreifen kann. Und das verleiht einem zusätzliche Kraft und Energie, um gewisse schwierige Situationen zu überstehen.
Gegen Stress hilft eine gute Nachtruhe. Wie sah Ihr Schlafmanagement aus?
Wenn man allein ein Schiff segelt, ist das Schlafmanagement nicht ganz einfach. Ich habe während dieser 99 Tage nur vier bis sechs Stunden täglich geschlafen und nie mehr als 45 Minuten am Stück. Die ersten vier bis fünf Tage sind entsprechend schwierig, aber wenn sich der Körper einmal an den neuen Rhythmus gewöhnt hat, ist es eindrücklich, wie gut er mit diesem Schlafrhythmus umgeht und wie wenig müde man eigentlich ist.
«Wenn man solo um die Welt segelt, erfährt man eine gewisse Demut»
Sie waren monatelang auf sich allein gestellt. Was haben Sie über sich selbst erfahren?
Ich glaube, wenn man solo um die Welt segelt, erfährt man eine gewisse Demut. Wenn man allein in der Mitte eines Ozeans ist, realisiert man, wie klein und unbedeutend der einzelne Mensch ist. Und ich glaube, das ist eine Erfahrung, die sehr wenige Menschen auf dieser Welt jemals machen. Und ich schätze mich sehr glücklich, dass ich diese Demut in mir trage. Viele Menschen haben das Gefühl, dass sich die Welt nur um sie drehe. Dem ist nicht so!
Wie haben Sie sich mental auf hundert Tage Einsamkeit vorbereitet?
Sich mental auf hundert Tage Isolation einzustellen, ist ganz bestimmt nicht einfach. Deshalb arbeite ich seit drei Jahren mit einem Mental-Performance-Coach zusammen, Wolfgang Jenewein. Mit ihm habe ich Werkzeuge entwickelt, um mit speziellen Situationen umzugehen. Bei der Einsamkeit haben wir festgestellt, dass Leute heutzutage allein sein und einsam sein eigentlich fast als Synonyme verwenden. Jedoch ist es etwas komplett anderes. Allein sein bedeutet, dass man physisch niemanden um sich herum hat. Einsam sein ist eine rein emotionale Situation. Wenn man dies jetzt differenziert, ist es viel einfacher, damit umzugehen. Ich bin zwar allein auf dem Schiff, bin aber ganz bestimmt nicht einsam. Ich habe ein Team im Hintergrund, ich habe Sponsoren, die mich unterstützen, ich habe Journalisten, die mich tagtäglich kontaktieren, und wir haben viele Follower auf Social Media. Ich kann also ganz bestimmt nicht sagen, dass ich einsam bin, und diese Differenzierung macht es viel einfacher, mit der Isolation umzugehen.
«Aufgeben ist nie eine Option, bis es die einzige Option ist»
Gab es einen Moment, in dem Sie am liebsten aufgehört hätten?
Es gab einige Momente, in denen es nicht ganz einfach war, weiterzusegeln, jedoch habe ich mir nie ernsthaft überlegt, aufzugeben. Aufgeben ist nie eine Option, bis es die einzige Option ist. Wenn Aufgeben immer eine Option im Hinterkopf ist, wird das ganze Unterfangen extrem schwierig, und irgendwann entscheidet man sich dann, aufzugeben. Deshalb war es für mich nie eine Option.
Wie haben Sie sich körperlich vorbereitet?
Körperliche Fitness ist in meinem Sport sehr wichtig. Einerseits muss man körperlich fit sein, um solch ein Schiff solo nonstop um die Welt zu segeln, jedoch ist es mindestens genauso wichtig, gesund an den Start zu gehen. Ich habe Dutzende Gesundheitstests absolviert, um sicherzustellen, dass ich in einem Topzustand an den Start gehen kann. Wenn man in der Mitte des Südpolarmeers plötzlich ein ernsthaftes gesundheitliches Problem hat, kann es sehr lange dauern, bis Hilfe kommt. Deshalb ist es sehr wichtig, auf seinen Körper zu schauen und sicherzustellen, dass man in bester Verfassung an den Start geht.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie nach hundert Tagen wieder festen Boden unter den Füssen hatten?
Die Ankunft nach hundert Tagen auf dem Meer ist sehr speziell. Es ist ein Riesenkontrast, wenn man nach hundert Tagen Alleinsein plötzlich von Tausenden von Menschen umgeben ist. Ich werde mich für den Rest meines Lebens an diesen Moment erinnern.
«Ich habe für meinen Traum drei Jahre lang sieben Tage die Woche gearbeitet»
Eine Teilnahme an der Vendeé Globe ist auch aus finanzieller Sicht kein leichtes Unterfangen. Was hat Sie dieses Abenteuer gekostet?
Eine Teilnahme an der Vendée Globe ist definitiv kapitalintensiv. Meine erste Kampagne war eine typische Start-up-Kampagne. Ich habe mir so gut wie keinen Lohn ausbezahlt und für meinen Traum drei Jahre lang sieben Tage die Woche gearbeitet. Wir hatten eines der kleinsten Budgets mit einem hohen sechsstelligen Betrag pro Jahr. Hinzu kommt noch die Finanzierung des Schiffes, das eine knappe Million kostete. Es gab Zeiten, wo ich nicht sicher war, ob wir die finanziellen Mittel finden, um diese Kampagne erfolgreich durchführen zu können. Deshalb bin ich extrem stolz auf die Leistung von mir und meinem Team, dass wir rechtzeitig die richtigen Partner finden konnten, um dann schliesslich die Qualifikation zu schaffen und doch an den Start zu gehen. Es lag mir auch sehr am Herzen, hauptsächlich mit Schweizer Partnern zusammenzuarbeiten und dadurch die Vendée Globe und meinen Sport in der Schweiz bekannter zu machen.
Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, 2028 die Vendée Globe nicht nur zu meistern, sondern eine Topplatzierung zu erreichen. Was braucht es dazu?
Es ist zwar noch sehr früh, aber es stimmt, dass ich sehr, sehr gerne nochmals die Vendée Globe segeln will. Das nächste Mal jedoch mit einem wettbewerbsfähigen Schiff und einer wettbewerbsfähigen Kampagne. Dafür benötigen wir starke kommerzielle Partner. Und ein gutes Team, das mich langfristig in die bestmögliche Form bringt, damit ich eine Topplatzierung erreichen kann. Ich bin optimistisch, dass wir in der Schweiz die richtigen Partner finden können und uns als Segelkampagne und Marketingplattform so positionieren können, dass wir den gewünschten Return liefern können.
Silvia Affolter hat dieses Interview geführt. Als Gründungsmitglied des Ocean Racing Club 100 unterstützt sie die Vendée-Globe-Kampagne von Oliver Heer.
Das ausführliche Interview ist in der persönlich-Printausgabe vom April erschienen.