Das diesjährige Zurich Film Festival wartet mit 114 Filmen auf. Davon sind 41 als Welt- oder Europapremiere zu sehen. Ein Rekordanteil, wie Festivaldirektor Christian Jungen am Donnerstag vor den Medien sagte. Der grosse Anteil an Welt- und Europapremieren zeige, welches Vertrauen die Filmbranche dem Zurich Film Festival (ZFF) entgegenbringe, so Jungen. Das ZFF findet vom 25. September bis 5. Oktober statt.
Anne Walser erhält Career Achievement Award
Von den 114 Produktionen sind 16 Schweizer Filme. Einer davon ist die Adaption des als unverfilmbar geglaubten Max-Frisch-Stoffs «Stiller» von Stefan Haupt. Die Schweizer Filmproduzentin Anne Walser wird dafür sowie für ihre Karriere den Career Achievement Award erhalten. Sie wird den Preis laut Mitteilung am 3. Oktober persönlich entgegennehmen.
«Anne Walser produziert seit über 20 Jahren kontinuierlich und auf hohem qualitativen Niveau Filme. Das ist eine enorme Leistung. Uns gefällt besonders, dass sie immer wieder intelligente Unterhaltung mit Anspruch für ein breites Publikum schafft», wird Jungen zitiert. «‹Stiller› ist für uns eines der Highlights im diesjährigen Programm – Anne und ihrem Kreativteam ist es gelungen, diesen von vielen als unverfilmbar bezeichneten Roman zu adaptieren und das Publikum damit auf eine spannende Reise mitzunehmen.»
Seit 2007 ist Walser Partnerin und Mitinhaberin der C-Films AG in Zürich, wo sie gemeinsam mit Geschäftspartner Peter Reichenbach Spielfilme, TV-Serien und Dokumentationen von der Stoffentwicklung über Finanzierung und Produktion bis zur Premiere verantwortet.
Die Firma C-Film realisierte in der Vergangenheit Schweizer Filme wie «2006 Grounding – Die letzten Tage der Swissair» oder «Schellenursli» (2015). «Der Koch» (2014) und «Der letzte Weynfeld» (2018) basieren jeweils auf Bestsellern von Martin Suter, die Verfilmung «Mittagsfrau» (2023) oder der sich in Postproduktion befindliche Film «Eurotrash» basieren ebenfalls auf Romanvorlagen. Weitere Projekte ihrer Firma sind «Marcello Marcello» (2009), «Die Akte Grüninger» (2013), «Zwingli» (2019) oder «Platzspitzbay» (2020). Alle Filme erzielten hohe Zuschauerzahlen und prägten das nationale Kino. International wirkte Anne Walser als Co-Produzentin bei «Youth» (2015) von Paolo Sorrentino mit Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz und Jane Fonda. Der Film wurde in Cannes gezeigt und mehrfach ausgezeichnet.
Anne Walser lebt in Zürich und startete ihre berufliche Karriere bei Tele24.
Russell Crowe, Claire Foy, Wagner Moura
Neben bereits bekannten Stargästen wie Colin Farrell, Dakota Johnson, Benedict Cumberbatch oder Noah Baumbach gaben Jungen und die Festivalpräsidentin Doris Fiala neue Namen bekannt.
Oscarpreisträger Russell Crowe («Gladiator») erhält etwa den Lifetime Achievement Award. Am Festival ist er im psychologischen Thriller «Nuremberg» zu sehen, in dem er den Nazi Hermann Göring spielt. Es sei ein Film, der an «The Silence of the Lambs» erinnere, so Jungen.
Aus der Serie «The Crown» dürfte man die britische Schauspielerin Claire Foy kennen. Sie wird am ZFF das Goldene Auge für ihre vielseitige Karriere und ihre Leistung in ihrem neuen Film «H Is For Hawk» entgegenehmen.
Weitere Stars am ZFF sind der US-amerikanische Schauspieler Anthony Mackie, der vielen aus dem Marvel-Universum bekannt sein dürfte. Ausserdem gehört auch der brasilianische Schauspieler Wagner Moura zum Staraufgebot in Zürich, wie bereits bekannt war. Seine Rolle des kolumbianischen Kartellchefs Pablo Escobar in der Netflix-Serie «Narcos» machte ihn weltweit berühmt. In Zürich wird er im Film «The Secret Agent» zu sehen sein, wo dieser Gala-Premiere hat.
Oscar-Favoriten in Zürich
Filme, die in einigen Monaten einen Oscar gewinnen, würden nun am ZFF gezeigt werden, so Jungen. Unter den Oscar-Favoriten befindet sich auch Guillermo del Toros «Frankenstein». Eigentlich habe er mässig Lust gehabt, sich eine weitere Adaption des Frankenstein-Stoffs anzusehen, gab Jungen an der Konferenz zu. Doch der Film habe ihn überrascht.
Denn er werde zur Allegorie auf den Menschen, der etwas schafft, das aus der Kontrolle gerät, meinte er. Jungen bezog sich auf heutige Technologien wie künstliche Intelligenz.
Ein weiterer Oscar-Favorit am ZFF sei unter anderem «Bugonia» des griechischen Regisseurs Giorgos Lanthimos. Wenig überraschend ist auch hier Emma Stone wieder in der Hauptrolle zu sehen, wie bereits in einigen seiner bisherigen Filme.
Abtauchen in der Metal-Szene
In zwei Kategorien gehen internationale Filme ins Rennen um das Goldenen Auge, das mit 25'000 Franken dotiert ist. In der Kategorie Spielfilm gehen zur Hälfte Filme von Regisseurinnen in den Wettbewerb, bei den Dokumentarfilmen ist der Anteil der Filmemacherinnen sogar noch ein bisschen höher.
Der Spielfilmwettbewerb fokussiere auf Filme mit jungen Figuren, heisst es in einer Mitteilung des ZFF. Die Schweizer Schauspielerin Ella Rumpf ist im französischen Wettbewerbsfilm «Des preuves d'amour» zu sehen. Der Film handelt von Céline, die bald ihr erstes Kind bekommt. Jedoch ist nicht sie schwanger, sondern ihre Frau.
Ausserdem geht ein Schweizer Film des Zürcher Filmemachers Jonas Ulrich in den Spielfilmwettbewerb. «Wolves» erzählt von einer jungen Frau, die in die Metal-Szene abtaucht und sich in einen Musiker verliebt.
Dwayne Johnson spielt Mark Kerr
Ein Trend seien Filme zum Thema Sport, hiess es weiter. Als Beispiel dafür nannte Jungen «The Smashing Machine» von Benny Safdie, der sowohl als Regisseur als auch als Schauspieler bekannt ist und mehrere Filme mit seinem Bruder Josh Safdie gedreht hat («Uncut Gems», «Good Times»). Im biografischen Sportdrama «The Smashing Machine» verkörpert Dwayne Johnson den ehemaligen Wrestler und MMA-Sportler Mark Kerr. Es sei wohl Johnsons bisher beste schauspielerische Leistung, meinte Jungen.
In der Sektion «Hashtag #Save Democracy» nehmen diverse Filme auf unterschiedliche Weise die Bedrohung von Rechtsstaat und Demokratie auf. Sei es in Form des neuen Animationsfilms «Animal Farm» nach George Orwell oder als Dokumentation über den Whistleblower Julian Assange.
In dieser Sektion befindet sich auch der Schweizer Film «Voice of my People» von Lorenzo Oschwald, Ansgar Wörner und Nico Gerspacher. Die Doku handelt vom SP-Politiker Islam Alijaj, der mit körperlicher Behinderungen lebt und 2023 als erster Schweiz-Albaner in den Nationalrat zog – trotz unvorteilhaftem Listenplatz.
Diese Sektion liege der Festivalpräsidentin Doris Fiala besonders am Herzen. Sie erinnere die ehemalige FDP-Nationalrätin an ihre Tätigkeit am Europarat in Strassburg. (sda/cbe/ma)