Das gab's am Broadway noch nicht: provozierende Mittelfinger, zerrissene Jeans, fettige Haare. Die Punk-Rocker von Green Day haben ihr Album "American Idiot" auf einer grossen New Yorker Bühne laut und aggressiv in Szene gesetzt. Dort wo sonst die schmalzigen Disney-Songs von "König der Löwen" ertönen, schleudern die Sänger dem Publikum entgegen: "Don't want to be an American Idiot/One nation controlled by the media/Information age of hysteria".
Nicht nur die Premiere am Dienstagabend im St. James Theater war ausverkauft, sondern auch die Vorschauen, die bereits seit Ende März liefen. Mit tosendem Applaus feierte das Publikum die mitreissende, energiegeladene Show von Regisseur Michael Mayer. "Die 13 Songs von 'American Idiot' beinhalten eine komplette emotionale Reise. Die Stimme der Show ist "Green Day", sagte Mayer in einem Interview. Zusammen mit Billie Joe Armstrong von Green Day hatte er die Storyline entwickelt.
In 95 Minuten ohne Pause und mit wenig gesprochenem Text erzählt das Musical von drei guten Freunden, die aus einer langweiligen amerikanischen Vorstadt ausbrechen - mit fatalen Konsequenzen: Johnny, der sich selbst "Jesus of Suburbia" tauft, gerät auf dem Weg in die weite Welt in den Einfluss eines Drogendealers. Tunnys glühender Patriotismus kostet ihn ein Bein beim Militär-Einsatz für sein Land. Nur Will schafft es nicht, mal von seiner Couch aufzustehen, nachdem ihm seine Freundin mitteilt, dass sie schwanger ist. "Wir fanden immer, dass es eine Art Bühnenversion geben sollte, weil wir das wirklich so im Kopf hatten. Und Michael hat sich an das Wesentliche des Albums gehalten", sagte Armstrong in einem Interview mit MTV.com. "Während wir American Idiot schrieben, versuchten wir politisch gesehen Sinn aus einem grossen Durcheinander zu machen. Wir versuchten, etwas zu finden, an das wir glauben können. Es geht um Leute, die verloren gingen und versuchen ihren Weg zu finden."
Mit ihrem Album hatten die drei Kalifornier Armstrong, Mike Dirnt und Schlagzeuger Tre Cool 2004 genau ins Schwarze getroffen. Auf der Höhe der George Bush-Ära fragten sich junge Vorstadtkinder inmitten von Terror-Angst, Irak-Krieg und Medien-Overkill, wo denn bitte ihr versprochener amerikanischer Traum geblieben ist. Rocksongs wie "Boulevard of Broken Dreams", "Jesus of Suburbia" oder "Give Me Novacaine" hauten genau in die Kerbe. Sie klingen bitter und desillusioniert. Die Platte verkaufte sich millionenfach. Green Day gewann mehrere Grammys, darunter für das Album des Jahres. Die Punk-Rocker sehen sich in der Tradition der grossen Rock-Opern wie Pink Floyd "The Wall" oder "Quadrophenia" von The Who. (sda)