Bären-Stress, Turnschuhe und Pflastersteine

Swiss Music Awards - Andres Andrekson alias Stress im Interview.

Andres Andrekson alias Stress ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Musiker der Schweiz. Neben der Musik, arbeitet der 35-jährige Romand estnischer Herkunft mit etlichen Marken wie Navyboot, Coop oder Mini zusammen. Mit Bear Inc. betreibt er auch sein eigenes Bekleidungsunternehmen - jüngst in die Schlagzeilen geraten wegen dessen Omnipräsenz im Format "The Voice". Im Interview erklärt er, wie er mit der angespannten Situation im Musikmarkt umgeht, wie man die richtigen Kooperationspartner findet, wie er am Liebsten kommuniziert und was die Nomination für den Swiss Music Award in der Kategorie "Best Album Urban" für ihn bedeutet. 

Stress, am Freitag finden zum sechsten Mal die Swiss Music Awards statt. Welche Bedeutung hat der Event für Sie?
Ich finde es ausgesprochen gut, dass es in der Schweiz einen Event für Musikerinnen und Musiker gibt. In diesem Land gibt es ziemlich viele Bands und Künstler und das Niveau ist mehr als ordentlich.

Sie sind mit der CD "Noel’s Room" nominiert für einen Swiss Music Award. Sechs von diesen Betonpflastersteinen haben Sie in der Vergangenheit schon gewonnen. Ist man da noch begeisterungsfähig?
Sicher, ich habe mich sehr gefreut über die Nominierungen. Es sind übrigens zwei: Ich bin mit meiner Band ausserdem noch in der "Live"-Kategorie nominiert. Da Live Music einen besonders hohen Stellenwert hat heutzutage und wir oft auf der Bühne stehen, legt man darauf besonderes Gewicht. Dort vorne mit dabei zu sein, bedeutet etwas.

Bringen Events wie die Swiss Music Awards oder Sendungen wie "The Voice" das Schweizer Musikschaffen voran?
Swiss Music Awards sind eine gute Sache. Schön, dass es sie gibt. Erfolgreiche, aktuelle Musik wird ins Schaufenster gestellt und ausgezeichnet. Wenn du eine Musiker bist und hart, hart arbeitest, ist es schön Aussicht auf Anerkennung und eine Belohnung zu haben. "The Voice" hingegen ist ein Fernsehformat und damit etwas völlig Anderes. Dort gibt man Künstlern eine Plattform, die noch an einem anderen Punkt in ihrer Karriere stehen. Sie können sich dann einem grösseren Publikum vorstellen und einen Schritt nach vorne machen.

Wie eng arbeiten Sie eigentlich mit den Künstlern zusammen, die Sie für Ihr Team ausgesucht haben?
Ziemlich eng. Aber in Minuten oder Stunden kann ich das jetzt nicht genau beziffern. Meine Aufgabe besteht vor allem im psychologischen Bereich. Ich versuche ihnen vor allem Selbstvertrauen einzuflössen und Halt zu geben. Manche werden mit dem Druck nicht fertig. Andere wissen noch nicht um ihre Stärken, um ihre Einzigartigkeit. Eine Sängerin aus meinem Team hat zum Beispiel bis jetzt immer im Background gesungen. Man muss ihr also klar machen, dass sie das Zeug hat, um im Mittelpunkt zu stehen.

Wissen Sie schon, ob Sie mit dem einen oder anderen Künstler auch über das Ende der Sendung hinaus zusammenarbeiten werden?
Nein, das kommt auch darauf an, was sie selber wollen und wie viel Willen sie aufbringen, um sich in diesem Business durchzusetzen. Wie ich schon gesagt habe, ist diese Show eine Plattform. Sie müssen sich danach entscheiden, was sie mit ihren Erfahrungen anfangen.  Wie viele Gewinner von solchen Shows haben es bis jetzt zu irgendwas gebracht? Nicht eben viele. Es kommt wirklich auf den Fokus und auf die Motivation der einzelnen Person an. Das muss man alles selber aufbringen.

Sie haben zum Teil Künstler in Ihr Team gewählt, die man nicht bei Ihnen erwartet hätte. Wie sind Sie vorgegangen?
Ich habe mich dabei auf mein Bauchgefühl verlassen. Ich glaube, das funktioniert nur so. Unbewusst führt mich das meist zu einer guten Entscheidung. Ich suche das Ungewöhnliche, das Spezielle.

Sie waren sehr erfolgreich darin, die Leute anzuwerben. Wie war das für Sie?
Völlig okay. Die Herausforderung war es, schnell zu erfassen, was an einer Stimme, an einer Person speziell ist und dies auszudrücken. Und den Sängerinnen und Sängern klarzumachen, dass man sich für sie einsetzen wird. Darin bin ich, glaub ich, nicht schlecht – weil alles aus Überzeugung geschieht. 

Musik steht im Schaufenster, sei’s bei den Swiss Music Award’s, sei’s bei "The Voice", sei’s bei vielen anderen Gelegenheiten. Das Interesse an Musik scheint gross, sehr gross zurzeit. Trotzdem ist die Frage, wie Künstler daraus heutzutage Profit schlagen können, immer noch ungelöst. Sehen Sie für sich persönlich eine Lösung?
Ich stimme vor allem nicht mit Ihnen überein. Das Interesse an Musik ist deutlich zurückgegangen. Die Leute konsumieren Musik heute fast unbewusst. Sie läuft im Hintergrund während im Vordergrund ein Videospiel, ein Videoclip oder irgendwelche Social-Media-Anwendungen passieren. Der Fokus liegt nicht mehr bei der Musik. Das hat auch mit der Omnipräsenz zu tun. Diese Kunstform generiert nicht mehr gleich viel Leidenschaft, weil Musik inflationär eingesetzt worden ist. In den meisten dieser Casting-Shows geht es ja nicht in erster Linie um die Musik, sondern um das Spektakel, um das Gewinnen oder Verlieren.

Ist das eine Zwischenphase oder ist das eine neue Realität?
Ich schätze, dass dies womöglich die neue Realität ist. Keine Ahnung, wie man den Leuten wieder beibringen soll Musik zu kaufen, wenn sie andernorts frei verfügbar ist. Die 14- oder 15-Jährigen von heute nehmen das schon für selbstverständlich. Die Veränderungen haben beim Künstler und bei der Industrie stattzufinden.

Wie gehen Sie persönlich damit um?
Ich mache weiter Musik. Das erachte ich als sehr wichtig. Man darf sich von solchen Umständen nicht abhalten lassen. Ich muss einfach meine Leidenschaft ausleben. Ausserdem gibt es immer noch Leute, die Musik sehr ernst nehmen. Und wenn man Alben aufnimmt, bringt einem das nach wie vor etwas - um am Radio gespielt zu werden und um Tourneen spielen zu können.

Sie sind Marketingprofi, haben zwischendurch für Unilever gearbeitet und nun Verträge mit den verschiedensten Marken wie Navyboot, Mini und weiteren. Was ist Ihr Ratschlag für andere Bands?
Auf diesem Gebiet kann man meiner Meinung nach nichts erzwingen. Wenn man etwas in diese Richtung macht, muss es immer eine klare Verbindung zu deiner Person geben. Ist das der Fall und der Partner der richtige, dann kann man sehr sinnvolle, geschmackvolle Projekte umsetzen. Aber man muss sich immer bewusst sein, dass man mit Geschäftsleuten zu tun hat und dass wahrscheinlich nicht alle die gleiche Leidenschaft wie ein Künstler mit ins Boot bringen.

Wofür wären Sie der falsche Mann?
Ich könnte zum Beispiel keine Möbel designen. Da wäre ich einfach der Falsche mit meinem Background und meinem Geschmack. Es würde keinen Sinn machen. Auch bei Shampoo wäre ich mit einer Haarpracht wohl der Falsche (lacht). Bei Schuhen ist das etwas Anderes: Ich komme aus der HipHop-Kultur und habe eine Leidenschaft für Turnschuhe.

Kann jemand zu viele Werbepartner haben?
Klar.

Wie viele sind zu viele?
Das kommt ganz auf die Person und die Vielschichtigkeit  der Persönlichkeit an. Diese Marketingaktivitäten müssen ja immer eine Erweiterung der Persönlichkeit sein. Ich entwerfe und verkaufe urbane Mode und habe Turnschuhe designt. Das macht Sinn. Das nimmt man mir ab, denn das sind Dinge, die mich schon immer interessiert haben und von denen ich früher geträumt habe.

Diese Leidenschaft haben Sie auch schon für Navyboot ausgelebt und Schuhe designt. Wie verkaufen sich Ihre Modelle?
Ich würde übertreiben, wenn ich sagen würde, dass sie ein grosser Renner wären. Sie verkaufen sich wohl aber ganz okay. Das Unglückliche an der Sache ist, dass der Designer, mit dem ich die Schuhe entwickelt habe, nicht mehr für Navyboot arbeitet. Ganz generell ist zu sagen, dass man auf diesem Gebiet automatisch Fehler macht. Da muss man einfach durch, damit man am Schluss weiss, wo man hingehört. Ich buche das nicht als Misserfolg, sondern als Erfahrung ab. Ich habe verdammt viel gelernt von diesem Projekt.

Das Schweizer Fernsehen ist verklagt worden, weil Sie bei "The Voice" immer eine Jacke Ihrer Marke Bear Inc. trugen. Wird dies für Sie Konsequenzen haben?
Ich habe keine Ahnung. Ich bin einfach als ich selbst aufgetreten und niemand hat mir gesagt, ich solle mich anders verhalten oder etwas Anderes tragen. Wir werden sehen, was aus dieser Sache wird. Ich glaube, der Fall ist ziemlich offen. Da ich die letzten drei Wochen weg war, habe das alles gar nicht richtig mitbekommen.

Wenn Sie komplett frei wählen könnten: Wer würde Ihrer Meinung nach einen Swiss Music Award verdienen?
(überlegt) Bastian Baker hat ja schon einen bekommen, den Preis für die Romandie. Der ist sicher verdient. Und ich weiss, ich bin jetzt eine unoriginelle Zicke, aber jemand wie Noah Veraguth hat für mich enormes Talent. Ein Talent, das er noch längst nicht vollständig ausgeschöpft hat. Ich glaube wirklich, dass er einer der grossen Schweizer Musiker der Zukunft sein wird.

Noch eine abschliessende Frage: Wir haben dieses Interview in Englisch geführt. Auf der Bühne und bei "The Voice" sprechen sie nun immer mehr Schweizerdeutsch. Welches Verhältnis haben Sie zum Schweizerdeutschen?
Ich habe den Schritt mit Noel gemacht. Er ist hier zur Schule gegangen und so habe ich mit ihm Schweizerdeutsch reden gelernt. Während diesen sieben Jahren, hatte ich genug Zeit, um da richtig reinzukommen. Ich muss zugeben: Manchmal spreche ich deswegen auch wie ein Kind (lacht).

Was bedeutet das Erlernen einer Sprache für Sie?
Ich bin in Estland aufgewachsen. Als wir dann in die Schweiz gekommen sind, musste ich andere Sprachen lernen. Es ging gar nicht anders. In Estland waren Sprachen ein Zeichen der Hoffnung. Alle wollten einfach nur raus aus dem Land und weg vom Kommunismus. Deshalb verbinde ich mit Sprachen immer noch das Gefühl von Hoffnung und Freiheit. Wer viele Sprachen spricht, kann einfacher Informationen austauschen. In der heutigen Gesellschaft muss man einfach auch eine gewisse Flexibilität zeigen.

In welcher Sprache verständigen Sie sich am Liebsten?
Nach wie vor auf Französisch. Estnisch rede ich praktisch nur mit meiner Mutter. Eigentlich schade. Man trifft relativ wenig Esten an und verliert so auch den Kontakt zu der Kultur und dem Land.

Interview: Adrian Schräder / Bilder: Keystone