Herr Popp, heute geht tilllate mit neuem Erscheinungsbild online. Was ist ausser dem Look neu?
Wir haben die Usability stark verbessert und das Portal entschlackt. Die Inhalte haben wir auf die Hauptbestandteile Fotos, Kalender und Community konzentriert.
War die alte Website von tilllate zum Schluss überladen?
Wir hatten in der Tat sehr viele animierte Inhalte und Werbung, auf jeder Seite hat es an mehreren Orten geblitzt und geblinkt. Manchmal ist weniger mehr. Darum haben wir uns entschieden, die neue Website ruhiger zu gestalten und die Werbeflächen pro Seite zu reduzieren. Die einzelne Werbung gewinnt so an Aufmerksamkeit bei den Usern.
Welchen Einfluss hatte das boomende Facebook auf den Relaunch des Nightlife-Portals?
Auf das neue Design und das vereinfachte Layout gar keinen. Von der Bedienung her setzen die grossen Social Networks Standards, an denen wir uns für die Neugestaltung des Community-Bereichs zum Teil orientiert haben, gerade weil viele Inhalte bei uns in verschiedensten Unterseiten verstreut war -- hier hat z.B. ein News Feed für mehr Bedienungskomfort gesorgt. Dies ist ein verbreitetes Tool, das im härteren Konkurrenzkampf um die Verweildauer der User Vorteile bietet.
tilllate wird in der Öffentlichkeit der Partyszene zugeordnet -- inzwischen widmet sich ein grosser Teil der Arbeit aber auch der Business-Fotografie. Verschiebt sich das Geschäft in Zukunft weiter?
Wir wollen den Business-Bereich in den nächsten Jahren stark voran treiben -- ohne die Partyfotografie zu vernachlässigen. Mit dem jetzigen Redesign hat das aber nichts zu tun. Den Auftritt von Business tilllate werden wir in den nächsten Monaten überarbeiten.
Schadet das Image eines Nightlife-Portals im Business-Bereich?
Für viele Unternehmen ist tilllate gerade wegen dem Background aus der Partyszene urban und trendy. Es gibt aber auch Firmen -- zum Glück die absolute Minderheit -- die aufgrund der Partyfotografie an der Seriosität von tilllate für Business-Aufträge zweifeln. Wir haben einen Pool an speziell rekrutierten und ausgebildeten Business-Fotografen, die diese Aufträge abwickeln -- wir haben schon mit Privatbanken oder Luxusbrands zusammengearbeitet, was ein schöner Beweis für unsere Professionalität ist.
Nicht nur der Online-Auftritt ist neu. Die tilllate Schweiz AG hat seit kurzem auch eine neue Führungsstruktur mit nur noch einem anstelle von vier Geschäftsführern. Was hat diesen Schritt nötig gemacht?
Unsere Start up-Strukturen mit einer Vierer-Geschäftsleitung haben sich in den letzten Jahren bewährt, aber unser Wachstum macht nun eine neue Organisation notwendig. Wir wollten insbesondere die Strukturen vereinheitlichen, so dass alle Länderoganisationen gleich geführt werden. Wir werden auch die Führungsstruktur in der Holding den neuen Gegebenheiten anpassen.
Sie sind als Mitglied der Geschäftsleitung Head of Marketing & Sales. Lange hatte tilllate keine eigentliche Marketingabteilung. Wie ist man da jetzt aufgestellt?
Marketing haben wir auch bisher betrieben, hatten auch zwei Personen die sich um die Projekte gekümmert haben. Im Bereich Clubber beispielsweise sind unseren Fotografen in Europa an 8000 Events pro Monat präsent. Daraus generieren sich ca. 1,6 Millionen Direktkontakte zu unseren Usern. Das alleine ist natürlich schon eine riesige Promotion. Je nach Markt stehen aber Aufgaben wie Brand Image und allgemein der Auftritt nach aussen an. Darum haben wir jetzt eine fünfköpfige Marketing Unit aufgebaut.
tilllate expandiert seit längerem im Ausland. Mit Erfolg?
Wir sind inzwischen in 12 Ländern vertreten und dürfen uns in Europa mit 2,4 Millionen Unique Clients in Sachen Reichweite als führendes Nightlife Portal bezeichnen. Bezüglich Reichweiten sind wir in allen Märkten die Nummer 1, in einer Ausnahme die Nummer 2. In diesem Jahr haben wir im Ausland auch die ersten Werbeverkäufer engagiert und beginnen, Agenturen und Direktkunden anzugehen. Die ersten Kampagnen laufen bereits, und zwar mit Budgets, von denen wir beim Start in der Schweiz damals nur träumen konnten.
Das Geld verdient tilllate also in der Schweiz, das Wachstum wird aber im Ausland erzielt?
Das ist korrekt. Darum ist es auch eines unserer vorrangigen Ziele, die Vermarktung im Ausland schnell voran zu treiben, um auch dort Geld zu verdienen. Die ersten Entwicklungen stimmen uns sehr zuversichtlich.
Spielt für das Wachstum der Schweizer Markt überhaupt noch eine Rolle?
Bei der Reichweite bewegen wir uns in der Schweiz sicher an der oberen Grenze. Man muss sich dann fragen, ob es sich im hiesigen Markt noch lohnt, für 10'000 Unique Clients mehr wertvolle Ressourcen zu investieren. Bei der Kommerzialisierung haben wir aber auch in der Schweiz noch grosses Potenzial.
Tamedia hat sich an tilllate beteiligt, Axel Springer Schweiz hat partyguide.ch und usgang.ch gekauft. Was macht die Nightlife-Portale bei Medienkonzernen so begehrt?
Im Gegensatz zu vielen Start-Ups haben wir 1:1 bewiesen, dass sich das Business rentabel betreiben lässt und bei einem richtigen Setup lässt sich das Konzept im Ausland multiplizieren. Viele Ideen anderer Online-Start-Ups müssen sich erst noch bewähren. Ein weiterer Grund bestehen in den Synergien: Wir produzieren pro Monat sehr viel interessanten Content, von Fotos bis zum vollständigsten Eventkalender in Europa dies lässt sich in verschiedensten Medien mehrfach verwenden. Und last but not least ist die ganze Nightlife-Thematik ein starker Treiber des Konsums, nirgends will man besser aussehen, besser angezogen sein, die besten Gadgets dabei haben, als wenn man ausgeht. So gesehen ist das Nachtleben ein sehr attraktives Werbeumfeld.
Nightlife Portale scheinen bei Medienkonzernen also begehrt zu sein. Bauen Sie im Ausland nun tilllate-Gesellschaften auf, um sie möglichst schnell zu verkaufen?
Wir haben tilllate von Anfang an ohne Exit-Strategie im Hinterkopf aufgebaut. Die Weiterentwicklung des Unternehmens wurde sechs Jahre lang nur mit selber verdientem Geld vorangetrieben. Mit Tamedia als Partner können wir in der Schweiz nun weitere spannende Projekte wie das Jugendmagazin "Friday" oder Website-Partnerschaften anreissen. Diese Erfahrungen zeigen, dass das Modell allenfalls auch für unsere Auslandsgesellschaften spannend sein könnte. Das "schnelle Geld" spukt aber nach wie vor nicht in unseren Köpfen herum, wir arbeiten nach wie vor an der Vision, ein weltumspannendes Nightlife-Medium aufzubauen.
Was befürchten Sie am Tag des Relaunch am meisten: Die Reaktionen der User oder technische Probleme?
Wir haben das neue Layout bereits mit Erfolg bei der Zielgruppe und den Werbern getestet. Insofern rechne ich nicht gross mit negativen Reaktionen. Die neue Technik ist ebenfalls seit längerer Zeit ohne relevante Probleme im Betrieb, jetzt wird nur auf das neue Oberflächen-Design umgeschaltet. Wir müssen aber damit rechnen, dass die Nutzungszahlen von tilllate zuerst sinken wie bei vielen Relaunches beobachtet. Die Leute brauchen jeweils eine gewisse Zeit, bis sie sich an ein neues Layout und eine neue Navigation gewöhnt haben. Wir haben aber bereits jetzt viele Ressourcen für die weitere Verbesserung und Anpassungen am neuen Design reserviert, um uns schnell den Erfahrungen anpassen zu können.
(Interview: Stefan Wyss)
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